Wegen mehrerer Schicksalsschläge haben Hannelore, Gisela und Ayleen Kasper aus Kornwestheim Mietschulden angehäuft. Nach jahrelangem Streit mit dem Wohnbauunternehmen benötigen die drei Frauen schnell eine neue Bleibe. Droht gar die Obdachlosigkeit?
Ist die Familie Kasper bald ohne festen Wohnsitz? Seit 22 Jahren ist Hannelore Kasper (76) bereits in einem Mietshaus in der Bolzstraße in Kornwestheim heimisch. Dort wohnt sie mit ihrer Tochter Gisela (53) und Enkelin Ayleen (23) – noch. Von ihrem Vermieter werden die Kaspers nämlich sehr bald vor die Tür gesetzt. Eine neue Wohnung ist trotz langer Suche bislang nicht in Sicht.
Der Krebs hat der Familie in der Vergangenheit schwer zugesetzt. Der Ehemann von Hannelore Kasper ist vor einigen Jahren an den Folgen von Kehlkopfkrebs gestorben. „Vier Jahre lang haben wir ihn vorher gepflegt“, sagt sie. 20 Prozent der Behandlungskosten habe die Familie selbst stemmen müssen, weil der Familienvater als früherer Beamter privat versichert war. Das war nicht der einzige Schicksalsschlag. 2014 ist Tochter Gisela zum ersten Mal an Brustkrebs erkrankt. Im folgenden Jahr tauchte erneut ein Tumor in der Brust bei ihr auf. „Ende 2015 kam noch ein gutartiger Lungentumor hinzu“, sagt die 53-Jährige. Die Chemotherapien belasteten ihren Körper. Weitere Operationen, unter anderem an der Hüfte, wurden notwendig. Auch Hannelore Kasper blieb nicht verschont. Sie hat ebenfalls eine Krebsdiagnose hinter sich.
Mietschulden angehäuft
Nach den Operationen und sonstigen Behandlungen geht es den beiden Frauen inzwischen gesundheitlich wieder deutlich besser. Mutter, Tochter und Enkelin können wieder einer geregelten Arbeit nachgehen. Die langen Krankheiten haben jedoch zu Mehrkosten und Verdienstausfällen geführt. Sozialleistungen würden ihnen seit Ende 2019 nicht mehr bewilligt. „Obwohl ich damals noch arbeitslos war“, sagt Gisela Kasper, die mittlerweile – wie ihre Tochter Ayleen – eine Anstellung bei einem regionalen Postdienstleister gefunden hat. Nach mehreren erfolglosen Anträgen hat sie aufgegeben, finanzielle Hilfe zu erbitten. „Irgendwann hat man keine Kraft mehr zu kämpfen“, sagt sie. Einige Zeit lang konnte die Familie die Miete somit nicht begleichen. Daher haben sich bei ihrem Vermieter, dem Wohnungsunternehmen Vonovia, vor allem in den Jahren 2019 und 2020 Schulden in einer Gesamthöhe von mehr als 8000 Euro angehäuft.
Wohnungsunternehmen lehnt Ratenzahlung ab
Die drei Frauen würden die Schulden gerne in Raten zurückzahlen. Das aber lehnt Vonovia in diesem Fall ab, bestätigt Olaf Frei, ein Pressesprecher des Unternehmens. Grundsätzlich seien Ratenzahlungen zwar möglich, um Mietrückstände zu begleichen. „Das Vertrauensverhältnis ist aber zerrüttet“, erklärt Frei. Bereits seit etwa sieben Jahren gebe es immer wieder Probleme und diverse Beschwerden seitens der Nachbarschaft. „Um des Hausfriedens willen mussten wir leider handeln“, sagt der Pressesprecher bezüglich der Räumungsklage. Die erste Frist zum Auszug, der 31. Dezember 2022, sei bereits verstrichen. Dem Vorwurf, dass es Streit mit den Nachbarn gibt, widersprechen die Kaspers allerdings vehement.
Aufgrund der langen Auseinandersetzung zwischen den Kaspers und Vonovia sucht die Familie seit eineinhalb Jahren nach einem neuen Zuhause für sich und Chihuahua-Hündin Bonny, allerdings ohne Erfolg. Manche Angebote liegen deutlich über dem Budget der Kaspers, die drei bis dreieinhalb Zimmer benötigen. Sie könnten im Monat lediglich bis zu 1250 Euro Warmmiete zahlen, sagt Hannelore Kasper. Momentan sind es knapp 1000 Euro warm für viereinhalb Zimmer. Sie suchen nicht nur direkt in Kornwestheim, sondern auch in der Umgebung.
Konstellation ist für Makler schwierig
Aber auch wenn ein Angebot grundsätzlich passt, ist es schwierig. Dass drei Frauen zusammenwohnen, mache etliche Makler und Vermieter bei den Besichtigungen skeptisch. Sie wünschen sich oftmals eine klassische Familie als Mieter, erklärt Gisela Kasper. „Dabei sind wir auch eine Familie, nur nach dem Tod meines Vaters ohne Mann“, sagt sie empört. Die Konstellation sei bei der Wohnungssuche hinderlich. „Uns wurde sogar schon unterstellt, dass wir lesbisch sind“, sagt ihre Mutter kopfschüttelnd.
Die Kaspers haben begonnen, ihre Sachen zu packen. Die Familie rechnet damit, dass sie spätestens Mitte Februar tatsächlich ausziehen muss. Weil die nächste Verwandtschaft im Saarland lebt, wird es für sie schwierig, vorübergehend Unterschlupf zu finden. „Ich habe Sorge, dass wir in einen Container ziehen müssen und unsere Hündin nicht mitnehmen dürfen“, sagt Gisela Kasper. Womöglich bleibe dann nur die Alternative, im Auto zu übernachten.
Mit der Kornwestheimer Verwaltung haben die Kaspers Kontakt aufgenommen. Wenn jemand die Obdachlosigkeit droht, versucht die Stadt, mit der Fachstelle Wohnungssicherung der Wohnungslosenhilfe im Kreis Ludwigsburg eine Lösung zu finden. „Im Falle einer Obdachlosigkeit ist die Stadt zur Unterbringung in Obdachlosenunterkünften rechtlich verpflichtet“, sagt Bürgermeisterin Martina Koch-Haßdenteufel.
Vonovia: rund 700 Wohnungen in Kornwestheim
Geschäftsfeld
Das Wohnungsunternehmen Vonovia ist nicht nur bundesweit, sondern auch international tätig. Es bezeichnet sich als Dienstleister und Anbieter von Wohnungen für rund eine Million Menschen. In Kornwestheim besitzt Vonovia rund 700 Wohnungen. Das Unternehmen hat unter anderem ehemalige Eisenbahnerwohnungen aufgekauft, um sie zu vermieten.
Weststadt
In der Bolzstraße, im Westen von Kornwestheim, ist die Firma seit 2019 dabei, eine Siedlung ehemaliger Eisenbahnerwohnungen aus den 1950er und 1960er Jahren zu erweitern. Durch Modernisierungen, Dachaufstockungen und einen Holzneubau sollen entlang der Bolzstraße 102 bis 146 insgesamt 97 neue Wohnungen entstehen. Die Investitionskosten des Projektes hat Vonovia jüngst auf rund 34 Millionen Euro beziffert. Der Abschluss der letzten Maßnahmen der sechs Bauabschnitte ist für das laufende Jahr vorgesehen.