Streit im Kirchenparlament in Stuttgart Widerstand gegen hohen Verlust von Pfarrstellen

Von Michael Trauthig 

In der Kirche geht auch die Zahl der Pfarrer zurück. Foto: dpa
In der Kirche geht auch die Zahl der Pfarrer zurück. Foto: dpa

Die württembergische Landeskirche streicht jede achte Pfarrstelle. In Stuttgart sind es aber deutlich mehr. Dagegen gibt es Widerstand. Bad Cannstatt hat dabei den Minus-Rekord.

Stuttgart - Nirgendwo schlägt die Streichung von Pfarrstellen durch die württembergische Landeskirche so stark zu Buche wie in der Landeshauptstadt. Das hat am Wochenende zu erregten Debatten in der evangelischen Landessynode geführt, wo es aus Stuttgart Widerstand gegen die Pläne gab. Während nämlich im Durchschnitt bis 2024 jede achte dieser Stellen wegfällt, sind es in den hiesigen Kirchenbezirken zum Teil deutlich mehr: Bad Cannstatt soll fast 25 Prozent – und damit jede vierte Pfarrstelle – verlieren – ein Minus-Rekord. Auch im Dekanat Zuffenhausen (minus 22,7 Prozent) und in Degerloch (minus 21,5 Prozent), sind die Einschnitte hoch. Ähnlich stark betroffen ist nur noch der Kirchenbezirk Ditzingen.

Der Stadtdekan Søren Schwesig, dessen Bezirk noch einigermaßen glimpflich davon kommt, hat die Kürzungen jüngst verteidigt und darin einen heilsamen Zwang zur Veränderung erblickt. Deutlichen Widerspruch erntet er nun von der designierten Degerlocher Dekanin Kerstin Vogel-Hinrichs: „Wir überspannen den Bogen und lösen ungeheuren Frust aus“, warnte die Theologin vor dem Kirchenparlament im Hospitalhof. Angesichts von Rekordeinnahmen bei der Kirchensteuer sei der Zeitpunkt denkbar ungünstig, diesen Pfarrplan 2024 jetzt zu beschließen.

Nach Ansicht der momentan noch in Asperg tätigen Pfarrerin wird bei den Kürzungen die komplexe Situation in der Großstadt vernachlässigt, in der die Menschen viele konkurrierende Angebote wahrnehmen könnten. Vogel-Hinrichs warb dafür, den Pfarrplan zwei Jahre auszusetzen, um Alternativen zu prüfen und neue Gemeindekonzepte zu entwickeln.

Gefordert wird eine Obergrenze für das Minus

Auch andere Synodale aus Stuttgart setzten sich für eine Korrektur der Pläne ein. In der Stadt habe die Kirche einen schwierigen Stand, sagte Peter Reif von der Offenen Kirche. Die Landeskirche, so seine Mahnung, solle eine Obergrenze für die Verluste einziehen. Für Bad Cannstatt würde dies bedeuten, dass man eine Stelle retten könnte. Auch Franziska Stocker-Schwarz von der Lebendigen Gemeinde zeigte Sympathie für diese Deckelung. Und Dieter Abrell gab zu: „Es ärgert mich, dass die Quoten hier so hoch sind.“

Doch die Einwürfe änderten nichts. Mit großer Mehrheit segnete die Synode die Pläne nach rund dreieinhalbstündiger Diskussion ab. Angesichts des Mitgliederschwundes habe man keine Alternative zu der schmerzlichen Entscheidung, lautete das Fazit der Mehrheit. Denn die Zahl der Gemeindeglieder wird voraussichtlich von jetzt 2,1 Millionen in Württemberg bis 2030 auf 1,6 Millionen sinken. Dieser Aderlass wird auch die Kirchensteuereinnahmen in Mitleidenschaft ziehen. Auch deshalb sollen in den nächsten sieben Jahren 220 Pfarrstellen wegfallen, ohne dass es zu Kündigungen kommt.

Parallel soll ein Bündel an Maßnahmen den Gemeinden helfen, den Wandel zu gestalten, Strukturen zu reformieren und Kooperationen einzugehen. Dafür stehen bis 2040 insgesamt 100 Millionen Euro bereit. Das Geld fließt auch in zusätzliche Stellen für Religionspädagogen und Diakone. Zudem hat die Landeskirche eigens von einer Agentur in Tübingen eine Kampagne entwickeln lassen, die an der Basis Verständnis für den Pfarrplan erzeugen soll.

Künftig soll es mehr Beteiligung geben

Gleichwohl herrscht Unmut, dass diese Transparenz-Offensive nicht weit genug gehe. Besser wäre es gewesen, so merkten viele Redner an, wenn die Verantwortlichen nicht nur isoliert die Pfarrstellen betrachtet hätten, sondern ein übergreifendes Konzept zur Entwicklung der Gemeinden und der Kirche erstellt hätten. Konkret müsse es da um eine Verwaltungsreform, um einen Neuzuschnitt der Kirchenbezirke und um die Aufgabenverteilung in den Pfarreien gehen. Dabei seien alle Betroffenen frühzeitig zu beteiligen. Dies will man nun in Zukunft besser machen. Der schon in Aussicht genommene Pfarrplan 2030 soll, so der Wunsch der Mehrheit, genau nach einem solchen Muster entstehen.

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