Am Donnerstag wird in Böblingen ein Großteil der Stadtverkehrslinien bestreikt. Die Gewerkschaft Verdi hat Beschäftigte privater Busunternehmen zum Ausstand aufgerufen. Fahrgäste sollten Alternativen suchen.
Mehr Gehalt für die Beschäftigten und mehr Geld im Monat für die Auszubildenden. Dazu noch Mitarbeitervorteile und ein Übertrag der Abschlussergebnisse auf die Verwaltungsbeschäftigten. Dafür wollen am Donnerstag und Freitag Beschäftigte von privaten Busunternehmen auf die Straße gehen. Die Unternehmen werden dabei je eintägig bestreikt. Aufgerufen zu dem Ausstand hat die Gewerkschaft Verdi. Der Streik wird sich im Kreis Böblingen wohl deutlich bemerkbar machen. So sind voraussichtlich ein Großteil der Linien im Stadtverkehr Böblingen/Sindelfingen betroffen. Der Schienenersatzverkehr auf der Schönbuchbahn wird aber beispielsweise laut Landratsamt nicht bestreikt.
Anlass für den Streik ist die bevorstehende Verhandlungsrunde für rund 9000 Beschäftigte der privaten Busunternehmen am Mittwoch, 15. Januar. Davor wollen Gewerkschaft und Streikende Druck auf den Arbeitgeberverband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmen (WBO) aufbauen. In der jüngsten Verhandlungsrunde am 18. Dezember sei nämlich von der Arbeitgeberseite kein zufriedenstellendes Angebot gemacht worden, so Verdi. Das sieht der WBO anders und bezeichnet die Forderungen als „völlig aus der Luft gegriffen.“
Auch Linien auf Schönbuchlichtung betroffen
Die Tariflöhne im privaten Omnibusgewerbe seien in den letzten 24 Monaten um rund 15 Prozent gestiegen, teilt WBO-Geschäftsführerin Yvonne Hüneburg mit. Das stelle bereits eine enorme Belastung für die Arbeitgeberseite dar. Zudem liege die Inflationsprognose für 2025 bei etwas über zwei Prozent. Dass Verdi gleich zu Beginn der Verhandlungen so massiv auf Konfrontation gehe, lasse „ jegliches Maß und Ziel vermissen“, kritisiert die Geschäftsführerin.
Im Kreis Böblingen folgen voraussichtlich die Beschäftigte von drei Unternehmen dem Streikaufruf für Donnerstag. So wollen Busfahrerinnen und -fahrer der Firma Pflieger streiken, was massive Auswirkungen auf den Stadtverkehr in Böblingen und Sindelfingen haben dürfte. Außerdem beteiligen sich die Beschäftigten von Friedrich Müller Omnibus (FMO), einer Bahntochter. FMO betreibt unter anderem die Schnellbuslinien zwischen Nürtingen und Böblingen beziehungsweise Waldenbuch und Böblingen über Schönaich und Steinenbronn. Ein Bahnsprecher spricht von „flächendeckenden Streiks“ an allen FMO-Standorten. Auch die Firma Wöhr ist laut Verdi beim Streik dabei. Wöhr bedient beispielsweise die Linie 634 zwischen Weissach und Leonberg. Eine Kundgebung ist Verdi zufolge in Böblingen nicht vorgesehen. Stattdessen sollen sich die Streikenden in den Betriebshöfen einfinden.
Busfahrer kritisieren Arbeitszeiten
„Morgen fährt nichts“, fasst die Gewerkschaftssekretärin am Mittwoch zusammen. Man hoffe, dass die eintägigen Warnstreiks ausreichten. Schließlich wolle man die Fahrgäste nicht über Gebühr belasten. „Der Arbeitgeber hat’s letztlich in der Hand“, sagt die Gewerkschafterin darüber, wie hart die Streiks den Busverkehr im Kreis treffen.
Eine kleine Umfrage am Böblinger ZOB unter Busfahrern, die alle anonym bleiben wollen, zeigt, dass viele bereit sind zu streiken. Die Lohnerhöhung müsse sein, weil die Lebenshaltungskosten gestiegen seien, meint ein Busfahrer. Doch nicht nur die Bezahlung, sondern auch die Arbeitsbedingungen spielen eine Rolle. „Ich fange zu unterschiedlichen Zeiten an, höre zu unterschiedlichen Zeiten auf und bin auch am Wochenende und an Feiertagen im Einsatz“, fasst ein Pflieger-Busfahrer zusammen. „Und dann werde ich auch noch beschimpft und beleidigt, wenn etwas nicht klappt.“ Dabei sei es teils kaum möglich, die Fahrzeiten einzuhalten – weil unaufmerksame Autofahrer am Handy spielten und die grüne Ampel verpassten oder Baustellen zu Umleitungen zwängen. Hinzu kommt: Nach wie vor fehlen Busfahrer, was von denjenigen, die da sind, aufgefangen werden muss.
Neues Linienkonzept kommt nicht überall gut an
Ob er streiken wolle? „Selbstverständlich“, lautet die Antwort eines weiteren Pflieger-Busfahrers. Es gehe ihm nicht nur um den Lohn, sondern auch um ein Thema, das Böblingen und Sindelfingen spezifisch betrifft. Er kritisiert das neue Linienkonzept im Stadtverkehr Böblingen/Sindelfingen, das seit Januar gilt und die Linienführung optimieren soll. Die Arbeitszeiten seien dadurch schlechter geworden, mit längeren Pausen und dadurch längeren Schichten. „Wenn es so weitergeht, gehe ich weg.“ Eine Kritik, die der erste Kollege zwar nachvollziehen kann, aber für verfrüht hält. „Manche Änderungen machen schon Sinn.“
Alle, die auf Busse angewiesen sind, stellt der Streiktag sicher vor große Herausforderungen. „Dann muss ich morgen ein Taxi nehmen oder zu Fuß gehen“, sagt etwa eine Passagierin, die auf dem Rauhen Kapf wohnt und am ZOB auf einen Bus wartet. Den Streikgrund könne sie aber nachvollziehen. „Die Busfahrer haben ganz schreckliche Arbeitszeiten, ich gönne ihnen mehr Geld.“
Welche Verbindungen vom Streik betroffen sind
Wer beim Streik dabei ist
Laut Verdi wollen sich Beschäftige von Pflieger, Friedrich Müller Omnibus (FMO) und Wöhr am Streik beteiligen. Das wirkt sich auf den Stadtverkehr in Böblingen/Sindelfingen und rund um Leonberg auf die Linien 634, 634 a, 635, 636 und 637 aus. FMO bedient unter anderem die Schnellbuslinien X16 und X76, aber auch die Linien 734, 752, 756, 760, 761 auf der Schönbuchlichtung.
Anzahl privater Busunternehmen
Insgesamt gibt es laut WBO-Geschäftsführerin Hüneburg rund 400 private Busunternehmen in Baden-Württemberg, von denen sich laut Verdi 30 am Streik beteiligen.
Neues Linienkonzept
Seit 1. Januar 2025 gilt im Stadtverkehr Böblingen/Sindelfingen ein neuer Fahrplan. Es wurden unter anderem Linien verlängert, zusammengelegt und Fahrzeiten angepasst.