Zahnärzte stehen vor großen Herausforderungen. Unter anderem erschweren Bürokratie, eine komplizierte Budgetierung sowie Fachkräftemangel ihre Arbeit. Eine Praxis zu eröffnen, gilt immer weniger jungen Ärzten als attraktiv.
Zahnärzte, das sind doch die Typen mit Rolex, Porsche und Villa. Oder? „In den 70er und 80er Jahren waren Zahnarztpraxen aus wirtschaftlicher Sicht meist Selbstläufer“, gibt Alexander Raff (59) zu. „Aus dem Vollen geschöpft“ habe man damals. „Mit der Lebenswirklichkeit von heute hat dieses Klischee aber längst nichts mehr zu tun“, sagt der Zahnarzt weiter.
In Stuttgart-Vaihingen betreibt er mit seiner Kollegin Jessica Dreidoppel (41) eine Gemeinschaftspraxis – und die beiden stehen vor großen, immer komplexer werdenden Herausforderungen. So machen ihnen und ihren Kolleginnen und Kollegen etwa die Bürokratie und die Budgetierungen die Arbeit schwer. Bei einem landesweiten Protesttag samt Praxisschließungen haben die Zahnärzte nun auf ihre Probleme aufmerksam gemacht – und mit Patienten sowie Vertretern aus der Politik das Gespräch gesucht.
Der „Bürokratiewahn“ kostet viel Zeit
Der intensive Kontakt zwischen Patient und Arzt sei für sie das Essenzielle an ihrem Beruf. „Doch das Zwischenmenschliche fällt immer mehr unter den Tisch“, kritisieren Raff wie Dreidoppel. Es fehlt oft schlicht die Zeit. Verantwortlich machen sie dafür unter anderem „Bürokratiewahn“, wie es Raff nennt.
Ob Beratungsgespräch, Vorsorge oder das Ziehen eines Zahns: Alles muss detailliert dokumentiert werden. Bei einem Eingriff in der Mundhöhle etwa sind es zehn Formulare, die Arzt und Patient ausfüllen müssen. Im Schnitt fallen 24 Stunden pro Woche für die Abläufe an. Laut einer Umfrage fühlen sich 97 Prozent der Zahnärzte durch den Apparat überlastet, 81 Prozent sehen ihre Arbeit durch eine praxisferne Digitalisierung beeinträchtigt. „Da ist viel zu wenig durchdacht“, kritisiert Raff.
Die Gebührenordnung stammt von 1988
Dazu kommt die intensive Vorbereitung für Behandlungen: Jedes einzelne Instrument muss verpackt und codiert sein, um bei etwaigen Unstimmigkeiten eine Rückverfolgung möglich zu machen. Klar, Qualitätsmanagement und die strikte Einhaltung von Hygienestandards seien wichtig: „Aber wir haben eine enorme Überreglementierung“, bemängelt Raff. All das koste Zeit, Geld – und sei überdies nicht gerade umweltfreundlich, erklären Dreidoppel und Raff ihrem Gast. Am Protesttag unterhält sich der SPD-Landtagsabgeordnete Florian Wahl, Vorsitzender des Ausschusses für Soziales, Gesundheit und Integration des Landtags, mit den beiden Ärzten.
Auch Wahl findet, dass am Bürokratieabbau gearbeitet werden muss. Allerdings ist er wenig optimistisch: „Es gibt kaum ein Thema, bei dem man sich seit Jahrzehnten so einig ist, wo aber so wenig voran geht.“ Dass ein Handschlag nicht mehr als verbindlich gelte, sieht er als eines der Grundprobleme. Jeder wolle sich so gut wie möglich absichern. „Aber diese auch gesellschaftlich erwartete Verrechtlichung kostet uns eben Zeit und Geld.“ Geld, das dann oft nicht für die nötigen Behandlungen da ist.
Es gehe ihr immer darum, alle Patienten bestmöglich zu versorgen, sagt Jessica Dreidoppel. Das funktioniere aber nur, wenn die Krankenversicherungen die Arbeit auch ausreichend bezahlen. Doch die strikte Budgetierung der vergangenen Jahre verbunden mit gestiegenen Betriebskosten und einer Gebührenordnung, die seit 1988 kaum angepasst wurde, stellt für Praxisinhaber eine massive Herausforderung dar.
Praxen finden keine Nachfolger
Trotz aller Kritik an der derzeitigen Gesundheitspolitik: „Ich liebe meinen Beruf“, stellt Jessica Dreidoppel klar. Auch daher habe sie vor eineinhalb Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt und dafür einen Riesenkredit aufgenommen. Derartige unternehmerische Risiken schrecken allerdings viele junge Ärzte ab. Die Zukunft der Zahnmedizin ist zudem weiblich – und Frauen haben oft andere Erwartungshaltungen an die Arbeitswelt. Um Beruf und Familie vereinbaren zu können – auch Dreidoppel ist verheiratet und hat drei Kinder – arbeiten sie etwa in Teilzeit und lassen sich anstellen. Die Konsequenz: Viele Zahnarztpraxen finden keine Nachfolger.
In der Stadt ist die Versorgung zwar noch gewährleistet. Auf dem Land jedoch sind die Zahlen wie bei vielen Gesundheitseinrichtungen rückläufig. „Das Thema Budgetierung von Berufsanfängern müssen wir uns daher unbedingt noch mal sehr kritisch ansehen, sonst wird es immer weniger attraktiv, eine Praxis zu eröffnen“, sagt Wahl.
Raff hofft derweil, dass der Aktionstag sensibilisiert hat: „Für die Folgen, die es haben wird, wenn die Politik nicht gegenlenkt.“