Das Milaneo ist ein Anziehungsort für Jugendliche. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Mit ihren Begrüßungsritualen und Schlägereien haben Jugendcliquen die Stadtbibliothek aufgemischt. Mit einem Streetworker-Projekt und neuen Kulturformaten soll die Situation einen positiven Dreh bekommen. Stadträte sehen dabei das Milaneo mit in der Pflicht.

Stuttgart - Wer hätte gedacht, dass im Europaviertel einmal Leben einkehren würde? Das Viertel mit seiner „bundesweit einzigartigen Kombination von Kultur und Kommerz“ sei vor allem für Jugendcliquen attraktiv, sagte Klausjürgen Mauch von der Evangelischen Gesellschaft (Eva) im Jugendhilfeausschuss. „Anderorts leckt man sich die Finger danach“, sagte Bürgermeisterin Isabel Fezer (FDP). Mauch und seine Kollegin Jutta Jung von der Mobilen Jugendarbeit der Caritas berichteten über die Umtriebe dieser Cliquen am Mailänder Platz – und zogen Bilanz über einen Streetworker-Einsatz im Frühsommer 2016.

Die Jugendcliquen hatten nicht nur das Milaneo für sich entdeckt, sondern auch die Bibliothek in Beschlag genommen, wie deren Vizechefin Elke Brünle berichtete. Zitat eines Jugendlichen: „Die Bibliothek ist einfach geil – die sieht voll schön aus, von innen und von außen – wir können dort gut abhängen.“ Doch dies habe, so Brünle „schnell zu Konflikten im Haus geführt - problematisch war für uns der Umgang mit den Cliquen und ihrer Dynamik. Hausverbote erschienen uns nicht nachhaltig.“

Mobile Jugendarbeit sieht „großes Konfliktpotenzial“

Deshalb habe man die mobile Jugendarbeit eingeschaltet, die daraufhin ein Praxisforschungsprojekt aufsetzte, das von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart begleitet wurde. 75 Prozent der Jugendlichen kämen demnach aus Stuttgart, die meisten aus nördlichen Bezirken, 30 Prozent aus Flüchtlingsunterkünften, so Jung – „ein großes Konfliktpotenzial“. Mauch sagte: „Da treffen Welten aufeinander.“

Auf Nachfrage von Klaus Nopper (CDU) berichtete Stefan Hetterich vom Jugenddzernat der Polizei von „größeren Auseinandersetzungen, die auch kriminalpolizeilich bearbeitet werden“, auch gefährlicher Körperverletzung. „Es gab Festnahmen und Haftbefehle – wir hatten die Rädelsführer in Haft bekommen“, so Hetterich.

Streetworker sollen Bibliothekare schulen

Weil derlei Einsätze nicht zur klassischen Bibliothekarsausbildung gehören, ist von Herbst an ein Fortsetzungsprojekt geplant, mit drei Mitarbeitern – nicht dauerhaft, sondern zunächst für zwei Jahre, so Mauch. Die Streetworker sollen nicht nur die Bibliotheksmitarbeiter schulen, sondern auch mobile Ansprechpartner für die Jugendlichen sein und Bildungs- und Freizeitangebote initiieren. Finanziert werden könnten die 184 000 Euro pro Jahr über eine Stiftung oder den städtischen Projektmittelfonds Zukunft der Jugend, so Mauch. Gabriele Nuber-Schöllhammer (Grüne) und Judith Vowinkel (SPD) schlugen vor, große Center oder „Kommerzpaläste“ wie das Milaneo, das die Jugendlichen im Visier habe und von ihnen profitiere, an der Finanzierung zu beteiligen. Brünle berichtete, das Center Management des Milaneo habe zugesagt, sich an Aktionen auf dem Mailänder Platz zu beteiligen. Rose von Stein (Freie Wähler) fragte: „Wie viele der Jugendlichen werden erfolgreich an Angebote der Bibliothek herangeführt?“ Auch Kerim Arpad vom Deutsch-Türkischen Forum sagte, es sei „wichtig, auch einen nichtkommerziellen Kontrapunkt zu setzen“, etwa mit Poetry Slam.

Laut Brünle haben sich die Besucherzahlen bei der Sprachwerkstatt für Flüchtlinge bereits verdoppelt. Iris Ripsam (CDU) regte an, vor den Haushaltsberatungen eine Bedarfserhebung für Streetwork zu machen – „weil sich die Lebenswelten verändern“.

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