Bei den Demonstrationen unterschiedlicher Gruppen in Stuttgart könnten massive Konflikte drohen. Foto: Martin Stollberg

Das Landeskriminalamt beobachtet mit großer Sorge, wie sich die türkisch-nationalistisch geprägten Osmanen Germania und die kurdische Internetbewegung Bahoz massiv bedrohen und beleidigen. Die Beamten befürchten weitere Eskalationen.

Stuttgart/Ludwigsburg - Der Konflikt zwischen nationalistischen Türken aus dem Umfeld der Boxclub-Bruderschaft Osmanen Germania und einigen Kurden, die für eine Abspaltung der autonomen Gebiete sind, spitzt sich in der Landeshauptstadt aufs Neue zu. Das beobachtet das Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg im Internet, wo sich die verfeindeten Gruppen massiv beleidigen und bedrohen. Die Beamten warnen davor, dass sich der Hass gerade in eine neue Dimension hochschaukelt – und befürchten, dass sich dieser außerhalb der digitalen Welt entladen könnte. „Wenn sich Mitglieder der beiden Gruppen auch nur zufällig begegnen, könnte es Tote geben“, sagt Sigurd Jäger, LKA-Experte für Rocker und Streetgangs.

Die Drohungen werden über soziale Netzwerke, aber auch über Videoportale wie Youtube verbreitet. Dabei geht es nicht nur weit unter die Gürtellinie. Auch mit brutaler Gewalt, sexueller Erniedrigung und sogar dem Tod wird gedroht. Dabei schenkt keine Seite der anderen etwas. „Es geht dort sehr heftig zur Sache“, sagt Jäger.

Zeichen erneut auf Eskalation

Der Ermittler hat gute Gründe, damit zu rechnen, dass es die Gruppen nicht dabei belassen werden, die Muskeln im Netz spielen zu lassen. Denn im April dieses Jahres leisteten sich Mitglieder beider Lager heftige Auseinandersetzungen in Ludwigsburg, wobei Baseballschläger und Messer zum Einsatz kamen. Verletzte gab es auf beiden Seiten – ein 41 Jahre alter Mann, der von den Beamten den Osmanen Germania zugerechnet wird, befand sich nach einem Angriff in Lebensgefahr. Mittlerweile ist er wieder wohlauf. Ursache für die Eskalation waren laut der Polizei Scharmützel am Rande einer politischen Demo in Stuttgart kurz zuvor. Jetzt stehen die Zeichen laut LKA erneut auf eine solche Eskalation.

Doch wer sind die beiden Gruppen, die keine Möglichkeit zur Provokation der anderen auslassen? Die Boxclub-Bruderschaft der Osmanen Germania wird von den Ermittlern als Streetgang eingestuft, manchmal auch als „rockerähnlich“ bezeichnet. „Es handelt sich dabei um die am schnellsten wachsende Gruppe ihrer Art in Deutschland“, sagt LKA-Ermittler Jäger. 64 Ortsgruppen zählt die Polizei deutschlandweit, zehn davon allein in Baden-Württemberg. Und das, obwohl die Osmanen nur etwa zwei Jahre alt sind.

Laut Polizei sind die Mitglieder keine unbeschriebenen Blätter. „Bei vielen von ihnen sind uns Gewalt- und Rauschgiftdelikte bekannt“, sagt Sigurd Jäger.

Schlecht informiert über kurdische Gruppe

Weniger gut informiert sind die Polizeibeamten über die kurdischen Kontrahenten. Grund dafür ist laut der Polizei, dass immer wieder neu firmierte Gruppen – sowohl im Internet als auch auf der Straße – aus demselben Umfeld von sich reden machen. Zunächst gab es da die Red Legion – eine vom damaligen Innenminister Reinhold Gall (SPD) verbotene „kriminelle Vereinigung“, die vor allem aus kurdischstämmigen jungen Männern bestand.

Es folgten die sogenannten Stuttgarter Kurden. Als Netzaktivisten schrieben sie sich auf die Fahne, „türkische Faschisten“ zu bekämpfen. Tatsächlich lieferten sie sich Straßenkämpfe mit den United Tribunes, einer Gruppe aus Türstehern, Bodybuildern und Kampfsportlern unterschiedlicher Nationalitäten, die polizeilich vor allem wegen Zuhälterei in Erscheinung getreten ist. „Bei den ,Stuttgarter Kurden’ haben wir viele personelle Überschneidungen zu der Red Legion feststellen können“, sagt Jäger.

Demo am Herzog-Christoph-Denkmal

Neuerdings ist eine Gruppe namens Bahoz (kurdisch: der Sturm) im Netz aktiv. Jäger bezweifelt, ob deren Unterstützer wirklich noch als Nachfolgeorganisation der Red Legion oder der „Stuttgarter Kurden“ betrachtet werden können. „Das ist alles sehr politisch aufgeladen mittlerweile“, sagt der Kriminalbeamte, „doch das macht das Konfliktpotenzial nicht geringer.“

Die nächste politische Demonstration in Stuttgart zum Thema ist an diesem Samstag, 15. Oktober, am Herzog-Christoph-Denkmal am Schlossplatz. Die sogenannten Samstagsfrauen beklagen dort, dass der türkische Staat angeblich Kurden entführt haben soll. Zu Ausschreitungen kam es bei den Demos der Samstagsfrauen bislang nicht – das Ordnungsamt berichtet aber von PKK-Rufen, die von der Polizei unterbunden worden seien.

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