Die Polizei hat viel zu tun, wenn rivalisierende Straßenbanden aufeinandertreffen – wie hier 2015 in Ludwigsburg Foto: dpa

Es hätte bei den Auseinandersetzungen zweier Streetgangs kürzlich auch Tote geben können. Neu bei den Attacken ist: Es ging es nicht um Einfluss, Reviere oder Kraftmeierei – sondern um Politik.

Stuttgart - Wenn rivalisierende Straßenbanden aneinandergeraten, geht es häufig um Macht und noch häufiger um nichts. Oft wollen sie einfach nur rausfinden, wer die härtere Gruppe ist. Vor wenigen Wochen, als zwei Gruppen im Stadtteil Stammheim und später in Ludwigsburg mit Baseballschlägern und Messern aufeinander losgingen und zwei Beteiligte schwer verletzt wurden, war es anders. Im Konflikt zwischen den sogenannten Stuttgarter Kurden und der jungen Boxclub-Bruderschaft Osmanen Germania geht es um Politik. Und zwar nicht nur um den Konflikt in der Türkei, sondern auch um den Kulturkampf zwischen Linken und Rechten. Die Kurden erhalten deshalb Rückendeckung durch die Antifa, die Osmanen bekommen Zuspruch von national gesinnten Deutschen. Die Polizei ist über die Entwicklungen besorgt.

Kriminelle Banden wandeln sich zu politisch motivierten Gruppen

Wie sich kriminelle Straßenbanden zu politisch motiviert handelnden Gruppen wandeln können, lässt sich am Beispiel der mittlerweile verbotenen Red Legion nachzeichnen, die große Schnittmengen mit den sogenannten Stuttgarter Kurden aufweist. Ursprünglich war keine politische Motivation bei den Legionären zu erkennen. Junge Männer, die viel Zeit in Fitnessstudios zu verbringen scheinen und sehr gewaltbereit sind, saßen in etlichen Prozessen im Stuttgarter Landgericht auf der Anklagebank, unter anderem wegen Mordes. Die Vereinigung wurde verboten, die inoffizielle Nachfolgeorganisation der sogenannten Stuttgarter Kurden geboren. Und von da an wurde es anders.

In den sozialen Netzwerken protzte die Gruppe zwar immer noch mit ihrer angeblichen Stärke, als sie etwa Bilder von einem zusammengeschlagenen Mitglied der verfeindeten United Tribuns veröffentlichte, die ihrerseits vor allem im Rotlichtmilieu mitmischen. Doch ging es hier offenbar nicht um eine Machtdemonstration allein. „Wir halten Stuttgarts Straßen frei von Faschisten!“, schrieben die Kurden unter die blutigen Bilder.

Ansagen wie diese waren von der Gruppe mit der Zeit immer deutlicher zu vernehmen. Die Facebook-Seite der Stuttgarter Kurden existiert heute nicht mehr. In der letzten verfassten Nachricht hieß es, man fühle sich in seinen politischen Ambitionen von der Presse missverstanden.

Viele Hunderschaften sind nötig wenn Stuttgarter Kurden auftreten

Dass an politischen Ambitionen der sogenannten Stuttgarter Kurden kaum zu zweifeln ist, spüren nationalistische Türken immer wieder bei Demos. Viele Hundertschaften der Polizei sind nötig, um die Demonstranten von den Gegendemonstranten zu trennen. Zu Letzteren gehören aber nicht nur Kurden, sondern auch Linke. Die Antifaschistische Aktion Stuttgart ruft offen zum Gegenprotest auf. Wenn nationalistische Türken demonstrieren, stehen Linksautonome Schulter an Schulter mit vielen kurdischen Jugendlichen. Eine Anfrage unserer Zeitung, wie weit die Zusammenarbeit mit den kurdischen Straßenkämpfern gehe, blieb von der Antifa unbeantwortet. Berührungspunkte gibt es trotzdem. Cihan Kendal, so der Kampfname, aus dem Saarland etwa war in der Linksautonomenszene aktiv und kämpft heute in Syrien mit YPG-Kämpfern gegen die Feinde der Kurden.

Zu denen zählen hierzulande auch die Osmanen Germania. Die sogenannte Boxclub-Bruderschaft ist laut Polizei die am schnellsten wachsende Streetgang in Deutschland und seit Herbst 2015 auch in Stuttgart aktiv. Sie marschiert bei Demoveranstaltungen der nationalistischen Türken mit.

Die Osmanen verstehen sich als Beschützer des Demozugs

So auch am 10. April, als es bei einer Kundgebung einer dubiosen Gruppe, die sich AYTK (Europäisches Neue-Türken-Komitee) nennt und deren Internetpräsenz nicht mal über ein Impressum verfügt, zu massiven Ausschreitungen mit etlichen Verletzten kam. Darunter auch viele Polizisten. 42 Tatverdächtige gibt es bis jetzt – aus beiden Lagern. Beamte, die im Einsatz waren, sprechen von „Hass auf beiden Seiten“, wie sie ihn auf Demonstrationen nur selten erlebt hätten.

Die Osmanen verstehen sich allerdings als Beschützer des Demozugs – das wollen sie zumindest mit einem Online-Artikel nahe legen, den die Gruppierung im Internet verbreitet. Die Polizei schließt nicht aus, dass die Auseinandersetzungen auf der Demo auch der Grund für die späteren Attacken mit Messern und Baseballschlägern waren.

Ein Blick in die Netzaktivitäten der Osmanen Germania sagt auch viel über das Innenleben der jungen Gruppe. Der Halbmond der türkischen Nationalflagge wird mit Stolz gezeigt, was manchen Kommentator mit etwas Neid erfüllt. Wie einer, der die deutsche Nationalflagge mit einem Adler postet und bejammert, dass es mit dem Stolz der Deutschen leider nicht so weit her sei. Wie in der europäischen Neuen Rechten ist auch hier zu beobachten, dass sich Nationalisten offenbar auch über Ländergrenzen hinweg sehr gut verstehen.

Ulrich Heffner vom Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg befürchtete schon seit längerem, dass es zwischen den Gruppen zu Auseinandersetzungen kommen könnte. „Wir hatten von Anfang an ein Auge drauf, als sich die Osmanen Germania hier auszubreiten begannen“, sagt er. Das LKA schätzt, dass in Baden-Württemberg etwa 60 Personen an sechs Standorten in der Bruderschaft organisiert sind.

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