Streetdance ist ein Überbegriff für alle Tanzstile, die nicht von Profis im Tanzstudio entwickelt wurden. Sie sind auf der Straße, auf Schulhöfen oder in den Clubs durch Improvisation entstanden. Der TV Cannstatt bietet für Kinder in zwei Altersklassen Kurse an.
Stuttgart - Musik wummert aus den Boxen, der Duft von Schweiß liegt in der Luft. Drei Kinder bewegen sich an diesem Freitagnachmittag in der Gymnastikhalle des TV Cannstatt rhythmisch zu Hip-Hop-Musik. Es ist heute ein leichtes Training für die Tanzpädagogin Sabine Ballasch, weil nur drei Tänzer dabei sind. Normalerweise besuchen deutlich mehr Teilnehmer den Kurs Streetdance, den der TV Cannstatt seit November anbietet. Streetdance – das ist in erster Linie Spaß, Rhythmus und Dynamik. Er hat seine Wurzeln in den unterschiedlichen Tanzformen der Straße. Getanzt wird in der Gruppe. Jeder kann mitmachen. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.
Nach dem Aufwärmen mit Situps und Dehnungen geht Sabine Ballasch die neue Schrittfolge langsam durch, dann mit höherem Tempo zur Musik. Im Spiegel können Lara, Florian und Sascha ihre Bewegungen kontrollieren. Sie brauchen Geduld, bis die Schritte sitzen, bis die Übergänge flüssig daher kommen. Florian (11) ist erst seit kurzem dabei. „Ich habe mir das angeschaut und habe echt Spaß, die unterschiedlichen Choreografien umzusetzen“, sagt er. In der Schule haben seine Kumpels ein bisschen komisch auf sein neues Hobby reagiert. „Aber ich ignoriere einfach, was die anderen sagen.“ Dabei muss er sich nicht allein unter Frauen fühlen, die Jungs sind in diesem Kurs in der Überzahl. Florian Fazlin stammt aus dem Kosovo, besucht das Gottlieb-Daimler-Gymnasium in Bad Cannstatt. „Doch beim Tanzen ist es egal, auf welche Schule jemand geht oder welche Noten er hat“, sagt Sabine Ballasch, „hier ist jeder gleich.“
Viele Jugendliche fühlen sich von diesem urbanen Tanz angezogen, weil sie nicht zum Mainstream gehören wollen. Die 22-jährige Stuttgarterin will in erster Linie Spaß an der Bewegung vermitteln, weiß aber auch um den integrativen Aspekt des Streetdance. Auch in ihren Kursen tanzen viele Kinder mit Migrationshintergrund.
„Beim Tanzen drücken wir Gefühle aus. Man kann quasi durch den Körper sprechen“
Beim Hip-Hop ist es aber letztlich egal, welche Sprache man spricht und woher man kommt. „Beim Tanzen drücken wir Gefühle aus. Man kann quasi durch den Körper sprechen“, sagt Sabine Ballasch. Die Trainerin hat aber noch eine weitere interessante Beobachtung gemacht: Wer sich gut bewegen kann, bei dem steigt auch das Selbstwertgefühl. Letztlich basiert ihr Ansatz auf drei Elementen: positive Stimmung, Spaß am Tanzen und Motivation. Mit Footworks, Styles und akrobatischen Einlagen sollen irgendwann die Bewegungen zur Musik synchronisiert werden. Aufbauend auf den Grundschritten kann jeder den eigenen Stil entwickeln und seine Kreativität entfalten.
In der Altersklasse zwischen neun und elf muss sie aber hin und wieder einen Schrei loslassen, um sich durchzusetzen. „Aber eigentlich versuche ich, die nette, coole Freundin zu sein“, sagt Sabine Ballasch. Bei der zweiten Gruppe, den sechs- bis achtjährigen Kindern, wirkt noch die natürliche Autorität der Trainerin. Mit den Eltern im Schlepptau rennen sie in die Halle. Und wenn man in die Runde blickt kann man schwer glauben, dass sich Streetdance eigentlich durch spezielle Kleidung wie schwarze Jogginghosen und T-Shirts, Baseballkappen und Hornbrillen ausdrückt. Bei den fünf Mädels dominieren die Farben rosa und pink.
Ela ist zum ersten Mal dabei und ziemlich schüchtern. „Ich kann das nicht“, sagt sie. Sabine Ballasch hat sich eine ganz leichte Schrittfolge für das zierliche Mädchen ausgedacht, will, dass sie erst einmal ein Raumgefühl entwickelt. Zwischendurch streut sie auch mal ein Spiel ein. „Die Kleinen können sich nicht so lange konzentrieren“, sagt Ballasch. Christina, ein Mädchen mit Rastalocken, verfügt schon über ein gutes Rhythmusgefühl. Bei Celine (7) fällt die gute Körperspannung auf. Sie war früher im Ballett. „Aber die Lehrerin hat immer so gebrüllt. Das hier macht viel mehr Spaß“, sagt Celine.
Irgendwann werden auch ihre kleinen und großen Kursteilnehmer ihren ersten öffentlichen Auftritt haben. Ela ist inzwischen richtig aufgetaut und bittet ihre Mutter hinterher, ob sie weiter machen darf. Und schon bald werden sie ihr mit Sabine Ballaschs Hilfe auch ihr gelingen – die kleinen Kunststücke von der Straße.
Streetdance beim TV Cannstatt
Der Verein bietet freitags zwei Kurse an. 16 bis 17 Uhr (9-11 Jahre), 17 bis 17.45 Uhr (6-8 Jahre). E-Mail: geschaeftsstelle@tvcannstatt.de, Telefon: 07 11/52 08 94 60. Mehr Infos unter www. tvcannstatt.de.