In Stuttgart lässt sich so manche Straßenkunst entdecken. Manchmal exisitert sie aber nur kurzzeitig, weil die Stadt die Flächen reinigt. An der Königstraße und im Stuttgarter Süden geschieht das schneller als im Westen oder in Unterführungen.
Peter Kosocks selbst gestalteter Käfer soll den Leuten Glück bringen. "Grundsätzlich versuche ich positve Kunst zu machen", sagt der Stuttgarter. Der Käfer klebt an Fassaden, findet sich aber auch... Foto: Kosock

Hunderttausende lieben auf Facebook Streetart. Der Stuttgarter Künstler Peter Kosock versucht indes mit seinen Werken aus Pappe, Kreide oder Lego, das seiner Ansicht nach schlechte Bild der anderen Menschen über Streetart geradezurücken.

Stuttgart - Der Käfer aus Pappe oder mit Kreide aufgemalt ist sein Markenzeichen. Freunde, Bekannte oder Gleichgesinnte erkennen: Peter Kosock war wieder aktiv. An Fassaden, am Boden, auf Bäumen. Kosock macht Streetart - Straßenkunst oder Kunst im öffentlichen Raum, die als Weiterentwicklung über Graffiti hinausgeht. Zunehmend ist auch von Urban Art die Rede. Die Platzierung der mitunter versteckten Werke spielt eine wichtige Rolle. Die Künstler wollen spielerisch das Stadtbild verschönern, indem sie nicht nur, aber auch vorhandene Gegebenheiten nutzen, und so die Kunst mit dem Vorhandenen eins wird. Dann sitzt ein Käfer im Baum, wird ein Hydrant zur Nase eines Gesichts.

Peter Kosock gehört zu den Menschen, für die Kunst Leidenschaft bedeutet. "Das ist ein innerer Drang. Ich könnte den ganzen Tag malen." Der 30 Jahre alte Krankenpfleger probiert alle Materialien aus. Moos, Styropor, Pappe, Kreide, Legosteine, Streichfarbe, Getränkedosen.

Negatives Bild geraderücken

Ebenso lang ist die Liste seiner Kunst-Aktionen. Der Stuttgarter hat die Kunstschlacht ins Leben gerufen, bei der Künstler gegeneinander antreten. Was gemalt wird, bestimmt das Publikum. Kosock war einer von vier Künstlern beim Variété Liberté im Wilhelmspalais. Die Veranstaltung zeigt verschiedene Formen von Kreativität und Kunst. Auftragsarbeiten für die Hall Eleven, die Funbox oder den Club Zwölfzehn gehen ebenso auf Kosocks Konto wie die Gestaltung der Seite www.smart.studio.tv. Kosock hat einen Wunsch: Er will das seiner Ansicht nach eher schlechte Bild, das Leute von Streetart-Künstlern haben, geraderücken. "Wie negativ Passanten über die heutige Kunst denken, ist nicht schön", sagt Kosock, dem es nicht um Legalisierung geht. "Es soll nur in den Köpfen der Leute ankommen, dass wir nichts Böses wollen, niemanden überfallen oder sonst kriminell sind." Sondern "einfach ein paar Jungs und Mädels, die Kunst machen".

Kosock betont, dass seine Kunst beim Entfernen keine Spuren hinterlässt, und neue oder frisch renovierte Häuser tabu sind. "Ich suche mir Ecken oder Wände, die schmuddelig, kaputt oder dreckig wirken, um diese schmutzigen Stellen oder nicht beachteten Flecken zu verschönern oder als kleinen Blickfang für die Menschen zu gestalten, die ein Auge dafür haben."

Sofern die Stadt sie nicht genehmigt, sind viele Formen von Straßenkunst verboten. Gilt Graffiti als Sachbeschädigung und somit als Straftat, ist das Ankleben von Stickern oder Plakaten "zumindest eine Ordnungswidrigkeit", sagt Gerald Petri vom Ordnungsamt Stuttgart. Die Rechtslage sei kompliziert und hänge von verschiedenen Faktoren ab: Wie groß ist das Motiv? Womit wurde es fixiert? Beschädigt der Klebstoff den Untergrund? Grundsätzlich toleriert würde Kunst, die mit wasserlöslicher Kreide am Boden angebracht ist. Streetart-Künstler bleiben deshalb lieber anonym.

Etablierte Kunstform

Andererseits möchten Künstler oft gar nicht im Mittelpunkt stehen, sagt der Streetart-Fotograf Simon Grein alias Sim Simma FTW. "Sie machen Straßenkunst für sich und ihr Umfeld und wollen sich in der Szene keinen Namen machen." Auch Grein spricht sich gegen eine Legalisierung aus. Das Kribbeln ginge verloren. "Bei Streetart spielt der Reiz des Illegalen schon eine Rolle. Ein Sticker ist schnell geklebt." Bei Graffiti sei das anders. "Graffitis sind zeitaufwändiger. Für sie bieten sich mehr Flächen für legales Malen eher an, da die Bilder dann detailreicher werden."

Grein nennt Streetart eine inzwischen etablierte Kunstform. Dank Bansky sei Streetart heute angesehener und gelange immer wieder von der Straße in Galerien, sagt der Student, der einst Sticker klebte und für Auftraggeber Graffiti sprühte. Seit sieben Jahren fotografiert er die Kunst anderer. Seine Bilder zeigt Grein auf den Facebook-Seiten Sim Simma FTW oder StreetArt in Germany mit mehr als 613.000 "Gefällt-mir"-Angaben. Der Betreiber der StreetArt-Seite, Timo Schaal, bekommt täglich bis zu 600 Fotos von Kunstwerken aus verschiedenen Städten zugeschickt. Und tingelt wie Grein durchs Land, immer auf der Suche nach neuen Motiven. Das Album "Stuttgart" zählt 275 Bilder.

Immer auf der Suche nach Auftraggebern

In der Schwabenmetropole gibt es also einige Straßenkunst zu entdecken. Doch sie ist vergänglich. Oder so geschickt angebracht, dass sie nicht sofort auffällt. "In Stuttgart muss man genau hinschauen, um einige Werke zu finden", sagt Schaal. Das Ordnungsamt kontrolliere das Geschehen, und zahlreiche Kunstwerke, die in den Augen vieler immer noch Vandalismus darstellten, würden binnen kurzer Zeit entfernt. Schaal sagt, dass in Stuttgart die Straßen sauberer und ordentlicher sind als zum Beispiel in Berlin. "Dort existieren ganze Straßenzüge und Stadtteile, wo sich an jedem Haus Hunderte von einzelnen kleinen Kunstwerken zu einem großen Gesamtkunstwerk zusammenfinden."

Als Streetart-Hochburg bezeichnet kein Künstler Stuttgart. "Die Szene ist nicht so aktiv wie die in Berlin, Hamburg, Dresden oder Leipzig", sagt Grein. Künstler wie Luc P. - der 17-Jährige stellt seine Werke inzwischen lieber aus - oder Peter Kosock sagen sogar, dass in Stuttgart nicht mehr viel los ist. "Die Kunstwerke wiederholen sich. Es gibt zu wenige Flächen. Berlin ist da ganz anders", sagt auch Kosock und denkt dabei an die vielen Hinterhöfe und Abrisshäuser.

In Stuttgart hält Kosock trotzdem stets Ausschau nach großen Flächen wie Hauswände, Garagen oder Container, an die er seine Kunst anbringen kann. Von Besitzern oder Firmen erwünscht. Doch schon die Kontaktaufnahme zu potenziellen Auftraggebern gestaltet sich mühsam, nicht nur, weil es kaum welche gibt. "Es dauert immer eine Weile, den Hausbesitzer zu finden und ihn dann mit meinen Skizzen zu überzeugen, die Wände zu bemalen." Geld, sagt Kosock, wolle er keins dafür. "Ich möchte nur die Materialkosten erstattet bekommen." Interessenten melden sich bei Kosock@gmx.net.

In der Fotostrecke erfahren Sie mehr über Streetart und die Künstler Luc P. und Peter Kosock.