Das historische Zentrum von Florenz mit dem mächtigen Dom Santa Maria del Fiore gehört zum Unesco-Welterbe. Foto: IMAGO/Westend61/A. Tamboly

Die toskanische Metropole steht für Renaissance-Legenden wie Michelangelo oder Botticelli. Doch Florenz kann auch modern sein. Hier findet sich eine feine Street-Art-Szene und ein verrücktes Hotel, entworfen von Star-Designerin Paola Navone.

Die Engel der Schönheit haben wieder zugeschlagen. Stadtführerin Lucia Montuschi zeigt auf eine Fassade in einer Seitengasse nahe der Kirche Santa Maria Novella. Hier wurde ein Graffito übermalt, leider völlig dilettantisch. Die neue Farbe ist zwei Nuancen heller als die restliche ockergelbe Wand. Wäre es nicht besser gewesen, das Bild zu belassen?

 

Die Engel der Schönheit sind eine Gruppe von Florentiner Bürgern, die Graffiti entfernen oder übermalen. Leider verstehen die Putzteufel offensichtlich wenig von der Materie, sie tilgen nicht nur wilde Schmierereien, sondern auch manches Kunstwerk. Müsste eine Stadt der Kunst nicht freundlicher mit ihren lebenden Künstlern umgehen? Während Legenden der Renaissance wie Michelangelo, Brunelleschi, Leonardo da Vinci oder Giorgio Vasari in höchstem Maße verehrt und gehegt werden, hat Street-Art in Florenz meist keine sehr lange Halbwertszeit.

Street Art ist demokratisch

Lucia Montuschi (57) setzt sich für zeitgenössische Kunst ein. Sie studierte Kunstgeschichte und hat lange als Museumspädagogin in den berühmten Uffizien gearbeitet. Durch eine zufällige Begegnung in einem Café kam sie mit der im Verborgenen werkelnden Szene in Kontakt. Lucia Montuschi gefällt, dass diese Kunst demokratisch ist. „Street-Art kann jeder sehen, sie ist für alle zugänglich“, sagt die Stadtführerin. Sie möchte für die Werke sensibilisieren, denn die meisten gehen achtlos vorbei. Doch wenn man weiß, worauf zu achten ist, entdeckt man plötzlich viele Beispiele.

Die florentinischen Gegenwartskünstler bewegen sich auf illegalem Terrain. Wer erwischt wird, kann ins Gefängnis wandern und gilt als vorbestraft, was viele Nachteile im täglichen Leben zur Folge hat. Nur wenige haben es „geschafft“ – so wie Clet Abraham. Die Spezialität des unter seinem Vornamen bekannten Franzosen sind ironisch ergänzte Straßenschilder. Da wird der weiße Querbalken auf dem Zeichen für „Durchfahrt verboten“ zum Knochen samt Hund, zur Hürde, über die Schäfchen springen, zum Tisch mit Weintrinker oder zu einem Brett, das sich ein Strichmännchen unter den Arm klemmt. Die Funktion des Verkehrszeichens bleibt dennoch erhalten. Daher lässt die Stadtregierung Clet inzwischen gewähren. „Wenn ein Schild abgeschraubt wird, dann von Fans, die sich ein teures Werk sichern wollen“, sagt Lucia Montuschi. Ein echter Clet könne bis zu 10 000 Euro kosten.

Für die weniger akzeptierten und damit auch kommerziell weniger erfolgreichen Vertreter setzt sich Sofia Bonacchi ein: „Man muss bewahren, aber auch nach vorne schauen“, sagt die Gründerin der Street Levels Gallery. „Hier gibt es einfach zu viel Renaissance.“ Die Galeristin vertritt eine Reihe von Street-Art-Künstlern und hat die erste darauf spezialisierte Galerie in Florenz eröffnet. „Florenz ist eine extrem konservative Stadt“, sagt Sofia Bonacchi. Mailand, Turin oder Rom seien da schon viel weiter.

Hotelgäste haben die Wahl: Übernachtet man im Himmel oder in der Hölle?

Selbst landesweit anerkannte Künstler haben Respekt vor dem in ganz Italien berüchtigten florentinischen Stolz. Als die italienische Star-Designerin Paola Navone den Auftrag bekam, ein Hotel ganz im Stile von Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ einzurichten, war sie erst mal skeptisch: „Ich dachte: Die sind verrückt. Das ist eines der größten Kulturgüter unseres Landes. Den Leuten in Florenz ist das sehr wichtig.“

Navone nahm den Auftrag schließlich an und adaptierte die Geschichte des berühmten Florentiners aus dem Jahr 1320 für die Gegenwart. „Ich liebe Herausforderungen und wenn ich meiner Fantasie völlig freien Lauf lassen kann“, sagt die 72-Jährige. Navone entwarf ein begeh- und bewohnbares Gesamtkunstwerk. Die Gäste können sich entscheiden, ob sie lieber im Himmel, italienisch „Paradiso“, oder in der Hölle, dem „Inferno“, wohnen wollen.

Paradiso-Zimmer und Inferno-Räume

Die Paradiso-Zimmer sind ganz in Weiß gehalten mit silbernem Betthaupt, geflügelten Leuchten und wolkenblauem Vorleger. Die Atmosphäre ist pur und clean wie ein Raumschiff. Die Inferno-Räume hingegen präsentieren sich als kuschelige Höhlen in Rot und Schwarz, verrucht, sündig und können zartbesaitete Menschen durchaus irritieren.

Die Präferenzen werden beim Check-in daher sicherheitshalber abgefragt. Die Florentiner haben die verrückteste Unterkunft der Stadt gut ein Jahr nach der Eröffnung ins Herz geschlossen. Bar und Restaurant des 25Hours Hotels San Paolino sind ein beliebter Treff im Viertel.

Modernes Museum im Trutzbau

Wie gut alte und neue Kunst miteinander harmonieren, zeigt der Palazzo Strozzi. Das Stadthaus wurde einst gebaut, um der berühmten Familie Medici eins auszuwischen. Der Bauherr Filippo Strozzi wünschte sich einen Palast wie den Palazzo Medici Riccardi – bloß schicker und größer. Heute ist in dem trotzigen Bau ein modernes Museum untergebracht.

Noch bis Ende Januar gibt es dort eine Retrospektive des dänischen Künstlers Olafur Eliasson zu sehen. Der in Berlin lebende Meister der Licht-Inszenierung hat sich bewusst für den Palazzo entschieden. Es sei „ein außergewöhnlicher Ort, der durch die Jahrhunderte gereist ist, um uns jetzt und hier zu grüßen“, zitiert ihn der Ausstellungskatalog. Dagegen haben selbst die Engel der Schönheit nichts einzuwenden.

Info

Anreise
Mit dem Zug über Zürich und Mailand nach Florenz, www.bahn.de.

Unterkunft
Das im Stile von Dante Aligheris „Göttlicher Komödie“ gestaltete 25Hours Hotel Piazza San Paolino ist das wohl verrückteste Quartier der Stadt. Man übernachtet in Zimmern, die entweder den Himmel oder die Hölle zum Thema haben. Doppelzimmer Inferno oder Paradiso ab 169 Euro, www.25hours-hotels.com. Klassische Eleganz versprüht das mehrfach ausgezeichnete Hotel The Place an der Piazza Santa Maria Novella, DZ ab 513 Euro, www.theplacefirenze.com.

Essen und Trinken
Blumenladen, Einrichtungsgeschäft, Bar oder Restaurant? Alles auf einmal! La Ménagère ist Concept Store und Genusstempel in einem. Wem das verwendete Geschirr gefällt kann es direkt vor Ort in der coolen Location kaufen, www.lamenagere.it. Direkt an der Piazza della Signoria, dem wichtigsten Platz der Stadt, vermutet man Touristenfallen. Ein Vorurteil! Das Ristorante Il Bargello ist ein sympathischer Familienbetrieb mit ehrlicher toskanischer Küche, https://ilbargello.it/ Sehen und gesehen werden: Im Café Gilli gibt es seit 1733 fantastische Kuchen und Drinks mit einer wunderbaren Aussicht auf die Piazza de la Repubblica. www.caffegilli.com/en. Günstig und gut isst man den verschiedenen Ständen in der oberen Etage der Markthalle, www.mercatocentrale.it. Aktivitäten
Die Ausstellung „Nel Tuo Tempo“ des Künstlers Olafur Eliasson läuft noch bis 22. Januar 2023, Eintritt: 16 Euro, www.palazzostrozzi.org. Street-Art-Führungen kann man bei Lucia Montuschi buchen, www.exclusiveconnection.it. Allgemeine Informationen
Florenz Tourismus, www.feelflorence.it/de.