Die Schablonen für das Jahresdatum werden auf die gesprayte Fläche geklebt. Foto: Frank Eppler/Frank Eppler

In dem Graffiti-Workshop „BÄM 900“ verschönern Kinder und Jugendliche die Rückseite des Fellbacher Jugendhauses. Am Ende wird etwas besonders aufgesprayt.

Fellbach - Wenn neun Personen quasi gleichzeitig zur Spraydose greifen und lossprühen, dann entsteht ganz schön viel Gestank – zu viel, wenn man Sebastian Pollak fragt. „Das war ein regelrechter Nebel und trotz Maske so nicht machbar“, sagt der Dozent der Kunstschule Fellbach und teilt die Kinder und Jugendlichen deshalb in kleinere Gruppen ein. Wenn ein Team mit Sprayen dran ist, arbeiten die anderen Teilnehmer des Graffiti-Workshops mit dem Titel „BÄM 900“ solange einfach an etwas anderem weiter.

 

Die Kids müssen überlegen, was sie mit dem Sprühnebel zeigen wollen

Es gibt ja schließlich auch genug zu tun und vor allem vorzubereiten: Alles sorgfältig abkleben, Schablonen zeichnen und ausschneiden und vor allen Dingen, sich ausgiebig Gedanken machen, was denn eigentlich mit dem farbigen Sprühnebel auf die in leuchtendem Gelb grundierte Wand gebracht werden soll. „Mir ist es wichtig, dass die Kids lernen, dass man nicht einfach so drauflos sprüht, sondern dass es ganz schön viel zu tun gibt, um ans Ziel zu kommen.“

Graffiti-Sprayen sei nicht das Schnelle, Illegale, mit dem es oft in Verbindung gebracht werde, sondern eine Kunst, wenn man es richtig mache, sagt Sebastian Pollak, der den Workshop gemeinsam mit Tina Fernandez leitet. Während die Jugendhausmitarbeiterin als Lettering-Spezialistin die Kunst des Buchstaben-Zeichnens beherrscht, baut Sebastian Pollak unter dem Künstlernamen C. Sebastian Pollak das Sprayen in seine Kunstwerke mit ein. „Da ist Graffiti nur ein Baustein.“

Es herrscht bestes Outdoor-Graffiti-Wetter

Der Tag mit Spraydosen, Masken und jeder Menge Abklebeband vor der Wand des Fellbacher Jugendhauses – eine Kooperation von Kulturamt, Jugendhaus und Kunstschule – findet im Rahmen der 900-Jahr-Feier der Stadt Fellbach statt. Bei bestem Outdoor-Graffiti-Wetter gilt es für die Nachwuchs-Künstler, groß, bunt und nicht zu übersehen das historische Jubiläum in individuelle Street-Art umzusetzen.

900 Jahre – was bedeuten sie für jeden einzelnen und für Fellbach? Was für Wünsche gibt es für die Stadt zu ihrem Jubiläum? Diese und andere Fragen wurden von den Jungs und Mädchen im Vorfeld versucht zu beantworten. „Dazu sollten sie sich abstrakte Muster überlegen, die dann in jeweils ein Feld auf der gelben Wand aufgesprayt wurden“, erklärt Tina Fernandez. Während die verschiedenen Formen in Lila, Grün und Blau Formen annehmen, läuft natürlich – wie könnte es bei einer Street-Art-Veranstaltung anders sein – die passende Musik. Und weil sich Teilnehmer und Workshop-Leiter am Morgen gemeinsam getestet haben, muss auch das gemeinsame Mittagessen im Sonnenschein nicht ins Wasser fallen. „Das gehört dazu und macht das Ganze erst zu einem richtigen Event“, sagt Sebastian Pollak.“ Eigentlich will er noch mehr dazu sagen, zum Beispiel, dass es einen schwäbischen Klassiker, nämlich Maultaschensuppe, gab, aber bevor er mit seinem Satz anfangen kann, wird er schon wieder zur Hilfe gerufen, und zwar von Henri Jörg.

Nach dem Coronatest darf gemeinsam Mittag gegessen werden

Der zwölfjährige Henri hat schon Erfahrung mit dem Sprayen und mag diese Art von Kunst sehr. „Das sieht richtig cool aus, wenn es gescheit gemacht wird, und es gibt einem so ein Gefühl von Freiheit, wenn man die Farbe mit großem Schwung aufsprüht“, sagt der Schüler. Dann muss auch er schnell wieder weitermachen.

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Kein Wunder, denn nach dem Sprayen der abstrakten Muster steht als nächster und vielleicht wichtigster Schritt das Auftragen der Jubiläumsdaten auf dem Programm. Fellbach feiert im Jahr 2021 sein 900-Jahr-Jubiläum. Das heißt, es gilt für die elf- bis 17-jährigen Teilnehmer, die zwei Jahreszahlen 2021 und 1121 in Form von Schablonen anzufertigen. Die werden dann auf die bunten Flächen geklebt und in Schwarz mit weißen Highlights obendrauf gesprayt. „So wird quasi das historische Jubiläum modern umgesetzt“, sagt Tina Fernandez.

Gemeinsam mit Sebastian Pollak hat sie die Außenfassade des Fellbacher Jugendhauses vorab besichtigt. Dabei kamen die beiden Künstler darin überein, dass ein Teil der alten Fassade mit alter Graffiti-Kunst erhalten bleiben soll. „Das ist dann quasi der Rahmen, und wir kombinieren auf diese Weise wieder alt und neu miteinander“, sagt Sebastian Pollak, der bereits bei einer Street-Art-Kunstaktion beim Rathaus gemeinsame Sache mit dem Jugendhaus gemacht hatte. Einige Jugendliche hatten dort schon Geschmack an der Kunst mit den Spraydosen gefunden und sich deshalb für diesen Workshop angemeldet. Andere konnte Sebastian Pollak in seinem Kunstschulkurs anwerben – Nayra Freitag-Gavi zum Beispiel. Für die 17-jährige Schülerin spielt Kunst eine wichtige Rolle im Leben. „Das läuft so flüssig. Man kann nicht viel falsch machen und kriegt beim Sprayen den Kopf frei“, sagt sie.

Das Jubiläumsdatum wird mit der Spraydose verewigt

Auch Ari Bytyci hat großen Spaß an dem Workshop beim Fellbacher Jugendhaus. „Das ist total cool, so zu malen. Und das Ergebnis sieht auch richtig cool aus.“ Das findet auch Sebastian Pollak. Zufrieden schaut er zu, wie die schwarzen Zahlen auf den bunten Flächen immer mehr Gestalt annehmen. „So wird das Jubiläum verewigt.“