Auch die prominenten Vorstandschefs kommen regelmäßig zum Strategiedialog (hier im Jahr 2021): Porsche- und VW-Chef Oliver Blume, Mercedes-Chef Ola Källenius, Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (von links). Foto: dpa

Kanzler Merz und EU-Kommissar Séjourné kommen zum Strategiedialog Automobilwirtschaft BW. Hat das von Ministerpräsident Kretschmann forcierte Format eine Zukunft?

Der Besuch wirft ein besonderes Schlaglicht auf die neunte Auflage des Strategiedialogs Automobilwirtschaft BW. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat für diesen Mittwochnachmittag sowohl Kanzler Friedrich Merz als auch den EU-Kommissar für Industriestrategie sowie Kommissions-Vizepräsidenten, Stéphane Séjourné, auf die Stuttgarter Messe eingeladen. Schöne Bilder zu erzeugen, ist sonst weniger das Anliegen des Strategiedialogs – gewöhnlich geht es eher unspektakulär zu.

 

Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen habe die Idee dieses Formats übernommen, frohlockt Kretschmann. Seine „Hauptbotschaft“ hat er sich schon zurecht gelegt: Er wolle „gegenüber der Kommission darlegen, dass wir in verschiedenen Sektoren, die wichtig sind für die ganze Branche, aber auch für den Maschinenbau, so etwas wie das frühere Airbus-Projekt brauchen“, sagt er. Gemeint sind europäische Projekte etwa zur Batteriezellen- und Chipfertigung. „In den Schlüsseltechnologien müssen die Produktionslinien europäisch aufgestellt werden, um die Abhängigkeiten zu vermindern und die Souveränität herzustellen.“ Es habe sich bei Porsche mit seiner Zellfabrik in Kirchentellinsfurt gezeigt, „dass das betriebswirtschaftlich nicht zu stemmen ist“. Daher müsse die EU jetzt entsprechende Kooperationen auf die Beine stellen.

Beim Antrieb „alle Optionen offen halten“

Zudem will Kretschmann „zusammenfassend erörtern“, dass die EU bei den künftigen Antriebswegen „alle technologischen Optionen offen halten muss“ – auch wenn „die Elektromobilität die Hauptstraße der Zukunft ist“, so der Ministerpräsident. Bei der Flexibilisierung der Flottenziele herrsche Einigkeit – „den können wir konsensual vortragen“. Man habe „gute Argumentationsketten entwickelt, um die Kommission davon zu überzeugen, dass es einfach notwendig ist.“ Zudem sei da jetzt „Eile geboten, das endlich in die Spur zu bringen“.

Franz Loogen ist als Geschäftsführer der Landesagentur e-mobil BW ein „Mann der ersten Stunde“ beim Strategiedialog und bundesweit ein Fortschrittsmotor auf dem Feld. Aus seiner Sicht macht der Dialog mit Dutzenden Projekten und Arbeitsgruppen zu Fahrzeug, Energietechnik und Mobilitätsdaten fit für kommende Herausforderungen. „Viele Regionen Europas schauen mit Anerkennung auf die gelebte Kooperation von Forschung, Mittelstand, Großunternehmen und Politik“, sagt er. Der Erfolg bestehe darin, „Baden-Württemberg eine gute Position im Wettbewerb der Standorte zu sichern“.

Format von Kretschmann auf die Spitzenebene gezogen

Die Branche müsse aber „klar an Innovationsthemen arbeiten, um weiterhin erfolgreich zu sein“, mahnt Loogen. Der Strategiedialog habe gezeigt, dass die Baden-Württemberger die neuen Themen wie Fahrzeugsoftware, autonomes Fahren, Chiptechnologie und elektrische Antriebstechnologie „herausragend beherrschen“.

Auch der damalige IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger kann als ein Geburtshelfer des Formats im Jahr 2017 gelten, denn damals hatte Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut auf Anregung der Gewerkschaft einen Transformationsbeirat eingerichtet. Wenig später zog der Ministerpräsident das Projekt kurzerhand auf die Spitzenebene, wo es mit dem Etikett Strategiedialog die nötige Aufmerksamkeit und Durchschlagskraft erhielt. Selbst die Vorstandschefs der großen Konzerne haben sich über Jahre die großen Treffen im Prinzip nie nehmen lassen – auch dies ein Zeichen für die Ernsthaftigkeit des Dialogansatzes.

Aus Sicht von Zitzelsberger, der bis Ende 2023 direkt eingebunden war und heute als unabhängiger Berater weiterhin eng mit der Transformation befasst ist, haben sich die damaligen Schritte ausgezahlt: „Viele Dinge wären so oder so passiert, aber nicht in dieser Geschwindigkeit“, sagt er beispielsweise mit Verweis auf den Ausbau der Ladeinfrastruktur. Das große Plus des Dialogs sei es, alle wichtigen Akteure in den direkten Austausch zu bringen – vor allem in den vielfältigen Untergruppen und abseits der Spitzentreffen. Die Notwendigkeit, Kooperationsfelder zu identifizieren, sei gewachsen, so Zitzelsberger. „Dass das automobile Netzwerk zusammengerückt ist, zeigt sich heute als eindeutiger Vorteil dieses Formats.“

Källenius und Zink in Europa an vorderster Front

Auf europäischer Ebene spielen Wirtschaftsführer aus Baden-Württemberg ohnehin ganz vorne mit: Ola Källenius (Mercedes-Benz) als Präsident des europäischen Automobilherstellerverbands ACEA und Matthias Zink (Schaeffler) an der Spitze des Zuliefererverband CLEPA. Eine Zusammenarbeit auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene ist wichtiger denn je. „Es gibt Landesthemen, die man in einem Cluster wie Baden-Württemberg bearbeiten muss“, sagt Zitzelsberger. „Die große Herausforderung der global aufgestellten Autoindustrie liegt vielmehr auf europäischer Ebene.“ Beispielsweise bei der Regulatorik – oder auch beim Umgang mit China, wo es bisher keine Einigkeit gibt.

Baden-Württemberg Stiftung überprüft Strategiedialoge

Wie weiter mit dem Strategiedialog in der Post-Kretschmann-Ära? „Auch für die nächste Landesregierung werden die etablierten Formate eine bedeutende Rolle spielen können“, hofft Loogen. Die Baden-Württemberg Stiftung hat eine Überprüfung der Strategiedialoge im Land gestartet. Das noch vor der Wahl am 8. März zu erwartende Ergebnis dürfte vermutlich eindeutig ausfallen: Dies ist ein Erfolgsformat.

An symbolhaften Treffen ohne konkreten Ertrag gibt es derweil schon einen Überdruss in der Wirtschaft: „Bei Autogipfeln beschreiben sich Spitzenvertreter gegenseitig die Lage“, sagt ein wichtiger Verbandsfunktionär, der dies ausdrücklich als seine „persönliche Meinung“ kundtut. Das gesamte wirtschaftliche Umfeld stehe unter Hochdruck. „Ein weiteres Meeting mit den CEO’s wird daran nichts ändern.“