Achtung, Straßenschäden! Foto: Piechowski

Frost und Schnee reißen Löcher in Straßen und Kassen  - Warnschilder gehören zum Stadtbild.

Stuttgart - Die Auftragsbücher der Straßenbaufirmen in der Region Stuttgart sind leer. Dabei hat ihnen der strenge Winter eigentlich gut in die Karten gespielt. Aber schon jetzt steht fest, dass den Kommunen und dem Land das Geld fehlt, um die Schäden gründlich zu beheben.

Der Rentner Harald Kraus kommt in diesen Tagen nicht zur Ruhe. Ständig läuten in seiner Eislinger Wohnung die Telefone, und wenn der 61-Jährige abhebt, melden sich am anderen Ende der Leitung entrüstete Männer und Frauen.

60 bis 70 solcher Anrufe erhält Kraus zurzeit jeden Tag, und bei allen Telefonaten geht es um das gleiche Thema: Die Leute melden dem Rentner Schlaglöcher im Straßenbelag, Schäden, die Frost und Salz verursacht haben. "Ich hab' schon Nachtschichten eingelegt, um die ganzen Nachrichten aufzuarbeiten", sagt Kraus.

Der umtriebige Ruheständler will es aber nicht anders. Seit Jahren betreut er ehrenamtlich diesen Service des Automobilclubs Europa (ACE), der sich Staumelder nennt. Weil Kraus die Flut der Meldungen nicht nur entgegennimmt, sondern auch akribisch ordnet, weiß er früher und besser als jede Behörde, welchen Straßen der zu Ende gehende strenge Winter besonders stark zugesetzt hat.

"Am meisten betroffen sind ganz klar die innerörtlichen Verkehrswege", gibt der Schlaglochexperte zu Protokoll. 60 Prozent aller Anrufer beschweren sich über Löcher auf kommunalen Straßen, und ganz vorn in der Statistik liegen die großen Städte - auch Stuttgart.

Frost hat die Straßen großflächig aufgerissen

Hasenbergsteige, Herdweg - zu diesen Gefällstrecken führte Kraus vor wenigen Tagen ein Fernsehteam, das für einen ARD-"Tagesthemen"-Beitrag besonders drastische Beispiele für Winterschäden suchte. "Hier gibt's keine einzelnen Schlaglöcher. Der Frost, der Schnee, das Tauwetter, der Winterdienst und die Verkehrsbelastung haben die Straßen großflächig aufgerissen. Da ist keine Flickschusterei gefragt, sondern eine umfangreiche Sanierung", fordert der ACE-Schlaglochexperte beim Anblick des Schlamassels.

Normalerweise lobt der ACE die Landeshauptstadt und deren Tiefbauamt für ihr rasches Handeln bei Straßenschäden. Nach diesem Winter dürfte es aber eher Tadel geben, denn die Stadt hat kein Geld, um die Schäden schnell zu beheben. Für den Unterhalt des innerstädtischen Straßennetzes stehen in diesem Jahr insgesamt 6,5 Millionen Euro zur Verfügung. 2009 waren es noch drei Millionen Euro mehr. Allein die Winterschäden in Stuttgart werden aber auf mehr als eine Million Euro geschätzt. Ein Plus von rund 400000 Euro gegenüber dem Vorjahr. Für Michael Ilk vom Stuttgarter Tiefbauamt steht damit schon jetzt fest, dass nicht alle Löcher gestopft werden können. "Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass in Stuttgart Schilder stehen, die vor Straßenschäden warnen", beschreibt Ilk die Auswirkungen. Früher sei es für das Rathaus eine Frage der Ehre gewesen, in der Landeshauptstadt solche Schilder nicht auftauchen zu lassen. "Damit ist es jetzt vorbei. Die Warnschilder werden zum Stuttgarter Stadtbild gehören."

Der Zustand der Stuttgarter Straßen verschlechtert sich generell. 2005 stufte eine Untersuchung 20 Prozent der Verkehrswege in die Klassen vier und fünf ein. Das heißt: Es besteht ein dringender Sanierungsbedarf. Fünf Jahre später gehören bereits 24 Prozent der Verkehrswege in diese Kategorie. Dass der Straßenzustand in Stuttgart ständig schlechter wird, liegt an den zu kleinen Budgets, die für den Unterhalt des Straßennetzes zur Verfügung gestellt werden. "Wir bräuchten jedes Jahr 12,5 Millionen Euro, um das Netz in Ordnung zu halten", sagt Ilk und weiß, dass diese Summe nie zur Verfügung gestellt werden kann.

Dieses Problem lässt sich eins zu eins auf die Landkreise der Region übertragen. Die Kreise mit ihren Straßenbauämtern haben sich seit der Verwaltungsreform 2005 nicht nur um ihr eigenes Netz zu kümmern, sondern sind auch für den Unterhalt der Bundes- und Landesstraßen zuständig. Dafür stellt ihnen das Land einen Festbetrag zur Verfügung. Die Summen fallen allerdings nicht gerade üppig aus. Der Kreis Esslingen, der auch die Bundes- und Landesstraßen im Nachbarkreis Göppingen betreut, erhält für diese Aufgabe ganze 725.000 Euro.

Nur die gefährlichsten Stellen können geflickt werden

Die Esslinger Straßenmeisterei besitzt noch keine endgültige Bestandsaufnahme der Winterschäden. Fest steht bereits, dass es mehr gibt als in den Vorjahren. Mit dem zur Verfügung stehenden Geld könne man jedoch nur die gröbsten und gefährlichsten Passagen ausbessern. "Wir warten auf Signale, dass uns mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden", sagt der Esslinger Amtsleiter Henning Hoyler. Wohl wissend, dass die Hoffnungen vergeblich sind.

Der Rems-Murr-Kreis beziffert seine Schlaglochbilanz nach dem Winter am gesamten Netz aus Bundes-, Landes- und Kreisstraßen auf 290.000 Euro. Am meisten (180.000 Euro) kosten die Reparaturen der Landesstraßen. Wegen der dort vorhandenen Vorschäden habe der knackig kalte Winter dort ganze Arbeit leisten können.

Ähnlich gestaltet sich die Straßenlage in den Kreisen Ludwigsburg und Böblingen. Die Finanzen, so heißt es aus dem Ludwigsburger Landratsamt, ließen eigentlich notwendige umfangreiche Belagsanierungen nicht zu. Mehr als das Stopfen der Schlaglöcher sei nicht drin. Der Kreis Böblingen beginnt mit diesen Ausbesserungsarbeiten erst im April, wenn die Asphaltaufbrüche in vollem Umfang sichtbar seien.

Von solchen Problemen unbeleckt geben sich die drei Autobahnmeistereien (Ludwigsburg, Kirchheim/Teck und Herrenberg) in der Region Stuttgart. Deren Dienstherr, das Stuttgarter Regierungspräsidium (RP), beziffert die Winterschäden auf den Autobahnen in der Region auf rund 1,1 Millionen Euro. Zwei Drittel davon fallen im Bereich Herrenberg (A81 zwischen Herrenberg und Stuttgart, A8 vom Stuttgarter Kreuz nach Leonberg und A831 zwischen dem Kreuz Stuttgart und dem Schattenring) und ein Drittel im Kirchheimer Raum (A8 in beiden Fahrtrichtungen) an. "Schlaglöcher", so RP-Sprecher Clemens Homoth-Kuhs, "gibt es auf den Autobahnen nur kurze Zeit, weil wir dort die ständige Betriebssicherheit garantieren müssen." Damit das RP diesem Anspruch auch gerecht werde, seien die Autobahnmeistereien üppig mit Sanierungsmitteln ausgestattet. Davon können die Leiter der Straßenbauämter in den Kreisen nur träumen.

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