Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard wird nicht mit einem Straßennamen in Fellbach bedacht. Welche Frauennamen für das Gewerbegebiet Siemensstraße ausgesucht worden sind, lesen Sie hier.
Christiane Nüsslein-Volhard ist raus. Die Biologin und Biomechanikerin vom Max-Planck-Institut für Biologie in Tübingen hat zwar dank ihrer jahrzehntelangen Spitzenleistungen schon viele Ehrendoktorwürden von Utrecht bis Tokio sowie das Große Verdienstkreuz erhalten und darf sich seit 1995 Nobelpreisträgerin für Physiologie/Medizin nennen.
Doch für die Benennung einer Straße nach ihr im erweiterten Gewerbegebiet Siemensstraße in Fellbach reicht es der bald 80-Jährigen nicht. Zwar schaffte sie es noch in die Liste „tiefergehend geprüfter Namensvorschläge“, wie es in den Erklärungen des Stadtplanungsamts zur Gemeinderatssitzung an diesem Dienstagabend heißt. Doch die Verwaltung hat zwei andere Favoritinnen für die Adressen in jenem Gebiet: Emmy-Noether-Straße und Maria-von-Linden-Straße.
Nord-Süd-Achsen nach Männern benannt
Dies ist ganz im Sinne der im vergangenen Jahr geäußerten Absicht, in dem nördlich des Bahnhofs gelegenen Industriegebiet die in West-Ost-Richtung verlaufenden Straßen „nach weiblichen Naturwissenschaftlerinnen“ zu benennen, wie Stadtplaner Christian Plön im Oktober 2021 gendermäßig korrekt ausführte. Schließlich sind die Nord-Süd-Straßen im bereits bestehenden ersten Teil des Gewerbegebiets schon nach „männlichen Naturwissenschaftlern“ benannt, etwa nach Otto Hahn oder Philipp Reis.
Diese Vorgabe, so die Verwaltung seinerzeit, solle auch das „deutliche Übergewicht von Männern“ in der Straßenbenennung in Fellbach beheben, „sodass dadurch auch ein weiterer Schritt in Richtung Gleichberechtigung getan werden kann“.
Stadt hat 59 Namensvorschläge geprüft
Im Gremium gab’s allerdings so manchen Widerspruch. Man dürfe sich „nicht nur auf Frauennamen beschränken“, sagte CDU-Fraktionschef Franz Plappert. Und selbst weibliche Stimmen im Lokalparlament zeigten sich „nicht so glücklich“ mit der Bevorzugung ihres Geschlechts bei den Straßennamen. Speziell Nobelpreisträgerinnen hätten häufig Doppelnachnamen, das sei als Firmenadresse, für die Anlieferung von Paketen oder für per Navi anrückende Lastwagenfahrer „zu lang und zu kompliziert“, sagte Tine Hämmerle (Freie Wähler/Freie Demokraten). Stattdessen seien doch Wissenschaftler mit starkem Bezug zu Fellbach, Schmiden und Oeffingen viel sinnvoller.
Nach einer öffentlichen Aufforderung gingen schließlich 59 Namensvorschläge im Rathaus ein. Das Stadtarchiv prüfte diese Vorschläge intensiv, „die historische Datenlage ist jedoch von sehr unterschiedlicher Dichte und Qualität“, urteilt das Stadtplanungsamt. Jedenfalls verfolgt die Verwaltung nach wie vor das Ziel, „die Sichtbarkeit und Bedeutung von Frauen im öffentlichen Raum in Fellbach zu stärken“, so Plön. In der Zusammenschau von Lebensleistung, Bezug zu Fellbach oder Baden-Württemberg „und der Länge des Namens“ schlägt die Rathaus-Findungskommission deshalb die Zoologin und Parasitologin Maria von Linden und die Mathematikerin Emmy Noether als Namensgeberinnen für die neuen Straßen vor.
Männer sollen später zum Zuge kommen
Somit trägt die Bauverwaltung mit Dezernentin Beatrice Soltys an der Spitze den im Herbst vorgebrachten Bedenken zumindest teilweise Rechnung: Frauen ja – aber nicht mit Doppelnamen. Denn neben der Christiane-Nüsslein-Volhard-Straße wurde vorab auch die Maria-Goeppert-Mayer-Straße ausgesiebt. Weitere Frauennamen, die intensiv geprüft wurden und es dann nicht in den engeren Vorschlagszirkel schafften: Ada-Lovelace und Dorothea Erxleben. Sollte die Ratsmehrheit jetzt aber doch Männernamen bevorzugen, so hat die Stadt auch hierfür eine Vorschlagsliste vorgesehen. Auf der sind zu finden: Gerhard Ertl, Andreas Maier, Carl Wüst, Emil Maier, Friedrich Baisch, Gerhard Hummel, Oskar Schwenk und Wilhelm Schönemann – allesamt Firmenchefs, Forscher, Schullehrer oder Wengerter aus Fellbach. Wobei die Stadt allerdings diese am liebsten erst „bei der nächsten Möglichkeit zur Benennung von Straßen“ zum Zuge kommen lassen möchte.
Gemeinderat Die Sitzung des Lokalparlaments beginnt an diesem Dienstag, 26. Juli, um 17 Uhr im Großen Saal des Rathauses.