Die Fritz-Bauer-Straße trug bis zum Mai 2010 den Namen Treitschkestraße. Seit 1937 war sie nach dem Historiker und Publizisten Heinrich von Treitschke benannt. Foto: Holowiecki

Vor Jahren wurde in Stuttgart-Sillenbuch eine Straße umbenannt. 80 Prozent der Anwohner waren damals dagegen, sie hatten viele Befürchtungen. Doch wie schlimm war es in den vergangenen zehn Jahren wirklich?

Sillenbuch - Am 1. Juni 2010 wurde in Sillenbuch einiges wieder ins Lot gebracht. Da wurde ein Antisemit getilgt und durch einen Nazijäger ersetzt – auf einem Straßenschild. Der Name Treitschkestraße wurde durch Fritz-Bauer-Straße ausgetauscht.

Seit 1937 hatte die kurze Straße am Silberwald nach dem Historiker und Publizisten Heinrich von Treitschke (1834-1896) geheißen. Nachdem die Stadt aber dessen antisemitische Vergangenheit durchleuchtet hatte – er hatte 1879 in einem Aufsatz mit dem Satz „Die Juden sind unser Unglück“ den Berliner Antisemitismusstreit ausgelöst –, hatte der Verwaltungsausschuss des Gemeinderats für die Umbenennung gestimmt. Die Wahl war auf Fritz Bauer (1903 bis 1968) gefallen, der aus Stuttgart stammte und sich als Generalstaatsanwalt während der Auschwitz-Prozesse einen Namen machte. Der bisher schon nach Fritz Bauer benannte Weg am Bopser hatte im Gegenzug den Namen der jüdischen Frauenrechtlerin Carola Blume (1899-1987) erhalten.

Aus praktischen Gründen dagegen

80 Prozent der Anwohner waren seinerzeit gegen den neuen Namen – aus praktischen Gründen. Denn ja, Scherereien gab es tatsächlich. Eine Anwohnerin etwa berichtet von Polizeiwagen und Taxis, die umherirrten, ohne fündig zu werden. „Nachdem unser Straßenschild schon stand, bin ich in den Fritz-Bauer-Weg am Bopser gefahren und habe sage und schreibe drei Pakete abgeholt“, berichtet sie. Das Thema Briefe und Päckchen hat seinerzeit viele Nachbarn umgetrieben. „Ich befürchte, dass ganz viel Post nicht angekommen ist“, sagt eine Anwohnerin. Besonders nervenraubend: Sie und ihre Familie waren erst im Februar 2010 in ihr Haus gezogen – und hatten kein halbes Jahr später wieder eine Adressänderung zu stemmen. Die Ämter hätten das ganze Prozedere nicht für sie übernommen. „Da muss man schon aktiv werden“, sagt sie. Ein besonders schwieriges Thema sind nach ihrer Erfahrung Navigationsgeräte. „Die waren lange nicht darauf eingestellt.“ Bis heute sage sie immer ihre alte Adresse dazu, wenn sie jemanden von außerhalb einlade. „Ich habe das drin.“ Und tatsächlich beweist der Test mit einem etwas älteren Gerät: Fritz-Bauer-Straße? Unbekannt!

Ein altes Schild hängt noch an einer Fassade

Bis heute, wenn auch selten, landen noch Briefe, die an die Treitschkestraße adressiert sind, in den Briefkästen an der Fritz-Bauer-Straße, bestätigen mehrere Nachbarn. „Wir haben einen super guten Postboten“, sagt Kerstin Wahl, ebenfalls eine Anwohnerin.

Vorsichtshalber hat immer noch eines der Häuser ein altes Schild mit dem Namen Treitschkestraße an der Fassade hängen. Aber nicht alle Anwohner haben überhaupt schlechte Erfahrungen gemacht. Reinhard Werner und seine Frau sind „gottfroh“, dass der alte unbequeme Name weg ist. „Wir haben nicht gemerkt, dass wir abgehängt waren“, sagt er, der Wechsel der Wohnadresse habe im Alltag „überhaupt keine Rolle gespielt“. Er lacht. Ein Navi besitze er sowieso nicht.

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