Die Weltmeisterin im Einradfahren hat sich beim Straßenkunstfestival Straku in Esslingen genauso die Ehre gegeben wie Jongleure und Clowns. Zum fünften Mal verzauberten die Straßenkünstler ihr Publikum.
Esslingen - Trotz starker Windböen vier Hüte in der Luft zu balancieren, mit regenfeuchten Händen Hand-auf-Hand-Akrobatik verlässlich zu präsentieren, an einer zugigen Straßenecke als Clownin jedem ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern und mit fetzigen Klängen hastig vorübereilenden Menschen einen Moment des Innehaltens zu schenken – das ist pfiffige, lebendige und spontane Straßenkunst vom Feinsten. Zu erleben war das am Wochenende beim fünften Esslinger Straßenkunst-Festival Straku, das in diesem Jahr nicht nur wegen der Corona-Pandemie ganz anders daherkam als in früheren Jahren, sondern das auch noch mit durchwachsenem bis miesem Wetter fertigwerden musste. Initiator Philipp Falser zieht dennoch eine positive Bilanz: „Wir haben aus der Situation das Beste gemacht und ein schönes Festival mit Kunst und Kultur in die Stadt gebracht.“
Dieses „etwas andere“ Straku fand diesmal nicht wie gewohnt im Mai statt, sondern im September, und nicht nur an einem Tag, sondern sogar an dreien, statt auf großen Bühnen an unterschiedlichsten Orten, frei nach dem Motto: „Auf leisen Sohlen – das versteckte Straßenkunstfestival in der Altstadt“. Die Tipps, wo es hoch hergeht, gab es kurzfristig in den sozialen Medien oder via Mundpropaganda. Joanna Greiner und Lea Mauz bemalten zu Jazz-Klängen von Lukas Wögler die Straßen mit flüssiger Kreide, die Linien verbanden die Auftrittsorte miteinander, der „Straku“-Schriftzug zierte die Gehwege. Das Publikum – mal mit, mal ohne Maske, aber immer um die nötigen Abstände bemüht – freute sich an mehr als einem Dutzend Kleinkünstlern unterschiedlichster Couleur. Eine Truppe junger Leute hatte Klappstühle mitgebracht und machte es sich bei Gute-Laune-Musik der Esslinger Band Phi gemütlich. Andere zogen wie bei einer Rallye mit dem Team von einer Station zur nächsten, so wie Sonja Petersen mit ihren Töchtern: „Die beiden Mädchen sind total begeistert und haben mich zum Bleiben überredet. Eigentlich wollten wir längst wieder zuhause im Warmen sein. Es ist bewundernswert, mit wie viel Begeisterung die Künstler am Start sind, trotz der widrigen Umstände, das muss belohnt werden“, klatschte sie tüchtig Beifall und warf unter lauten „Bravo“-Rufen eine Spende in Janna Wohlfahrths blauen Hut. Die Weltmeisterin im Einradfahren war sechs Stunden aus Frankreich angereist, wo sie zurzeit eine Schule für professionelle Zirkuskünstler besucht. In der Bahnhofstraße balancierte sie mit vier Hüten gleichzeitig, fuhr mit den Händen Einrad und radelte statt auf den Pedalen direkt auf den Reifen. Am Ende stockte dem Publikum der Atem, als sie, auf einem übergroßen Einrad fahrend, mit Messern jonglierte.
Um Gedränge, Pulk-Bildung und Menschenmassen zu vermeiden, zog das Straku-Team mit einem Handwagen von Platz zu Platz: Vor Ort angekommen, wurde abgeladen, ein großes Banner aufgestellt, Plakate mit bunten Puscheln aufgehängt, riesige Pfeile als Wegweiser platziert, ein Teppich ausgerollt, eine kleine Mikrofon-Anlage aufgestellt – und los ging’s zum Beispiel mit Clown-Mimin Wootah mit der roten Nase, die aus ihrem schlichten Aktenkoffer einen Apfel zauberte und ohne Worte aber mit beeindruckender Körperlichkeit eine unglaubliche Geschichte erzählte. Vollegro und die Sway-Sisters zeigten am Postmichelbrunnen, wie elegant und kraftvoll zugleich künstlerische Boden-Akrobatik aussehen kann. Alle miteinander stellten unter Beweis: Straßenkünstler sind keine Mimosen, sondern pragmatisch und flexibel. Es tröpfelt? Mülltüte über den Verstärker. Es ist kühl? Klatschen macht warm. Kein Stromanschluss? Akku-Box anschließen. „Für die meisten unserer Künstler war es in diesem Jahr das erste Festival, das nicht abgesagt wurde. Sie haben uns versichert: Egal, wie es wird: Wir sind dabei“, berichtet Philipp Falser.
Wegen der Corona-Pandemie und ständig veränderter Vorgaben musste das fünfte Straßenkunst-Festival dreimal von Grund auf neu organisiert werden, was die Macher nicht nur Kraft, sondern auch Geld gekostet hat: „Das Budget ist eingebrochen, die finanziellen Mittel sind durch Corona insgesamt weniger geworden. Aber wir haben für unser Konzept eine Förderung durch den Innovationsfonds des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg erhalten. So ist nur ein kleines Minus entstanden, das wir hoffentlich auffangen können“, erzählt Falser. Zudem unterstützten private Spender, das Kulturamt, das Stadtmarketing, die City-Initiative und die Altstadt-Händler das Festival.