Klimarebellen proben einen „Aufstand der letzten Generation“. Jetzt haben sie auch in Stuttgart eine Straßenblockade inszeniert, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Was treibt sie an?
Stuttgart - Die Initiative klingt apokalyptisch. Und so ist auch das Bild, das die Leute vom „Aufstand der letzten Generation“ von unser aller Zukunft haben. Es gebe nur noch wenige Jahre Zeit, um die Welt vor einem Klimakollaps zu bewahren. Deshalb sind sie entschlossen, die Politik auch mit ungesetzlichen Maßnahmen zum Handeln zu zwingen. So zum Beispiel am Montagnachmittag in Stuttgart. Da haben sechs Aktivisten den Berufsverkehr auf der Neckartalstraße für eine knappe Stunde blockiert, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. In Berlin haben solche Blockaden während der vergangenen Woche täglich stattgefunden.
„Was mir persönlich durch eine Strafanzeige droht, ist komplett irrelevant gegenüber dem, was auf uns alle zukommen wird, wenn wir jetzt nicht handeln“, sagt etwa Laura Störzer, eine der vier Frauen, die bei der Blockade an der Wilhelma dabei waren. Sie muss nach Auskunft der Polizei mit einem Ermittlungsverfahren wegen Nötigung rechnen. Die Blockierer wurden am Montagnachmittag von der Straße getragen und erhielten einen Platzverweis. Dabei seien die Stuttgarter Polizisten sehr moderat mit den Demonstranten umgegangen, berichtet sie. Andernorts wie etwa bei der Blockade in Berlin, so heißt es aus der Initiative, gehe es „öfter mal sehr ruppig“ zu. Aktivisten seien in Handschellen abgeführt worden.
„Essen retten, Leben retten“
Störzers unmittelbares Anliegen ist die Ernährung der Menschheit. Die 25-jährige Frau studiert „Agricultural Science in the Tropics and Subtropics“ an der Universität Hohenheim, strebt ein Masterexamen an. Mit ihren Sitzblockaden, von denen sie an anderer Stelle schon einige hinter sich hat, will sie ein Gesetz „gegen die Lebensmittelverschwendung“ erzwingen. Allein in Deutschland würden jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel vernichtet, 82 Kilo pro Konsument. Supermärkte sollen verpflichtet werden, Nahrungsmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum, die aber noch genießbar wären, zu spenden, statt sie mit den Abfällen zu entsorgen. Ein solches Gesetz gebe es in Frankreich bereits seit 2016.
Weitreichender ist die zweite Forderung auf den Transparenten der Klimarebellen. „Essen retten, Leben retten“, ist dort zu lesen. Worum es ihnen geht, haben die Aktivisten, die sich für Vorkämpfer der „letzten Generation“ halten, im November bereits dem damals noch nicht vereidigten Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) erklärt. Er hatte sich zu einem Gespräch bereitgefunden, um einen Hungerstreik auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude zu beenden. Die Leute, die den „Aufstand“ für die Rettung des Klimas angezettelt haben, verlangen von der neuen Regierung, innerhalb der ersten 100 Tage ihrer Amtszeit einen Kurswechsel hin zu einer „echten Agrarwende bis 2030“. Sie soll sich für eine regenerative Landwirtschaft sowie für eine „schnelle und umfangreiche Reduktion der Emissionen in allen Bereichen“ einsetzen und das Artensterben eindämmen.
„Gewaltfrei, aber massiv“
Die Studentin Laura Störzer ist von der Politik und den Parteien enttäuscht. Das Entscheidungstempo der Regierung hält sie für „viel zu langsam“. Auch die Grünen, die jetzt auf Bundesebene mitregieren, hätten bisher „nur leere Versprechungen“ zuwege gebracht. Die Aktionsformen anderer radikaler Klimaaktivisten wie „Extinction Rebellion“ hätten nicht ausgereicht, um einen ernsthaften Wandel herbeizuführen. Was sie mit Straßenblockaden erreichen will, beschreibt die Agrarstudentin so: „Wir wollen nicht die Autofahrer belehren, die wegen uns im Stau stehen, sondern die Politik zum Umdenken zwingen.“
Der „Aufstand der letzten Generation“ hat nach Auskunft der Pressesprecherin Carla Hinrichs kürzlich in Berlin mit einer Handvoll Aktivisten begonnen, inzwischen seien es dort schon 200. Davon seien 50 bereit, trotz staatlicher Sanktionen sich immer wieder an Straßenblockaden zu beteiligen. Die Aktivisten seien zwischen 19 und mehr als 70 Jahre alt. Ein außergewöhnlicher Unterstützer ist der Nürnberger Jesuitenpater Jörg Alt, der sich mit dem Plündern von Müllcontainern vor Supermärkten mittels Selbstanzeige ein Strafverfahren eingehandelt hat. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Diebstahls in einem besonders schweren Fall. Der Pater sieht die Wegwerfkultur jedoch als Ausdruck eines Wirtschaftssystems, das den Profit weniger über den Bedarf vieler setze. Er hält die Zeit reif für rabiaten Protest. Alt meint: „Es gibt keinen Grund, die Dinge zu verzögern.“
Rechtsbrüche zur Rettung des Klimas? „Wir wollen niemanden stören müssen“, sagt Pressesprecherin Hinrichs. Wegen der drohenden Klimakatastrophe fühle sich ihre Initiative aber zu „größtmöglichen Störungen“ berufen. Es gehe darum, die Routinen eines Alltags zu stoppen, der unweigerlich zum Kollaps führe. Dabei würden die Klimarebellen weiterhin „gewaltfrei, aber massiv“ vorgehen. In den nächsten Tagen wollen sie aus Respekt vor den beiden in Rheinland-Pfalz erschossenen Polizisten allerdings eine Pause einlegen – das zeugt von Anstand in den Reihen des Aufstands.