Der Krieg im Iran kostet Menschenleben und verteuert Öl, Gas und Sprit weltweit. Doch es gibt auch Kriegsgewinner. Der Reeder George Prokopiou ist einer davon.
Wann und wie der Iran-Krieg endet, weiß niemand. Gewinner aber gibt es schon: die griechischen Reeder. Einer von ihnen ist George Prokopiou. Während viele Schiffseigner angesichts der Drohungen aus Teheran Fahrten im Persischen Golf vermeiden, schickte Prokopiou in dieser Woche gleich fünf seiner Supertanker durch die Straße von Hormus. Damit beweist der 79-jährige Tycoon einmal mehr seinen Mut zum Risiko – ganz in der Tradition der legendären griechischen „Tankerkönige“ Aristoteles Onassis und Stavros Niarchos, die mit ihren Flotten in Krisen und Kriegen Milliarden verdienten.
Alle fünf Tanker der von Prokopiou kontrollierten Reederei Dynacom Tankers Management Ltd. überstanden die Passage unbeschadet. Sie transportierten saudisches Rohöl und Ölprodukte mit abgeschalteten Transpondern durch die Meerenge, um möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Bewaffnete Sicherheitskräfte patrouillierten an Deck. Branchenkreisen zufolge erhielten die Besatzungen für die gefährliche Fahrt besonders hohe Prämien. Schifffahrtsexperten gehen davon aus, dass Dynacom für die Passage außergewöhnlich hohe Versicherungsprämien zahlen musste.
Dennoch dürfte sich das Risiko für den Reeder gelohnt haben. Nach Angaben des Schiffsmaklers Clarksons befinden sich die Frachtraten für Transporte durch die Straße von Hormus derzeit auf historischem Höchststand. Seit Beginn der Feindseligkeiten ist der Schiffsverkehr durch die Meerenge um rund 90 Prozent zurückgegangen. Viele Reeder scheuen die enormen Versicherungskosten und fürchten, Schiffe, Besatzungen und Ladung zu verlieren.
Der Kapazitätsengpass treibt die Frachtraten. Nach Angaben aus Schifffahrtskreisen in Piräus lagen sie auf dem Spotmarkt für einen Supertanker (VLCC) auf der Route vom Persischen Golf nach China Anfang der Woche bei rund 480 000 Dollar (414 000 Euro) pro Tag – mehr als viermal so viel wie vor Beginn des Krieges. Inzwischen sind sie weiter gestiegen: Ein griechischer Schiffseigner soll diese Woche einen Tanker für 770 000 Dollar täglich verchartert haben.
Fast ein Fünftel der weltweiten Rohöltransporte geht durch die Straße von Hormus – und griechische Schiffseigner spielen dabei eine Schlüsselrolle. Die „Greeks“, wie sie in der Branche genannt werden, kontrollieren rund ein Viertel der weltweiten Tankertonnage.
Herr über 183 Schiffe
Prokopiou gehört zu den Schwergewichten der Branche. „Wer nicht bereit ist, Risiken einzugehen, hat in der Schifffahrt nichts verloren – nur wer wagt, gewinnt“, sagte er einmal. Das Finanzmagazin „Forbes“ führt ihn mit einem geschätzten Vermögen von 4,7 Milliarden Dollar unter den reichsten Griechen auf Platz 5. Das Schifffahrtsmedium „Lloyd’s List“ zählt ihn zu den zwölf einflussreichsten Reedern der Welt.
Angefangen hat Prokopiou ganz klein. Er erzählt gern, wie er als Sechsjähriger am Strand des Athener Küstenvororts Glyfada aus alten Brettern ein Floß baute und damit auf den Saronischen Golf hinaus paddelte. „Als ich die Wellen spürte, wusste ich, was ich werden wollte“, erinnert er sich. Nach seinem Ingenieurstudium in Athen kaufte er 1972 gemeinsam mit zwei Partnern von Getty Oil seinen ersten Tanker. Heute kontrolliert Prokopiou über seine Gesellschaften Dynacom Tankers, Sea Traders und Dynagas sowie die an der New York Stock Exchange notierte Dynagas LNG Partners LP laut Forbes eine Flotte von 183 Schiffen. Dutzende weitere befinden sich auf asiatischen Werften im Bau. Lange vor dem Ukraine-Krieg erkannte er den Trend zum Flüssigerdgas (LNG) und baute eine der weltweit größten Flotten von LNG-Tankern der Eisklasse auf.
Auch in Deutschland wurde er bekannt: 2022 vercharterte er zwei schwimmende Flüssiggasterminals an das Bundeswirtschaftsministerium. Die Anlagen liegen vor Wilhelmshaven und helfen, die deutsche Erdgasversorgung zu sichern.
Auch in den Schiffbau ist der Reeder eingestiegen: 2021 übernahm er die Werft Hellenic Shipyards in Skaramangas bei Athen, die einst von Stavros Niarchos gegründet wurde. „Wir riskieren unser Geld auf dem Meer, aber wir investieren es an Land“, sagt Prokopiou. Er besitzt ein großes Immobilienportfolio rund um das Mittelmeer sowie in den USA und Großbritannien. 2025 kaufte er das Astir Palace Vouliagmeni, den wohl bekanntesten Hotelkomplex an der Athener Riviera. Dort liegt auch seine Superjacht „Dream“, eine der größten Privatjachten der Welt. Meist lebt und arbeitet der Reeder an Bord. Prokopiou hat vier Töchter – Ioanna, Marilena, Marina und Eliza. Sie arbeiten im Unternehmen und bereiten sich auf die Nachfolge ihres Vaters vor. Sein Erfolgsgeheimnis beschreibt er so: „Glauben Sie nicht, dass uns im Schlaf einfällt, was wir zu tun haben. Wir sind keine Spieler, sondern Segler. Wir beobachten den Wind, setzen die Segel und bestimmen den Kurs.“