Die Wengerterin Karin Nehls lässt an ihrem Weinberg zwischen Rohracker und Frauenkopf eine instabile Trockenmauer erneuern. Die Stadt trägt die Kosten von 150 000 Euro.
Der Speidelweg zwischen Frauenkopf und Rohracker muss wegen der Sanierung einer instabilen Trockenmauer länger gesperrt bleiben als ursprünglich angenommen. Zunächst sollten die Arbeiten bis 5. Juni abgeschlossen sein, jetzt geht die Eigentümerin des Weinbergs davon aus, dass sie bis in die Sommerferien andauern werden. Genehmigt ist die Maßnahme derzeit bis 4. September. „Die Arbeiten sind wetterabhängig", sagt Karin Nehls. Die nebenberufliche Wengerterin, die ihren Weinberg von Hand pflegt, betont aber, dass der Speidelweg in den kommenden Wochen immer wieder zeitweise geöffnet wird, sollte es die jeweilige Bauphase zulassen. Derzeit sei man jedoch noch mit einem Bagger vor Ort im Einsatz.
Trockenmauer war schon 2020 einsturzgefährdet
Mitte April hat das städtische Tiefbauamt einen Hangrutsch im Speidelweg vermeldet. Doch die Wengerterin widerspricht. Tatsächlich habe eine von ihr beauftragte Baufirma das Erdreich gezielt abgetragen. Die Trockenmauer sei schon wacklig gewesen, als sie den Weinberg Ende 2020 kaufte. Im März 2021 hat sie Fördermittel für die Sanierung beantragt, weil sie die „akut einsturzgefährdete Mauer nicht eigenständig sichern“ könne.
„Nach längerer Wartezeit wurde der Antrag im Juli 2024 bewilligt, sodass ich im Anschluss einen Landschaftsgärtner beauftragen konnte“, so Nehls. Noch vor Beginn der Arbeiten lösten sich im November 2025 jedoch mehrere Steine aus der Mauer und rollten auf die Fahrbahn – glücklicherweise wurde niemand verletzt. Kurz zuvor hatte die Abteilung Stadtgrün eine Brombeerhecke entfernt, die stabilisierend gewirkt hatte. „Neben Vibrationen von schweren Fahrzeugen war das Absäbeln und Herausreißen der Kletterpflanzen nach starken Niederschlägen vermutlich der letzte Anstoß", sagt die Kulturwissenschaftlerin, die in ihrem Wengert Weinerlebnistouren anbietet und die zwei Rebsorten in Souvignier Gris und Sauvignac anbaut. In einer E-Mail an die Stadt schrieb sie Mitte April rückblickend: Die Mauer habe in großen Teilen ihre statische Funktion verloren, Steine hätten ungeordnet aufeinandergelegen, ein tragfähiger Verband sei nicht mehr gegeben gewesen.
Aus Sicht der Stadtverwaltung ist unklar, warum die Trockenmauer letztlich instabil geworden ist. „Es könnte an einer Vielzahl von Faktoren gelegen haben", sagt Stadtsprecherin Frederike Myhsok nach Rücksprache mit mehreren Ämtern. Bei vierteljährlichen Kontrollen begutachte das Tiefbauamt auch die angrenzenden Mauern. Bei der letzten Begehung sei der Speidelweg als verkehrssicher eingestuft worden. Die Verkehrssicherungspflicht liege allerdings beim privaten Grundstückseigentümer.
Die Arbeiten werden voraussichtlich rund 150 000 Euro kosten. Die Sanierung wird nach einer städtischen Förderrichtlinie für Trockenmauern in Steillagen zu 100 Prozent bezuschusst. Die Stadt zahlt nach Abschluss der Arbeiten.
Rückzugsorte für Eidechsen, Wildbienen und Spinnen
Die Wengerterin ist froh, dass die Trockenmauer wieder aufgebaut wird – auch wenn das ein aufwändiges Unterfangen ist. „In Stuttgart gibt es die Mauern bereits seit 800 Jahren, in Rohracker seit 600 Jahren. Sie sind wichtig für eine hohe biologische Vielfalt", sagt die 36-Jährige, deren Ehemann Dennis Keifer gelernter Winzer ist und einst die Rohracker Genossen mitmodernisierte. Die Steine böten Rückzugsorte für wärmeliebende Arten wie Eidechsen, Wildbienen, Käfer und Spinnen. „Die historische Weinberglandschaft an den südlich ausgerichteten Hängen und der Wald an den Nordhängen schaffen zusammen einen wertvollen Lebensraum."
Der Wiederaufbau erfordere jahrhundertealtes Handwerk, erklärt sie. Ein erheblicher Teil der Konstruktion liege unsichtbar im Hang. Die aufwändige Hintermauerung – die Mauer verbreitert sich nach unten – und Verzahnung seien entscheidend für die Stabilität. Die Steine müssten tief ins Fundament gesetzt werden, um den Druck des Erdreichs aufzunehmen. „Gerade bei Starkregen spielt die kontrollierte Wasserführung durch die Mauer eine wichtige Rolle", sagt die Wengerterin. Genau dieser Aufwand erkläre, warum die Arbeiten zeitintensiv seien und abschnittsweise erfolgen müssten.
Langfristiger Erhalt historischer Kulturlandschaft
Die Eigentümer der Weinberge trügen dauerhaft Verantwortung für Pflege, Erhalt und Verkehrssicherheit. „Damit leisten wir auch einen Beitrag dazu, dass der Speidelweg langfristig befahrbar bleibt", betont sie. Würden die Weinberge brachfallen, gingen nicht nur wertvolle Lebensräume verloren – sondern auch diese historische Kulturlandschaft.