Das Mercedes-Werk in Tuscaloosa. Daimler produziert die Modelle GLS, GLE und GLE Coupé ausschließlich in den USA. Auch die C-Klasse wird dort gefertigt Foto: Daimler AG

Wenn an diesem Mittwoch der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zu Handelsgesprächen nach Washington reist, beobachten das besonders die baden-württembergischen Autohersteller Daimler und Porsche genau. Auf sie hätten Zölle gravierende Auswirkungen.

Stuttgart - US-Präsident Donald Trump droht der deutschen Automobilwirtschaft mit hohen Schutzzöllen für Fahrzeuge. Zwar weiß er, dass die deutschen Autohersteller in den USA große Werke betreiben, aber Trumps Wirtschaftsberater Peter Navarro behauptet, die Werke deutscher Hersteller seien reine „Montagewerke“, in denen nur 25 bis 35 Prozent der Teile aus Amerika stammten. Wir erklären, was an diesen Behauptungen dran ist und wie sich Strafzölle auf das Autoland Baden-Württemberg auswirken würden, wo insgesamt rund 230 000 Jobs von der Branche abhängen.

Treffen die Vorwürfe zu?

Für Ferdinand Dudenhöffer, Gründer und Leiter des CAR-Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen, sind die Vorwürfe „Lügen“. Der Automobilexperte sagt: „Das sind vollwertige Werke mit Karosseriebau, Lackiererei und teilweise sogar Motorenwerken – wie in München oder Stuttgart.“

Was ist ein Montagewerk und was eine Produktion?

Bei einer vollwertigen Produktion liefern Zulieferer zwar Komponenten und Autoteile wie Katalysatoren, Klimaanlagen oder Lenksysteme zu, aber im Werk des Herstellers selbst gibt es einen eigenen Karosseriebau, eine Lackiererei und oft auch eine ­Motorenproduktion. In einer reinen Montagefabrik werden dagegen fertige Bauteile aus einem Automobilwerk in ein Land, meist sind das Entwicklungsländer wie Ägypten oder Kenia, geliefert und dort zusammengesetzt. Das geht schnell, ist kostengünstig und erlaubt es, Einfuhrzölle zu umgehen.

Wie sieht die Bilanz deutscher Hersteller in den USA aus?

Laut einer jüngst veröffentlichten LBBW-Studie exportiert die deutsche Autoindustrie Fahrzeuge und Kfz-Teile im Umfang von 28,6 Milliarden Euro in die USA. Umgekehrt würden Fahrzeuge und Teile für 6,4 Milliarden Euro eingeführt. Die LBBW schätzt das Handelsdefizit der USA allein im Fall von Volkswagen auf 15 Milliarden Euro. Im Fall Daimler (3,4 Milliarden Euro) und BMW (eine Milliarde Euro) sei der Fehlbetrag geringer.

BMW fertigt alle Geländewagen (SUV) außer den X1 ausschließlich in den USA und exportiert sie auch von dort. Umgekehrt führt der Autobauer Fahrzeuge, die anderswo gebaut werden, in die USA ein. Die Münchner haben 2017 mehr Fahrzeuge aus den USA ausgeführt als umgekehrt. Daimler produziert die Modelle GLS, GLE und GLE Coupé ausschließlich in den USA. Auch die C-Klasse wird dort gefertigt. Der US-Markt ist heute für die meisten deutschen Hersteller nach China der zweitwichtigste Absatzmarkt.

Wie viel haben Daimler und BMW in den USA investiert und wie viele Arbeitsplätze wurden dadurch geschaffen?

Die BMW-Produktion in den USA sichert nach Unternehmensangaben 120 855 Arbeitsplätze beim Autobauer direkt und bei Zulieferern. Die Gesamtinvestitionen seit dem Produktionsstart 1994 werden mit neun Milliarden Dollar (7,7 Milliarden Euro) angegeben. Seither seien vier Millionen Autos produziert worden. 70 Prozent davon gingen in den Export. Daimler sichert nach eigenen Angaben direkt oder indirekt 150 000 Arbeitsplätze in den USA und hat allein im Pkw-Werk Tuscaloosa bisher sechs Milliarden Dollar investiert. Eine weitere Milliarde Dollar soll im Zusammenhang mit der Elektrifizierung folgen. Seit 1997 seien mehr als drei Millionen Autos gebaut worden. Etwa zwei Drittel davon wurden exportiert. Daimler fertigt aber auch Trucks (allein 2017 etwa 130­­ 000 Verkäufe) und ist mit weiteren Aktivitäten in den USA vertreten.

Wie ist die aktuelle Absatzentwicklung in den USA?

Für das laufende Jahr rechnet BMW mit einem leichten Wachstum im US-Markt. Bis Ende Mai stiegen die Verkäufe um 3,3 Prozent auf 142 469 Einheiten. Daimler vermeldet für den gleichen Zeitraum ein kleines Absatzminus von 0,2 Prozent auf 132­ 657 Einheiten.

Welche Folgen hätten Zölle für deutsche Hersteller?

„Die angedrohten, deutlich höheren Zölle würden mitten ins Herz der baden-württembergischen Wirtschaft mit unserer starken Automobilindustrie und den zahlreichen Zulieferbetrieben treffen“, sagt Peter Schneider, Präsident des Sparkassenverbandes Baden-Württemberg. „Zwar sind die USA nicht mehr der größte Absatzmarkt, aber deutlich höhere Zölle hätten trotzdem spürbare Verwerfungen bei uns zur Folge.“ Autoexperte Dudenhöffer sieht in Zöllen, „anders als beim Diesel-Gate“ keine Katastrophe. „Amerikanische Käufer sind bereit, für einen Mercedes oder einen Porsche zehn oder 15 Prozent mehr auszugeben“, sagt er. „Wenn die USA Strafzölle gegen die deutschen Autobauer verhängen, würde das nach unseren Berechnungen alle Hersteller beim Gewinn treffen“, sagt dagegen Uwe Burkert, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). „Es sind Gewinnrückgänge von bis zu zehn Prozent möglich.“ Diesen Rückgang erwarten die Analysten beispielsweise bei Volkswagen. Zu dem Konzern gehört auch der Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche. „Porsche und Audi wären stärker betroffen als etwa Daimler oder BMW, weil sie keine eigenen Produktionen in den USA betreiben“, so Burkert.

Könnten Audi oder Porsche Zölle durch Montagewerke umgehen?

Nach Ansicht Dudenhöffers kommt das auf die Höhe der Zölle und die Volumina an. Bei einem Zollsatz von 25 Prozent oder mehr könne sich eine Montagefertigung im VW-Werk Chattanooga für Modelle mit größeren Volumina – also nicht für den 911 Turbo – rentieren. Vorstellbar wäre das laut Dudenhöffer etwa für den Porsche Macan oder den Audi Q5.

Welche Folgen hätte ein Handelskrieg?

Im schlimmsten Fall sieht die LBBW weltweite Markteinbrüche, einen deutlichen Rückgang der Aktienkurse und Auswirkungen auf Risikoaufschläge bei Anleihen heraufziehen.

Gibt es Chancen für eine Lösung?

Im Handelsstreit mit der EU bearbeiten die USA einem Medienbericht zufolge die deutschen Autobauer. Der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, habe den Chefs von BMW, Daimler und Volkswagen eine Lösung in dem Konflikt um drohende Strafzölle unterbreitet, berichtete das „Handelsblatt“ unter Berufung auf Teilnehmer. Bei dem Treffen am Mittwoch in der US-Botschaft in Berlin habe Grenell den Managern mitgeteilt, er sei beauftragt, eine Lösung mit Deutschland und der EU zu suchen. Grenell habe erklärt, die USA seien zu einer Null-Lösung bereit, also zu einem Komplett-Verzicht auf Autozölle, wenn auch Europa darauf verzichte.

Ungeachtet dessen plädiert die Landesbank Baden-Württemberg für mehr Flexibilität bei der US-Produktion und rät etwa VW zur Produktion von Audi-Modellen in seinen amerikanischen Werken. Dudenhöffer glaubt, dass General Motors, Chrysler und Ford mehr unter Zöllen litten als deutsche Produzenten und Trump deshalb nachgeben wird: „Ford, GM und Chrysler stellen in Mexiko preissensible Autos her und das träfe viele US-Käufer mit weniger Geld. Trump bestraft sich selbst.“

Würde China Zölle gegen Autos aus US-Produktion verhängen, träfe das die US-Industrie ebenfalls. Wie die Nachrichtenagentur Reuters von einem Insider erfuhr, will die Volksrepublik ab Freitag Zölle auf US-Güter im Wert von 34 Milliarden Dollar erheben. Unklar ist, ob davon auch Fahrzeuge betroffen sein sollen. Laut BMW könnten amerikanische Strafzölle Jobs im eigenen US-Werk kosten. Dudenhöffer rechnet damit, dass deutsche Hersteller, die aus ihren US-Werken exportieren, die Produktion in den USA reduzieren und dafür Kapazitäten etwa in China aufbauen.