Im Jahr 2011 sind im Südwesten so wenige Straftäter verurteilt worden wie seit 1992 nicht mehr. Foto: dpa

Strafverfolgungsstatistik 2011 liegt vor – Weniger Verurteilungen wegen schwerer Körperverletzung.

Stuttgart - Insgesamt 108.200 Personen sind im vergangenen Jahr in Baden-Württemberg verurteilt worden, das waren rund 2000 (1,8 Prozent) weniger als 2010. Wegen Gewaltdelikten wurden 4489 Personen bestraft, 5,5 Prozent weniger als im Vorjahr. „Besonders erfreulich ist, dass die Zahl der Verurteilungen in diesem Bereich nun zum zweiten Mal in Folge rückläufig ist“, sagte Justizminister Rainer Stickelberger (SPD) bei der Vorstellung der Strafverfolgungsstatistik in Stuttgart.

Dabei stünden die Zahlen im Gegensatz zu der Situation, wie sie viele Menschen persönlich empfinden würden, sagte Stickelberger „Berichte und Bilder von Gewalttaten sind in ihrer Wirkung offenbar stärker als Zahlenreihen.“ Insbesondere die Verurteilungen wegen gefährlicher Körperverletzung seien deutlich zurückgegangen. Wegen dieses Delikts wurden 3594 Personen verurteilt, 2010 waren es 3882. Dagegen nahmen die Verurteilungen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern und wegen Vergewaltigungen um fast 12 Prozent zu. 258 Personen wurden wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt, 88 wegen Vergewaltigung.

Den Rückgang der Verurteilungen bei Kinderpornografie von 240 auf 180 dagegen sieht Stickelberger mit Sorge. Er gehe davon aus, dass die Gesamtzahl der Straftaten in diesem Bereich nicht so stark gesunken sei. Vielmehr sei es durch den Wegfall der Vorratsdatenspeicherung für die Ermittler schwieriger geworden, Täter zu überführen.

Unter den insgesamt Verurteilten waren 90.300 Erwachsene ab 21 Jahren, 10.700 Heranwachsende zwischen 18 und 20 Jahren und 7200 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren, sagte Carmina Brenner, Präsidentin des Statistischen Landesamts. Umgerechnet auf die Gesamtzahl der Bevölkerung heißt das, dass Heranwachsende am häufigsten straffällig wurden.

Von je 100.000 Einwohnern dieser Altersgruppe wurden 2780 verurteilt, bei den Jugendlichen waren es 1542 von 100.000 und bei den Erwachsenen 1063. In allen drei Gruppen ist ein Rückgang zu verzeichnen. Bei den Heranwachsenden hatte es 2004 einen Höchststand von 3917 Verurteilungen gegeben, bei den Jugendlichen lag der Rekord bei 1907 im Jahr 2007. Stickelberger führt den Rückgang insbesondere bei den Jüngeren darauf zurück, das Präventionsprogramme und die Wiedereingliederung von Straftätern erfolgreich ist.

Vier von fünf Verurteilten sind männlich. Sie werden am häufigsten wegen Verkehrsdelikten bestraft – in diesem Bereich sind die Verurteilungen um 0,4 Prozent gestiegen. Bei den Straftaten von Frauen liegen Betrug und Untreue auf Platz eins.

Geldstrafen waren die häufigsten Strafen

Rund 30.000 der 108.200 gerichtlich Verurteilten hatten eine ausländische Staatsangehörigkeit. Insgesamt wurden 180 Ausländer mehr verurteilt als 2010. Unter den ausländischen Jugendlichen und Heran -wachsenden sank die Zahl der Verurteilten.

Am häufigsten verhängten die Richter im vergangenen Jahr Geldstrafen. 80.600 Personen, fast drei Viertel der Verurteilten, wurden zur Kasse gebeten. 17.300 Personen (16 Prozent) wurden zu einem Freiheitsentzug verurteilt. In 12.300 wurde diese Strafe zur Bewährung ausgesetzt, 5000 Personen (4,6 Prozent aller Verurteilten) mussten hinter Gitter. Bei den übrigen 10.300 Verurteilten wurden Zuchtmittel wie beispielsweise Verwarnungen oder Jugendarrest sowie Erziehungsmaßregeln, etwa Arbeitsleistungen oder Heimunterbringung, auferlegt.

Rückgang der Verurteilungen bedeute nicht unbedingt mehr Gesetzestreue

Insgesamt hatten sich im Jahr 2011 in Baden-Württemberg 128.600 Personen in Strafverfahren vor den Gerichten im Land zu verantworten. Von ihnen wurden 84 Prozent rechtskräftig verurteilt. In den restlichen 20.400 Fällen wurden die Strafverfahren entweder durch Einstellung, Freispruch oder sonstige Entscheidungen – etwa der Anordnung von Maßnahmen der Besserung und Sicherung – abgeschlossen. Nicht berücksichtigt in der Strafverfolgungsstatistik sind Fälle, in denen es nach dem Ermittlungsverfahren nicht zu einer Anklage kam. Unklar ist auch, wie viele Straftaten nicht bekannt oder nicht aufgeklärt sind.

Der Rückgang der Verurteilungen bedeute nicht unbedingt, dass die Menschen auch gesetzestreuer seien, sagte Statistik-Chefin Brenner. Gründe dafür könnten auch die Bevölkerungsentwicklung, die Fahndungserfolge, das Anzeigeverhalten sowie gesetzliche Rahmenbedingungen sein.

Die Justiz in Baden-Württemberg ist nach Ansicht von Stickelberger im Vergleich der Bundesländer besonders effektiv. „Wir haben mit wenig Personal beachtliche Zahlen erreicht“, sagte er. Die Güte der Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaften lasse sich unter anderem daran ablesen, dass es nur in etwa zwei Prozent der Gerichtsverfahren zu einem „echten Freispruch“ komme, so der Jurist.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: