Stolperstein für Julie Heilbronner, ihre Tochter Rosalie und ihren Sohn Georg im Stuttgarter Norden. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Zu den Opfern des Terrorangriffs der Hamas zählen auch Mitglieder der Familie Havron, die ihre Ursprünge in Stuttgart hat. Eine der jetzt Verschleppten war bei einer Stolpersteinverlegung 2018 dabei. Ihre Geschichte muss erzählt werden, findet Redakteur Jan Sellner.

Die folgenden Zeilen gehen einem schwer von der Hand. Sie beschreiben eine Tragödie, für die es kaum Worte gibt. Es geht um eine Familiengeschichte, die in Stuttgart und in einem Kibbutz namens Beeri in Israel spielt, zwei Orten, die in diesem Fall so eng miteinander verknüpft sind, wie die Schrecken der Vergangenheit und die Schrecken der Gegenwart. Üblicherweise wird an dieser Stelle in der Zeitung eine Meinung vertreten. Die Meinung heute ist, dass diese Geschichte erzählt werden muss.

 

In ihrem Mittelpunkt stehen Julie Heilbronner und ihr Enkel Abraham Havron. Bei der Machtergreifung der Nazis 1933 war Julie Heilbronner 68 Jahre alt und bereits Witwe. Sie und zwei ihrer drei Kinder, Rosalie und Edgar Jakob, lebten mit ihren Familien in Stuttgart. Charlotte, ihr drittes Kind, wohnte in Hanau. Eine große jüdische Familie, deren Leben durch die Nazis von nun an drastisch beschnitten wurden. In der Folge emigrierte Tochter Charlotte in die USA. Sohn Edgar Jakob, der am Kräherwald eine Orthopädie-Praxis hatte, wanderte mit Frau und drei Kindern nach Palästina aus. Rosalie, die andere Tochter, blieb in Stuttgart, was ihr und ihrem Mann Georg zum Verhängnis wurde. Beide wurden 1942 deportiert und in Izbica/Polen ermordet. Zwei Stolpersteine in der Hölderlinstraße 35, wo sie zuletzt lebten, erinnern an sie.

Julie Heilbronner erlitt das gleiche Schicksal. 77-jährig wurde sie 1942 vom Stuttgarter Nordbahnhof mit rund 1100 anderen Juden nach Theresienstadt deportiert und kurz darauf in Maly Trostinec in Weißrussland ermordet. Auf Betreiben der Stuttgarter Stolperstein-Initiative, die seit 20 Jahren vorbildliche Erinnerungsarbeit in der Stadt leistet, wurde ihr 2018 ein Stolperstein gewidmet, ebenfalls in der Hölderlinstraße. Mit dabei: Abraham Havron, der älteste Spross ihres nach Palästina emigrierten Sohnes Edgar. Der 92-Jährige war in Stuttgart auf die Welt gekommen und sieben Jahre alt, als er mit seinen Eltern die Stadt verließ. Damals hieß er noch Gerhard Heilbronner; in Israel benannte er sich in Abraham Havron um. 85 Jahre nach der Flucht aus Deutschland kehrte er zur Stolpersteinverlegung für seine Großmutter nach Stuttgart zurück. Es war ihm wichtig, auch noch mal das Haus seiner Eltern am Kräherwald zu sehen.

Das Elternhaus von Abraham Havron am Kräherwald. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Abraham Havron kam nicht allein. Begleitet wurde er von Tochter Lilach Kipnis und deren Söhnen Yotan und Nadav. Auch Abrahams Sohn Aviv Havron und dessen Tochter Ella besuchten Stuttgart. Nach der Stolpersteinverlegung kehrten sie nach Israel zurück, dorthin, wo die große Familie lebte – in den unweit des Gazastreifens gelegenen Kibbuz Beeri. Abraham Havron war einer der Gründerväter. 1947 hatten er und seine Frau Rina den Kibbuz aufgebaut.

Inzwischen hat dieser Ort furchtbare Bekanntheit erlangt. Bei ihrem Angriff auf Israel am 7. Oktober drangen Hamas-Terroristen in den Kibbuz Beeri ein und verübten ein Massaker an den Bewohnern: 120 Menschen wurden ermordet. Auch die Familie Havron ist betroffen. Zehn Familienmitglieder werden vermisst. Die Vermutung ist, dass Terroristen sie in den Gaza-Streifen verschleppt haben. Unter ihnen ist ein dreijähriges Mädchen, Yahel Neri Shoam, das neben dem israelischen auch einen deutschen Pass hat, wie das bei etlichen Mitgliedern der Familie Havron der Fall ist.

Stuttgart bekundet Mitgefühl

Verschwunden ist auch Abrahams Tochter Lilach Kipnis, die mit ihm 2018 am Stolperstein von Julie Heilbronner in Stuttgart stand. Familienmitglieder, die dem Horror entkommen sind, senden seitdem Appelle, die Geiseln freizulassen. Von Stuttgart aus äußern die Geschichtswerkstatt Nord und Wissenschaftsministerin Petra Olschowski, die vergangenen Sonntag im Schauspielhaus die Festrede zu 20 Jahre Stolpersteine Stuttgart hielt, ihre Betroffenheit: „Wir sehen eine unmittelbare Verpflichtung, der Familie unser Mitgefühl, unsere Verbundenheit und unsere tiefe Trauer zum Ausdruck zu bringen.“

Abraham Havron hat dies nicht mehr miterlebt; das Familienoberhaupt verstarb 2022 im Alter von 97 Jahren. Ein Foto zeigt ihn glücklich im Kreise seiner Großfamilie. Niemand konnte ahnen, welchem Terror die Nachfahren Julie Heilbronners im Oktober 2023 in Israel ausgesetzt sein würden.