Auf dem heutigen Jugendfarmgelände war einst ein Zwangsarbeiterlager. Einer der Luftschutz-Deckungsgräben ist noch begehbar. Foto: Sandra Hintermayr

Auf dem Gelände der heutigen Jugendfarm in Stuttgart-Möhringen befand sich einst das Lager Haldenwies. Dort sind in den Jahren 1944 und 1945 sieben Kinder ums Leben gekommen. Am 9. Oktober werden zur Erinnerung an sie Stolpersteine verlegt.

Möhringen - Das jüngste Mädchen war erst sieben Monate alt, als es starb. Ludmila war ihr Name. Neben ihr kamen noch weitere sechs Kinder im Alter zwischen neun Monaten und vier Jahren auf dem Gelände an der Balinger Straße ums Leben. „Lungenentzündung“, „Durchfall“ oder „Ernährungsstörung“ steht auf den Sterbeurkunden. Eine harmlose Umschreibung für Mangelversorgung. „Die Kinder waren unerwünscht“, sagt Karl-Horst Marquart, der zusammen mit seiner Frau Elisabeth die Stolpersteininitiative Stuttgart-Vaihingen leitet. „Die Frauen mussten ebenso wie die Männer im Zwangsarbeiterlager arbeiten und konnten sich kaum um ihre Kinder kümmern“, sagt Marquart. Sie hatten kaum genug Essen für sich selbst.

Es gibt kaum Aufzeichnungen über das Zwangsarbeiterlager

Über die Vergangenheit des Geländes, auf dem sich heute die Jugendfarm befindet, ist wenig bekannt. Die Recherche gestaltete sich schwierig, da es kaum Aufzeichnungen gibt. Außer in den Bauakten wird das Zwangsarbeiterlager im Stadtarchiv nicht erwähnt. „Daraus geht hervor, dass das Lager 1943 geplant wurde“, sagt Karl-Horst Marquart. Das Gelände gehörte damals der Stuttgarter Hofbräu AG. Die Stadt mietete das Areal und ließ das „Kriegsgefangenenlager Haldenwies Möhringen“ errichten. 472 Gefangene sollten in vier Wohnbaracken Platz finden. Zudem wurde eine Verwaltungsbaracke, eine Waschbaracke, ein Kohleschuppen und Luftschutz-Deckungsgräben gebaut. Diese sollten bei Luftangriffen vor Bombensplittern schützen. 30 000 Meter Stacheldraht umzäunten das Lager.

„Aus den wenigen Dokumenten, die ich einsehen konnte, geht hervor, dass in dem Lager holländische Zwangsarbeiter und sowjetische Zwangsarbeiterfamilien interniert waren“, sagt Marquart. Sie sollten bei der Beseitigung von Bombenschäden in Stuttgart helfen. „Die Kinder werden allerdings nirgends erwähnt.“ Von ihnen gibt es lediglich die Sterbeurkunden, in denen Namen, Datum und die Todesursache festgehalten wurden. Die Totenscheine sind die einzigen Zeugnisse, dass es diese Kinder im Lager Haldenwies gab. „Es weiß auch keiner, wo die Kinder beerdigt wurden“, sagt Marquart. Vermutlich wurden sie in Massengräbern oder am Rande des Friedhofs anonym bestattet.

Die Kinder waren unerwünscht

Aus den Sterbeurkunden geht hervor, dass eines der Kinder in Stuttgart geboren wurde, vier in Sindelfingen, zwei in der Ukraine. Gestorben sind alle in Möhringen. Die Sindelfinger Kinder sind wohl von Müttern gewesen, die für Daimler Zwangsarbeit leisten mussten. Das Daimler-Gelände sei im Krieg stark beschädigt worden, vermutlich war ein Umzug vom dortigen Lager aus diesem Grund nötig gewesen, sagt Marquart. Für Ludmila, Nikolai, Lidija, Viktor, Wasili, Lena und Anatoli bedeutete das Lager Haldenwies den Tod.

Wo einst Kinder verhungerten, spielen und toben sie heute ausgelassen. Von der düstereren Vergangenheit ist auf der Jugendfarm nur noch wenig zu sehen. „Das Verwaltungsgebäude stand dort, wo sich heute die Reitbahn befindet“, sagt Marquart. Die Baracken wurden abgerissen, ein Großteil der Deckungsgräben zugeschüttet. Einen der Betongänge kann man noch immer betreten. Für die Farmkinder ist es eine Mutprobe, den Weg durch den dunkeln Zickzackkurs zu gehen, ohne das Licht anzuschalten. Nur wenige Meter von der Holztreppe entfernt, die hinunter in den Gang führt, umhüllt sie absolute Dunkelheit. Boden, Wände, nicht einmal die Hand vor den Augen ist noch erkennbar. „Für die Kinder muss der Bunker dunkel sein“, erzählt Elisabeth Marquart, die viele Jahre Vorsitzende des Jugendfarmvereins war. Die Kinder und Enkel der Marquarts sind allesamt „Farmkinder“. Ein Grund, warum dem Ehepaar die Jugendfarm und auch die Aufarbeitung der Vergangenheit am Herzen liegt.

Farmkinder helfen bei der Aufbereitung der Vergangenheit

Für die Stolpersteinverlegung am kommenden Montag haben zwölf Jugendfarmkinder im Alter von elf bis 16 Jahren zusammen mit Elisabeth Marquart und Marion Kalka eine Ausstellung vorbereitet. Alia, Emma, Emil, Kathi, Layla, Lena, Lina, Lou, Nelly, Simona, Tim und Viva haben historische Fotos und Texte zusammengestellt und auf Stellwände gepinnt. „Wenn man hört, was einmal auf der Jugendfarm war, ist das schon erschreckend“, sagt die 16-jährige Layla. Die Stolpersteine sollen in einer Art Tableau angelegt werden und damit sicherstellen, dass die sieben Kinder, die im Lager Haldenwies zu Tode kamen, nicht in Vergessenheit geraten.

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegt am Montag, 9. Oktober, 19 weitere Stolpersteine für Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus getötet wurden. Die Steine vor der Jugendfarm an der Balinger Straße 111 werden gegen 14 Uhr verlegt.

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