Gunter Demnig hat inzwischen 60 000 Stolpersteine verlegt. Die Mini-Denkmale in Form eines Pflastersteins erinnern an die Juden, Behinderten und Zwangsarbeiter, die von den Nationalsozialisten ermordet worden sind Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das Lebenswerk von Gunter Demnig gilt als größtes dezentrales Mahnmal der Welt. Seit über 20 Jahren verlegt der Kölner Künstler Stolpersteine. Sie erinnern an die Opfer der Nazizeit – vor deren ehemaligen Wohnhäusern. Ein Tag im Kampf gegen das Vergessen.

Stuttgart - Emma Keim war „wunschlos glücklich“. So steht es zumindest in der dürren Akte der Heilanstalt Stetten. Wenig später war Emma Keim tot. Ermordet im Alter von nur 36 Jahren in der Gaskammer der Tötungsanstalt Grafeneck. So wie über 10 000 andere behinderte Menschen während der Nazi-Herrschaft in Deutschland.

Die junge Frau war trotz ihrer geistigen Behinderung zuvor weit herumgekommen. Geboren in Ägypten, lebte sie mit ihren Eltern, die leidenschaftliche Gastwirte waren, einige Zeit im Ausland. In Stuttgart betrieb die Familie später das Gasthaus „Zum Goldenen Träuble“ in der Esslinger Straße. Als erst der Vater, dann die Mutter starb, kam Emma Keim 1937 nach Stetten – und war auch dort, wenn man der historischen Akte glauben darf, ein zufriedener Mensch. Bis zum September 1940. Dann hatte sie ihr Leben verwirkt, weil andere es so wollten.

All das ist lange her. Und doch lebt das Geschehene an einem kalten Herbsttag vor einigen Wochen wieder auf. Auf dem Gehsteig vor der Esslinger Straße 5 macht ein Quetschkommodenspieler Musik. Einige Dutzend Menschen haben sich versammelt. Auf dem Boden hat jemand einen Blumenstrauß abgelegt. Daneben klafft ein unscheinbares kleines Loch in der Größe eines Pflastersteins im Boden. Ein Mann mit Hut und Jeanshemd steigt aus einem Lieferwagen. Er zieht Handschuhe an, bringt einen Wasserkanister und Zement. Er rührt die Masse an und setzt sorgfältig einen Stein in die Lücke. „Hier wohnte Emma Keim“ steht darauf, gefolgt von ihren Lebensdaten. Der kurze Text endet mit dem Hinweis „ermordet 18.9.1940. Aktion T 4“ – einem Synonym für die systematische Vergasung behinderter Menschen in den 40er Jahren.

Elf Verlegungen an einem Tag allein in Stuttgart

Auf den Mann mit dem Hut wartet ein langer Tag. Wieder einmal. Noch während die kleine Gedenkzeremonie läuft, muss Gunter Demnig weiter. Direkt um die Ecke wollen gleich sechs seiner sogenannten Stolpersteine verlegt werden, als Erinnerung an eine deportierte jüdische Familie. Der Kölner Künstler schreibt noch schnell ein Autogramm und steigt ins Auto. Allein in Stuttgart stehen an diesem Tag elf Verlegungen auf dem Programm, davor und danach noch weitere in der Region. Dass Demnig an diesem Tag Geburtstag feiert, spielt für ihn keine Rolle. Sein Einsatz für ermordete Juden, Behinderte und Zwangsarbeiter geht vor.

Seit über 20 Jahren verlegt Demnig Stolpersteine. Der Name ist bewusst gewählt. Passanten sollen im übertragenen Sinne über die Mini-Denkmäler stolpern. „Wer kann sich Auschwitz vorstellen?“ fragt der 69-Jährige – und gibt die Antwort selbst: „Natürlich niemand. Sechs Millionen ermordete Juden, das klingt viel zu abstrakt.“ Er will den Opfern Namen und Gesichter geben, genau an der Stelle, an der sie einst aus dem Leben gerissen worden sind. Gerade für junge Leute. „Die erfahren das alles doch nur aus Büchern. Wir machen hier einen anderen Geschichtsunterricht.“ Das sei seine Motivation, denn einen persönlichen Hintergrund etwa in Form damals verfolgter Familienmitglieder hat er nicht. „Es geht darum, für die Gegenwart zu lernen, denn auch heute erleben wir weltweit wieder Flucht und Vertreibung durch Diktaturen.“

All das geht nicht ohne Unterstützer. Vielerorts haben sich Helferkreise gebildet. Sie kümmern sich nicht nur um die Finanzierung der Steine, sondern recherchieren die Schicksale der Opfer, organisieren die Begleitfeiern und betreiben Bildungsarbeit auf vielen Ebenen. In Stuttgart haben 14 verschiedene Stolperstein-Initiativen in zahlreichen Stadtteilen mittlerweile die Verlegung von rund 850 Steinen ermöglicht. Sie haben Bücher veröffentlicht, gehen an Schulen und organisieren Führungen.

Ehrenamtliche hoffen auf mehr Unterstützung

„Gerade Schulen wollen wir noch mehr einbinden. Wir müssen uns Gedanken machen, wie man das Projekt weiterentwickeln kann“, sagt Werner Schmidt. Er ist Koordinator der ehrenamtlichen Helfer in Stuttgart. So wolle man im Internet die verschiedenen Stolpersteine digital darstellen und damit ein junges Publikum ansprechen. Die Arbeit ist oft mühsam, die Schicksale lassen auch die Helfer nicht kalt. Deshalb erhoffen sie sich mehr Hilfe von offizieller Seite: „Auf Dauer wird all das allein ehrenamtlich nicht gehen“, sagt Schmidt.

Zumal die Aktionen nicht ohne Widerstand abgehen. Immer wieder klagen Hausbesitzer gegen die Steine vor ihrer Tür. Auch das Stuttgarter Landgericht musste sich schon mit einer solchen Zivilklage beschäftigen – und gab Demnig Recht. Während die Stadt Stuttgart die Aktionen unterstützt, untersagen andere Kommunen die Verlegungen. In München beispielsweise finden sich Stolpersteine nur auf Privatgrund.

Viele Kritiker beziehen sich dabei auf Charlotte Knobloch. Die frühere Präsidentin des deutschen Zentralrats der Juden hat es als „unerträglich“ bezeichnet, dass auf den Namen der Opfer mit Füßen „herumgetreten“ werde. Allerdings teilen viele Angehörige der jüdischen Gemeinde diese Sichtweise nicht. Auch die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) unterstützt Demnig und hat ihn gemeinsam mit der Stadt sogar mit der Otto-Hirsch-Medaille geehrt. Man könne Bedenken verstehen und respektiere sie, sagt IRGW-Vorstandssprecherin Barbara Traub. Aber: „In Stuttgart haben wir mit den Stolpersteinen sehr positive Erfahrungen gemacht.“ Das liege nicht nur an der hohen Symbolkraft der Aktion, sondern vor allem an der Einbettung in Stolpersteininitiativen, Schulen und Geschichtsaufarbeitung. „So entstehen Kontakte, die sonst nie zustande gekommen wären“, sagt Traub.

Ärger mit dem Finanzamt

„Genau darum geht es. Steine kann ich im Schlaf verlegen, aber das Drumherum ist immer anders“, sagt Demnig. Das musste er auch dem Finanzamt Köln erklären. Das forderte Umsatzsteuer nach, weil das Verlegen keine schöpferische Tätigkeit sei. Am Ende widersprach der Landes-Finanzminister höchstselbst dieser Sichtweise. Demnig setzte sich durch. „Wir schaffen ein soziales Kunstwerk, das ständig weiter wächst“, sagt der 69-Jährige. Die Aktion führe Menschen zusammen, oft reisten Nachkommen der Opfer aus der ganzen Welt zur Verlegung an.

Deshalb will er auch nach 60 000 Steinen in Dutzenden Ländern weiter auf Knien arbeiten. „Das ist besser als langes Herumstehen“, sagt Demnig und lacht. Im vergangenen Jahr ist er 268 Tage unterwegs gewesen. Die Anfragen stapeln sich, Demnig ist bis Sommer ausgebucht. Ein Team kümmert sich um Termine, Steine und Finanzen. Für andere Kunstprojekte bleibt da keine Zeit mehr: „Die Stolpersteine sind mein Lebenswerk geworden“, sagt Demnig.

In der Esslinger Straße ist die kleine Zeremonie zu Ende. Zurück bleibt ein blitzblanker Stein. „Wunschlos glücklich“ war Emma Keim damals, vor ihrer Ermordung. Heute ist zumindest ihr Name nach Hause zurückgekehrt. Und mit ihm die Erinnerung.

Zugfahrt in den Tod

Vor 75 Jahren begannen die National­sozialisten von Stuttgart aus systematisch Juden aus Württemberg und Hohenzollern in den Tod zu schicken. Der erste Zug ins Konzentrationslager Jungfernhof im ­lettischen Riga verließ am 1. Dezember 1941 den inneren Nordbahnhof. 1000 jüdische Bürger waren dafür zuvor in eine Messehalle auf dem Killesberg gebracht worden. Nicht mal 50 von ihnen überlebten.

Weitere Transporte folgten bis 1944. Ein letzter Zug brach im Februar 1945 von Bietigheim aus auf. Etwa 2600 Menschen wurden insgesamt auf diesem Weg in die Vernichtungslager gebracht, zumeist nach Auschwitz oder Theresienstadt. Nur wenige von ihnen erlebten das Kriegsende.

Seit 2006 setzt die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ im inneren Nordbahnhof den Ermordeten ein Denkmal. (jbo)

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