Alice Horwitz mit einer ihrer Töchter Foto: Bouché

Die Jüdin Alice Horwitz versuchte, ihre Familie vor den Nationalsozialisten zu retten. Dazu nahm sie Umzüge quer durchs Land in Kauf. Am Ende waren die Bemühungen vergeblich. Aus unserer Serie „Stuttgarter Stolpersteine – Die Menschen hinter den Namen“.

Das ist die Geschichte von Alice Horwitz. Sie kam als Elise Amalie Blumenstiel am 20. Februar 1901 in Frankenthal zur Welt. Sie hatte einen jüngeren Bruder, Herbert. 1922 heiratete sie Arthur Horwitz (Jahrgang 1887), der aus einer Kaufmannsfamilie in Nürnberg stammte, in dessen Heimatstadt sie letztlich umzog. Das Ehepaar hatte zwei gemeinsame Töchter, Ruth (geboren 1923 in Frankenthal) und Margot Horwitz (geboren 1929 in Nürnberg). Nach zehn Jahren Ehe verzog Arthur Horwitz, vermutlich im Zusammenhang mit dem Selbstmord seines älteren Bruders Ludwig. Die Ehe von Alice, wie Elise Amalie genannt wurde, und Arthur Horwitz wurde laut Eintragung in der Heiratsurkunde am 6. März 1934 rechtskräftig geschieden. Arthur Horwitz wanderte offenbar in die USA aus, wo er laut Sterbeurkunde am 29. Januar 1960 in New York starb.

Familiengründung und Trennung

Alice zog nach der Scheidung 1935 mit ihren Töchtern von Nürnberg nach Schwäbisch Hall, wo sie als Verkäuferin bei der Firma Maute arbeitete. Als ihr Arbeitgeber im März 1936 wegen des Judenboykotts sein Geschäft aufgeben musste und es Tochter Ruth zudem verwehrt wurde, in Schwäbisch Hall die Höhere Schule zu besuchen, zog die Mutter laut dortiger „Judenkartei“ mit den beiden Mädchen in die Rosenstraße 35 nach Stuttgart, wo kurz zuvor eine Jüdische Schule gegründet worden war. Dort sind auch die Stolpersteine der Familie und jüdischen Nachbarn verlegt. Alice Horwitz „arbeitete zunächst als Fürsorgerin bei der Jüdischen Gemeinde, nach 1938 bei der nach der Reichspogromnacht neu entstandenen jüdischen Verwaltung, die sich Mittelstelle nannte.“ In die Rosenstraße 35 zogen nach und nach weitere jüdische Bewohner. Nach der Pogromnacht beschlossen die Bewohner der Wohnung im 1. Stock ihre betagten Familienangehörigen aus deren Heimatorten zu sich zu holen.

Anfang Dezember 1938 zogen Moses Blumenstiel (Jahrgang1866), der Vater von Alice Horwitz und später ihre Tante Henriette Ottenheimer von Frankenthal nach Stuttgart, die beide zuvor bei einer Tante von Alice Horwitz gewohnt hatten. Obwohl in Frankenthal erst Ende Februar 1939 als „weggezogen nach Stuttgart“ vermerkt, ist Henriette Ottenheimer schon in der ersten Stuttgarter „Judenliste“ vom Januar 1939 unter dieser Adresse zu finden. Möglicherweise hatte Alice Horwitz, die bei der „Mittelstelle“ arbeitete, die Tante vorsorglich eintragen lassen. Schließlich ging es um die Zuteilung von Lebensmittelmarken und anderen wichtigen Bezugsscheinen. So wurde Alice Horwitz auch aus ihrem Umfeld ihr soziales Engagement und ihre Fürsorge bestätigt.

Die Rosenstraße 1942 Foto: Stadtarchiv Stuttgart

Zwangsumzug und Familienteilung

Am 10. August 1939 erschien im Amtsblatt der Stadt Stuttgart als neue Verordnung „die Regelung der Mietverhältnisse mit den Juden in Stuttgart“. Alle Juden, die in Häusern in „arischem“ Besitz wohnten, mussten bis spätestens 1. Dezember in Häuser in jüdischem Besitz umziehen. Das Haus Rosenstraße 35 gehörte laut Adressbuch den Erben der „arischen“ Witwe Heinrike Gwinner. Der gemeinsame Umzug in das „Judenhaus“ in der Seestraße 64 war noch als erträglich empfunden wurden.

Gerade noch rechtzeitig muss es Alice Horwitz gelungen sein, ihre 15-jährige Tochter Ruth Lina am 25. August 1939 auf einem sogenannten Kindertransport nach England unterzubringen – wenige Tage vor Kriegsausbruch, der das Ende dieser denkwürdigen Rettungsaktion bedeutete, bei der in circa neun Monaten insgesamt etwa 10 000 jüdische Kinder in Sicherheit gebracht werden konnten.

Sie konnten der Verfolgung nicht mehr entkommen

Die kleine Margot blieb bei der Mutter. Doch die Zersplitterung der Familie setzte sich fort. Alice Horwitz Vater Moses Blumenstiel und ihre Tante Henriette Ottenheimer wurden in das so genannte „Jüdische Altersheim“ nach Herrlingen bei Ulm verfrachtet. Von dort aus führte für Henriette Ottenheimer der Weg in den Tod. Am 26. April 1942 wurde sie von der Ländlichen Gaststätte am Killesberg aus mit etwa 300 weiteren Menschen nach Izbica in den Distrikt Lublin deportiert. Keiner der Deportierten hat überlebt. Moses Blumenstiel musste von Herrlingen aus noch nach Oberstotzingen, ebenfalls unweit von Ulm, in ein anderes „Altersheim“ weiterziehen. Seine Tochter Alice und die Enkelin Margot wohnten zwischenzeitlich wohl bei der Jüdischen Gemeinde in der Hospitalstraße 36. Erst im August waren sie wieder vereint – auf dem Killesberg, zum Abtransport in KZ Theresienstadt am 22. August 1942. Moses Blumenstiel starb dort am 25. September 1942.

Stolpersteine der Familie Horwitz in der Rosenstraße 35 Foto: Sellner

Alice Horwitz ließ ihre Tochter nicht allein

Alice Horwitz sorgte in Theresienstadt mehr als zwei lange Jahre in vorbildlicher Weise im Krankenbereich für die völlig unterversorgten Mitgefangenen. Über die Deportation von Alice und Margot Horwitz am 23. Oktober 1944 nach Auschwitz schreibt eine Freundin: „Der fünfte Transport (nach Auschwitz) umfasste nur Kranke, so alle Insassen der Geniekaserne, sehr viele als tuberkulös gemeldete Fälle. Unsere frühere Fürsorgerin in Stuttgart, Frau Horwitz, deren Tochter zu diesen Gemeldeten gehörte, ging freiwillig mit dieser.“

Susanne Bouché von der Stolpersteininitiative Stuttgart hat sowohl die Geschichte recherchiert als auch den Kontakt nach England hergestellt. Dort lebt die Tochter der geretteten Ruth Lina Horwitz. Diese machte nach ihrer Ankunft in England eine Ausbildung zur Krankenschwester, heiratete gründete eine Familie.