Gunter Demnig verlegt den Stein und die Messingtafel für Gretchen Mayer vor dem Haus in der Tannenstraße 50, in dem sie einst mit ihrer Familie gelebt hat. Foto: Peter Stotz

Der Künstler Gunter Demnig verlegt in Plochingen einen Stolperstein zum Gedenken an ein „Euthanasie“-Opfer der Nationalsozialisten. Die schwer an Schizophrenie erkrankte Frau starb wenige Stunden nach ihrer Einlieferung in der Heilanstalt Winnental.

Plochingen - Vor dem Haus Nummer 50 in der Plochinger Tannenstraße wird seit Freitag an Gretchen Mayer erinnert, ein Opfer der sogenannten „Euthanasie“ der Nationalsozialisten. Viele Plochinger Bürger, Vertreter des Gemeinderats und mehrere Schulklassen aus dem benachbarten Gymnasium und der Neckar-Fils-Realschule verfolgten, wie der Künstler Gunter Demnig einen seiner Stolpersteine in den Bürgersteig einsetzte. Der Gedenkstein wurde auf eine Anregung der evangelischen Kirchengemeinde verlegt. Der frühere Pfarrer Joachim Hahn hatte das Schicksal Gretchen Mayers erforscht.

 

„Ermordet 1. 10. 1941“

„Es ist die Pflicht aller Generationen, sich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, und auch wir in Plochingen werden daran erinnert“, sagte der CDU-Stadtrat Reiner Nußbaum, der in seiner Funktion als stellvertretender Bürgermeister der Stadt Plochingen die kleine Feierstunde zur Verlegung des Stolpersteins eröffnete. Vor Gretchen Mayers einstigem Wohnort setzte Demnig einen von europaweit mittlerweile mehr als 80 000 Stolpersteinen in ein vorbereitetes Loch im Asphalt. Die Aufschrift „Hier wohnte Gretchen Mayer Jg. 1901 Seit 1924 in Heilanstalten mit Unterbrechungen Zwangssterilisiert 1938 Krankenhaus Waiblingen Eingewiesen 30. 9. 1941 Heilanstalt Winnental Ermordet 1. 10. 1941“ hatte Demnig von Hand in eine Messingplatte geschlagen, die auf dem Stein aufgebracht wurde.

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Das Schicksal von Gretchen Mayer hatte Joachim Hahn, Pfarrer im Ruhestand, SPD-Stadt- und Kreisrat und profunder Kenner der jüdischen Geschichte in der Region, erforscht. Er hatte selbst als junger Pfarrer in der Tannenstraße 50, damals als Pfarrhaus genutzt, gelebt, und so von ihrer Geschichte erfahren.

Der Tötung in Grafeneck noch entgangen

Gretchen Mayer wird in dem Haus geboren, ihr Vater arbeitet als Prokurist in der Steingießerei Dettinger. Im Alter von etwa 20 Jahren wird eine geistige Erkrankung festgestellt, die später als Schizophrenie diagnostiziert wird. Es folgen mehrere Aufenthalte in Heilanstalten, 1938 wird Gretchen Mayer zwangssterilisiert.

Der Deportation und Ermordung in einer der Tötungsanstalten wie Grafeneck im Rahmen des zentral gesteuerten „Euthanasie“-Programms der Nazis 1940/41 entgeht sie zwar, sie wird aber am 30. September 1941 in die Heilanstalt Winnental, das heutige Klinikum Winnenden, eingeliefert. Bereits wenige Stunden später ist Gretchen Mayer tot – gestorben an einer angeblichen „Erkrankung der Kreislauforgane“.

Für Joachim Hahn war diese Aktennotiz ein klares Indiz für einen Mord, zumal nach dem Ende der sogenannten „T4-Aktionen“ die Tötungen dezentral in den Heilanstalten fortgesetzt und dabei sehr oft Medikamente für eine schnelle Tötung eingesetzt wurden. Hahns Forschungsergebnisse brachten die evangelische Kirchengemeinde dazu, die Verlegung eines Stolpersteins anzuregen, und auch der Verwaltungsausschuss des Gemeinderats befürwortete dies.

Auch Plochingen war Teil des Regimes

„Gretchen Mayer steht beispielhaft für die Verbrechen der ,Euthanasie’“, sagte Reiner Nußbaum und erinnerte daran, dass die Stadt Plochingen, auch als Ort eines Unternehmens mit kriegswichtiger Produktion, „verwickelt in das Regime und Teil des Regimes“ war. „Die Stadt hat eine besondere Verpflichtung, für die Schrecken des Nationalsozialismus wie die ,Euthanasie’ zu sensibilisieren. Dass die Schulen dies in den pädagogischen Kontext einarbeiten, ist vorbildlich“, sagte Nußbaum auch mit Blick auf die vielen Schüler. Mehrere Klassen des Gymnasiums und der Neckar-Fils-Realschule hatten sich in den vergangenen Wochen im Unterricht mit Gretchen Mayer und ihrem Schicksal beschäftigt. Sie stellten in kurzen Beiträgen ihre Erkenntnisse und Schlussfolgerungen vor und legten Blumen am Stolperstein nieder. Einige Schüler begleiteten die Feier mit Musikstücken.

„Die Auseinandersetzung mit der Thematik lässt mich über unseren Umgang mit Minderheiten nachdenken“, sagte etwa ein Mädchen und rief die Zuhörer auf, „jede Form von Diskriminierung zu verhindern“ und sich aktiv für das Recht auf Leben und Unversehrtheit aller Menschen einzusetzen. „Wir müssen aus der Vergangenheit lernen“, sagte ein Schüler. „Friede, Freiheit und die Wahrung der Menschenrechte sind niemals selbstverständlich. Wir sind diejenigen, die dafür einstehen müssen.“

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Erinnerung an die NS-Opfer

Gunter Demnig
Der Bildhauer wurde 1947 in Berlin geboren. Nach Studien in Berlin und Kassel war er als künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Kunst an der Universität Kassel. Ab 1985 arbeitete Demnig in einem Atelier in Köln und initiierte Kunstaktionen und Einzelausstellungen. Die ersten Stolpersteine wurden 1996 verlegt, mittlerweile sind es mehr als 80 000 in 27 Ländern.

Gretchen Mayer
wurde am 10. November 1901 in Plochingen geboren. Im Alter von 20 Jahren wurde zum ersten Mal eine psychische Erkrankung festgestellt, später als Schizophrenie diagnostiziert. Seit 1924 war sie in mehreren Heilanstalten, 1938 wurde sie zwangssterilisiert. Am 30. September 1941 wurde sie erneut nach Winnenden gebracht, einen Tag später war sie tot, aller Wahrscheinlichkeit nach mit einer Medikamentenüberdosis ermordet.

„Euthanasie“
Von 1940 bis 1941 wurden in Deutschland mehr als 70 000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in Tötungsanstalten ermordet. Die Aktion wurde zentral organisiert und erhielt nach 1945 die Bezeichnung „Aktion T4“. Nach Protesten, hauptsächlich von kirchlicher Seite, wurde die Aktion dezentral in Heil- und Pflegeanstalten fortgesetzt. Bis 1945 sind allein in Deutschland mehr als 200 000 Menschen der „Euthanasie“ zum Opfer gefallen.