StN-Stadtschreibtisch Betriebsrente: Die Wut bleibt

Von Stefanie Köhler 

Die Emotionen schlugen hoch, die Fragen an die Experten waren bohrend. Trotzdem wird sich nichts daran ändern, dass Betriebsrentner weiter hohe Abzüge in Kauf nehmen müssen.

Die Emotionen schlugen hoch, die Fragen an die Experten waren bohrend. Trotzdem wird sich nichts daran ändern, dass Betriebsrentner weiter hohe Abzüge in Kauf nehmen müssen.

Stuttgart - Ob im Erdgeschoss bald der Vortrag zum Rentenchaos beginne, will ein älterer Herr wissen. Er steht fast eine halbe Stunde zu früh im Buchhaus Wittwer. Block und Stift hat er dabei. Wie andere Besucher, die am Donnerstagabend zum Stadtschreibtisch unserer Zeitung mit dem Thema „Hält die Betriebsrente, was sie verspricht?“ gekommen sind. Was sie noch vereint: Wut, Frust, Unsicherheit. Die Liste der negativen Emotionen ist lang. Die Besucher hoffen aber auch, Antworten zu erhalten. Auf Fragen, die manch einem den Schlaf rauben. Sei es aus Empörung, sei es aus Angst vor der Zukunft. Auch die Liste ihrer Fragen ist lang. Kurz: Die Stimmung ist aufgeladen, was besonders dann zu spüren ist, wenn knapp 100 Betroffene zum Austausch zusammenkommen.

Viele Rentner – sie reisten sogar aus Schwäbisch Gmünd an – nutzen den Abend, um ihrem Ärger Luft zu machen. Dass sie außer Roland Sing, Chef des VdK Baden-Württemberg, Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, und Karl Eberhardt, unabhängiger Versicherungsberater, auch Lothar Binding, finanzpolitischer Sprecher der SPD im Bundestag, treffen, kommt ihnen gerade recht. Binding hatte als einziger Vertreter der Politik den Mut, die Einladung zur Veranstaltung anzunehmen. Zahlreiche andere Politiker lehnten sie mit fadenscheinigen Begründungen ab.

„Es gab keine andere Idee, um das Loch in der gesetzlichen Krankenkasse zu stopfen“

Trotzdem schlägt ihm die geballte Entrüstung der Zuhörer entgegen. Schließlich hat die rot-grüne Koalition mit Zustimmung der Union das Gesetz zur Gesundheitsreform beschlossen, wonach Betriebsrentner seit 2004 den vollen Beitrag zur Kranken- und Pflegeversicherung zahlen müssen. Bis zu 17,8 Prozent der Summe büßen sie nun ein. „Emotional war der Weg verkehrt. Doch ich muss ehrlich zugeben, dass es keine andere Idee gab, um das Loch in der gesetzlichen Krankenkasse zu stopfen“, sagt Binding, der trotz der aufgebrachten Menge ruhig bleibt und beschwichtigt. Den Betriebsrentnern sei es gut gegangen, „deshalb wurde das Modell gewählt“.

Das Gesetz gilt zudem rückwirkend, ein weiterer Aspekt, der Betriebsrentner fassungslos macht. „Was ist ein Vertrag wert, wenn die Politik nachträglich eingreift und man selbst keine Möglichkeit hat, noch etwas zu ändern“, fragt eine Dame, die wie die anderen Rentner den Vertrauensschutz gebrochen sieht. „Wie soll man seinen Kindern da noch erklären, dass sie in das System einzahlen sollen?“

„Die Betriebsrente hält nicht, was sie verspricht“

„Rentenchaos“ gehört wie „betrübliche Altersvorsorge“ zu den noch harmloseren Begriffen, die die Zuhörer den Experten an den Kopf werfen. Von „Lügen“ sprechen sie, von „Raubrittergesetz“ und „kalter Enteignung“. Ansichten, in denen sie sich bestätigt fühlen. Finanzexperte Nauhauser und Rentenberater Eberhardt finden wenig Argumente, die derzeit für eine Betriebsrente sprechen. „Die Betriebsrente hält nicht, was sie verspricht“, sagt Nauhauser, „sie ist gar nicht so lukrativ, wie die Finanzwirtschaft sie darstellt.“ Eberhardt kritisiert zudem, dass die Betriebsrente zwar mit dem Argument verkauft werde, Steuern und Sozialabgaben zu sparen, „aber keiner erwähnt die Abzüge“. Laut ihm lohnt sich eine Betriebsrente nur für Arbeitnehmer mit einem hohen Steuersatz oder wenn der Arbeitgeber mindestens 20 Prozent beisteuert.

Allen Experten ist die Ungerechtigkeit klar. „Es ist höchste Zeit für eine Korrektur. Die Rentner leiden“, sagt VdK-Chef Sing. Hoffnung darauf, dass die Betriebsrentner künftig weniger belastet werden, macht allerdings keiner. „Solange keine Gegenfinanzierung steht, bleiben die Abzüge bestehen“, sagt Binding. Würde die Politik sie zurücknehmen, entsteht Schätzungen zufolge ein Minus von jährlich 2,5 Milliarden Euro. Die Haltung verstehen die Bürger umso weniger, da das neue Rentenpaket jedes Jahr 10 Milliarden Euro frisst.

Aus Bindings Sicht ist die gesetzliche Rentenversicherung die tragende Säule, nicht die betriebliche oder die private. „Die zukünftige Rente ist nur sicher, wenn die Jugend zukünftig eine gute Arbeit hat.“ Dafür müsse man prekäre Arbeitsverhältnisse wie Teilzeit- oder Leiharbeit abschaffen.

Rentenberater Eberhardt sieht grundsätzlich auch die Verbraucher in der Pflicht. Viele Zuhörer sind sauer, weil ihre Versicherung sie nicht über die Gesetzesänderunginformiert hat. „Doch, haben sie. Aber an Stellen, die man nicht liest. Als Verbraucher müssen Sie immer regelmäßig prüfen, ob die Vertragsbedingungen noch passen.“

Lesen Sie jetzt