Von Staatsgalerie-Direktorin Christiane Lange begrüßt: Werner Sobek (links) und Peter Weibel als Podiumsgäste der „Stuttgarter Nachrichten“-Gesprächsreihe „Über Kunst“ Foto: Steffen Schmid

Beide strahlen sie unermüdliche Tatkraft aus, beide denken sie die Zukunft: Werner Sobek und Peter Weibel begeisterten in der „Stuttgarter Nachrichten“-Gesprächsreihe „Über Kunst“ 400 Gäste in der Staatsgalerie

Stuttgart - „Wie geht Utopie?“ – so ist dieser Abend im voll besetzten Vortragssaal der Staatsgalerie Stuttgart überschrieben. Die Staatsgalerie -Ausstellung „Weissenhof City“ und damit die Frage nach dem Erbe des Bauhauses gibt die Richtung vor. Im Bauhaus, begründet vor 100 Jahren in Weimar, wurden Kunst, Handwerk und Lehre vor dem Hintergrund einer gesellschaftspolitischen Utopie zusammengeführt. Heute werden Utopien oft schmerzlich vermisst.

Peter Weibel: „Wir können nurmehr Technologie erobern“

Für den Medienkünstler und Medientheoretiker Peter Weibel, geboren 1944 in Odessa, geht dies einher mit dem Verlust einer äußeren Entwicklungsperspektive: „Wir können uns nicht mehr dem Westen zuwenden“, sagt Weibel, seit 1999 Lenker des Zentrums für Kunst und Medien in Karlsruhe, „wir können uns nicht mehr dem Osten zuwenden, auch der ist erschlossen. Wir können keine Länder mehr erobern, wir können nurmehr Technologie erobern, wir können unsere Fantasie erobern.“

Das Handy als Ergebnis einer Utopie

Das Mobiltelefon ist für Weibel Ergebnis einer Utopie. „Und das“, sagt er vor dem prominent besetzten Plenum, „ist die einzige Chance, die wir heute noch haben: mit der Kunst, durch die Kunst, mit der Wissenschaft, durch die Wissenschaft.“

Ökologische Situation ist prekär

Peter Weibel und Werner Sobek werden an diesem Abend, moderiert von Nikolai B. Forstbauer, Autor unserer Zeitung, oft einer Meinung sein. Es gibt aber auch klare Gegensätze. Für Werner Sobek, geboren 1953 in Aalen, verbindet sich die wissenschaftliche Erkenntnis vor allem auch mit der Einsicht in die Problematik der ökologischen Situation. Mit sachlicher Skepsis zeigt der mit seinem 1992 gegründeten Büro weltweit agierende Architekt und Ingenieur die Grenzen utopischen Denkens auf: „Yes, we can – oder: Wir schaffen das – so etwas werden Sie mich nie sagen hören.“ „Es geht“, sagt er, „tatsächlich immer nur darum: wer macht was, unter welchen Rahmenbedingungen und warum.“ Rahmenbedingungen, so Sobek, die einen multidimensionalen Korridor bilden, der sich nicht verschieben lässt. Wünsche zu artikulieren, die außerhalb dieses Korridors angesiedelt sind, ist für Sobek, der im Institut für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren bewusst die Denkwelten von Architekten und Ingenieuren verbindet, kaum sinnvoll. „Wir müssen uns fragen: wo sind wir eigentlich?“, sagt er – eine prekäre Frage der Gegenwart, denn, so Sobek: Wäre der CO2-Gehalt der Atemluft nicht unsichtbar, längst schon sähe kein Mensch mehr sehr weit.

Werner Sobek: „Utopie ist nichts anderes als ein völlig anderes Gesellschaftsmodell“

Während Peter Weibel in der Utopie einen Drang des Menschen sieht, seine Welt zu optimieren, geboren aus Neugier und Unzufriedenheit, fasst Sobek den Begriff ebenso skeptisch, analytisch auf: „Die meisten Menschen denken sich eine Utopie als etwas, das in der Zukunft liegt. Aber ich sage: eine Utopie ist nichts anderes als ein völlig anderes Gesellschaftsmodell.“

Mithin meint Sobek damit auch die Flucht vor der Gegenwart und ihren Problemen: Immer mehr erwachsene Menschen, sagt er, wendeten sich „postinfantilen“ Tätigkeiten zu, bescherten den Herstellern von Buntstiften enorme Umsätze, da sie in ihrer Freizeit Bilder ausmalten, konsumierten Märchen: „Harry Potter ist nichts als eine rückwärts gewandte gesamtgesellschaftliche Utopie, die Rückkehr in ein Arrangement, das gut war.“

Was bringt die künstliche Intelligenz?

Konträr auch die Haltung von Weibel und Sobek zur Frage der künstlichen Intelligenz. Während Peter Weibel die Entwicklung entsprechender Technologien vor allem als einen Versuch ansieht, menschliche Defizite zu überwinden, gibt Werner Sobek sich „tief gespalten und fast schon wertkonservativ.“

Er verweist auf Möglichkeiten, über eine spezielle Software einen Menschen schon nach wenigen Schritten über die Analyse seines Ganges zu identifizieren. Und nennt die Möglichkeit, über Datenanalysen Menschenbewegungen in Großstädten vorherzusagen und zu steuern – durch gezielte Eingriffe in den Straßenverkehr, Verspätungen von Verkehrsmitteln, Verlängerungen von Ampelschaltzeiten. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 war dies auch ein Mittel, Demonstrationen – und damit aus Sicht der Veranstalter negative Bilder – zu verhindern.

Werner Sobek: „Wie weit verkaufen wir unsere Menschlichkeit?“

Mit Blick auf solche Entwicklungen wird Sobek pessimistisch. Die künstliche Intelligenz kann für ihn zur scheinbaren Erfüllung der rückwärtsgewandten Utopien beitragen: „Wir sitzen in unserem Enviromnent und fühlen uns eigentlich ganz gut“, sagt er – die ertrinkenden Menschen des Mittelmeers indes werden ausgeblendet. In den Armen eines Pflegeroboters namens Irina möchte Werner Sobek keinesfalls sterben, darin ist er sich mit Peter Weibel einig. „Wie weit“, fragt Sobek aber, „verkaufen wir unsere Menschlichkeit mit all den Schwächen, die einen Menschen ausmachen? Wozu brauche ich eine künstliche Intelligenz? Es ist doch viel klüger, wenn ich selber eine habe.“

Freilich: Werner Sobek und sein Team arbeiten auf einem computerbasierten technischen Niveau, das zu den besten der Welt gehört, lassen in ihrer Arbeit eine „gebaute Umwelt“ entstehen. Die Orientierung am Korridor der Rahmenbedingungen jedoch ist für ihn das Wesentliche, die Technik ausschließlich ein Hilfsmittel: „Wir müssen uns fragen: wie wollen wir leben, in 20 oder 30 Jahren, und welche Technologien benötigen wir dazu?“

Das Gute besser machen, das Schlechte weniger schlecht

Technische Komponenten, beispielsweise in einer „Smart City“, sollten für Sobek die Funktion erfüllen, „das Gute besser zu machen und das Schlechte weniger schlecht.“ Seit 1999 baut Sobek in Jahresabstand Häuser, die vermittels digitaler Steuerung in der Lage sind, ihren Energiehaushalt zu steuern, gegebenenfalls überschüssige Energie abzugeben – Projekte, die auf einfache Weise künstlicher Intelligenz nahe kommen. 2013 plante er gemeinsam mit dem Architekten Helmut Jahn den Thyssen Krupp-Testturm in Rottweil. Konzipiert zu Erprobung von Hochgeschwindigkeitsaufzügen ist der Turm durch eine Umhüllung mit einer Glasfaser-Textile ein Besuchermagnet geworden. Künstlerische Qualität, sagt Werner ­Sobek, sei in seiner Arbeit sehr erwünscht, die eingeforderte Funktionalität jedoch stehe an erster Stelle.

Peter Weibel: „Chance für die Emanzipation des Schöpferischen“

Peter Weibel indes, der jüngst die Ausstellung „Open Codes. Connected Bots“ für das ZKM konzipierte (nun in Shanghai zu sehen), sieht in der Entwicklung neuer Technologien eine Chance für die Emanzipation des Schöpferischen, die Möglichkeit, Joseph Beuys‘ Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ zu verwirklichen. „Ist das menschenwürdig?“, fragt Weibel und meint das lebenslanges Erlernen eines Musikinstruments. Für ihn ist die Wissenschaft eine Brücke hin zu einer kreativen Utopie. Und so begegnen sich in der Staatsgalerie Stuttgart zwei Persönlichkeiten, die von unterschiedlichen Standpunkten aus in die Zukunft hinein denken: von der Freiheit des Künstlers aus und von der Verantwortlichkeit des Architekten aus.

In Kürze: Ilek und ZKM

Werner Sobek trat im Jahr 1994 die Nachfolge von Frei Otto und im Jahr 2001 überdies die Nachfolge von Jörg Schlaich an. Das von Sobek gegründete Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (Ilek) der Universität Stuttgart (Vaihingen, Pfaffenwaldring 14) vereinigt in Forschung und Lehre das in der Architektur dominante Entwerfen und Gestalten mit den im Bauingenieurwesen dominanten Analyse, Konstruktion und Materialwissenschaft.

1989 von Heinrich Klotz gegründet ist das Zentrum für Kunst und Medien ein Haus aller Medien und Gattungen, ein Haus sowohl der raumbasierten Künste wie Malerei, Fotografie und Skulptur als auch der zeitbasierten Künste wie Film, Video, Medienkunst, Musik, Tanz, Theater und Performance. Seit 1997 in den ehemaligen IWKA-Hallen in Karlsruhe (Lorenzstraße 18) untergebracht, wird das ZKM seit 1999 von Peter Weibel geleitet.

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