In der Staatsgalerie Stuttgart: Karola Kraus mit StN-Titelautor Nikolai B. Forstbauer Foto: Steffen Schmid

Näher dran an herausragenden Persönlichkeiten der Kunstszene – die Gesprächsreihe der Stuttgarter Nachrichten „Über Kunst“ macht es möglich. Wie geht es der Schwarzwälderin Karola Kraus als Direktorin des Museums moderner Kunst Sammlung Ludwig Wien? Wir haben nachgefragt.

Stuttgart - Die persönliche Kunst-Geschichte von ­Karola Kraus beginnt in St. Georgen im Schwarzwald. „Mein Vater“, erzählt sie als Gast bei „Über Kunst“, Gesprächsreihe unserer Zeitung im Metzler-Saal der Staatsgalerie ­Stuttgart, „fing 1970 an, intensiv Kunst zu sammeln.“ Der Unternehmer ­Dieter Grässlin reagierte auf einen Impuls des Rottweiler Bildhauers Erich Hauser. „Der Dialog mit den Künstlern war meinem Vater dabei immer extrem wichtig“, sagt Kraus im Dialog mit Nikolai B. Forstbauer, Titelautor unserer Zeitung.

Als Jugendliche beeindruckt von Martin Kippenberger

Das Kommen und Gehen von Künstlern im elterlichen Haus wird ein Teil von Karola Kraus’ Jugend – nach Dieter Grässlins ­frühem Tod 1976 führen seine Kinder die Sammlung fort. „Aber wir wollten“, sagt Karola Kraus, „nicht mit den alten Herren am Tisch sitzen, sondern mit unserer eigenen Generation.“ Auch Martin Kippenberger kommt, lebt ein Jahr lang in St. Georgen – „für ihn eine überaus produktive Zeit“. ­Kippenberger hinterlässt Spuren, die ­Begegnung und Auseinandersetzung mit ihm prägen ­Karola Kraus. „Martin Kippen­berger“, sagt sie, „hat immer vor Ideen ­gesprüht.“

Von Freiheiten und Regeln

Seit 2010 leitet Karola Kraus das Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig in Wien, das Mumok. Immer wieder sucht sie in der Arbeit mit der Sammlung des Hauses die ­Verbindungslinien zwischen Klassischer Moderne („eine kleine, aber sehr, sehr feine Sammlung“) und zeitgenössischer Kunst.

1962 gegründet, ist das Mumok – ein ­österreichisches Bundesmuseum – seit 2003 vollrechtsfähig. Was bedeutet diese Eigenständigkeit? Keinesfalls einen Freibrief für seine Direktorin, wie Karola Kraus ­anmerkt. Aufgrund von Compliance-Verletzungen, Verstößen gegen interne Richtlinien, wurden in jüngster Zeit einige ­Museumsdirektoren Wiens gekündigt. Eine Besonderheit? Karola Kraus verweist auf ihre Erfahrungen vor Wien. Den Kunstverein Braunschweig hat sie in das internationale Rampenlicht geführt, die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden hat sie zur Bühne eigens für die Räume dort konzipierter Werke und Ausstellungen gemacht. Unter klaren Regularien, sagt Karola Kraus: „Dort wären Dinge, die in Wien geschahen, einfach nicht möglich ­gewesen.“ Ein neuer Bundesminister setzte einen Schnitt. „In diesem Jahr hatten wir ­bereits sieben interne Revisionen.“

Kein Geld für Neuankäufe

Zum Sprung von dem reinen Ausstellungshaus in Baden-Baden in das Museum nach Wien lockte 2010 auch die Aussicht ­darauf, eine Sammlung weiterentwickeln zu können. „Zum Start“ sagt Kraus, „wurde mir klar: Ja, ich habe eine Sammlung – aber kein Budget für Neuankäufe.“

Willkommen im „Museum der Wünsche“

Was tun? „Museum der Wünsche“ hieß seinerzeit ihre Antrittsausstellung. Zu ­sehen: Werke der Sammlung und Wunsch­exponate. „Die Bestände“, sagt Kraus, „waren­ mit weißen, die Wünsche mit silbernen, die erfüllten Wünsche mit goldenen Etiketten versehen.“ 27 von 37 dieser Wünsche haben sich bisher erfüllt. „Natürlich“, sagt Karola Kraus, „waren auch unerfüllbare Wünsche mit dabei. Aber ich wollte auf Fehlstellen aufmerksam machen, zeigen, dass eine Sammlung wie die des Mumok keinen ­Palermo besitzt, keinen Kippenberger, keinen Oehlen.“

Und es geht ihr darum, in Österreich eine Förderkultur der bildenden Kunst zu etablieren: „Viele Milliardäre“, sagt Kraus, „leben in Österreich, aber das Geld sitzt sehr fest in den Taschen. Vor allem werden Konzerthäuser gefördert, die Oper.“ Die Kunst? Musste erst entdeckt werden. Karola Kraus sieht sich auf dem richtigen Weg: „In den vergangenen sieben Jahren ­haben wir 150 Werke geschenkt bekommen – im Wert von etwa acht Millionen Euro.“

Das Ziel: ein „diskursives Museum“

Besucherzahlen als Gradmesser

Zugpferd des Hauses, so Kraus, bleiben die Ikonen der Sammlung – und der Tourismus, vor allem in den Sommermonaten und um Weihnachten, bleibt ein wesentlicher Faktor für den Betrieb: „Die Anforderungen des Bundes“, sagt sie, „sind, leider Gottes, an Besucherzahlen orientiert. Für uns ist es aber sehr wichtig, dass wir ein inhaltliches, diskursives Museum sind, dass wir unsere Höhepunkte thematisch zeigen – und uns auch Künstlern und Künstlerinnen öffnen, die noch keine ­Öffentlichkeit haben.“

Spuren des Politischen

Eine Gratwanderung, eine Herausfor­derung. Mit der Ausstellung „Körper, ­Psyche und Tabu“ zeigte Karola Kraus vor zwei Jahren direkte Verbindungen zwischen klassischer Avantgarde und der Wiener ­Aktionskunst, präsentierte Werke von Nitsch und Schwarzkogler in Korrespondenz zu Klimt und Schiele. Mit der Schau „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“ präsentiert sie aktuell Künstler und Künstlerinnen seit den 1960er Jahren in der kritischen Auseinandersetzung mit Gesellschaft, Geschichte, Politik.

Künstler als Kuratoren

Immer wieder lud Kraus Künstler ein, Ausstellungen im Mumok zu kuratieren; aktuell bringt die Künstlerin Jakob Lena Knebl Bestände der Sammlung unkonventionell in Dialog mit ihren eigenen Werken.

Mueumsquartier in Wien – ein Erfolgsmodell?

Das Mumok ist in Wien fester Bestandteil des Museumsquartiers. Wie findet Karola Kraus den jüngsten Impuls der Spitzen der wichtigsten Kultureinrichtungen in Stuttgart, im Schulterschluss noch hörbarer, noch sichtbarer zu werden? „Ein solcher Weg ist grundsätzlich richtig“, sagt Kraus.

2019 eine Kooperation mit dem Kunstmuseum Stuttgart

Das Mumok soll wachsen

Die Frage nach den „Grenzen des Wachstums“ von Kunstmuseen – vor zwei Jahren Thema einer international besetzten Tagung in der Staatsgalerie Stuttgart, beantwortet Karola Kraus auf eigene Weise. Für das ­Mumok wünscht Kraus sich mehr Wachstum. „Mit rund 5000 Quadratmetern Ausstellungsfläche sind wir ein sogenanntes Rumpfmuseum. Könnten wir unsere Sammlung permanent chronologisch ausstellen, würde sich unsere Besucherzahl verdoppeln“, sagt sie. Zudem habe das Mumok ­etwa keinen Raum, um seine Archive für Studierende zu öffnen. Lösungen sind angedacht. Auch am jetzigen Standort im ­Museumsquartier. „Das wird diskutiert“, sagt Karola Kraus.

Gesucht wird: „Ein Minister mit Visionen“

Könnte die jüngste politische Entwicklung in Österreich hierbei, aber auch insgesamt für die Unabhängigkeit der Kultureinrichtungen eine Rolle spielen? „Ich hoffe ­natürlich“, sagt Karola Kraus betont sachlich, „dass wir keinen blauen Kulturminister bekommen“, keinen politisch Verantwortlichen also aus den Reihe der als rechtsnational geltenden FPÖ.

Und was wünscht sie sich? „Einen Minister mit Visionen.“

Kooperation mit dem Kunstmuseum Stuttgart

Ihre eigenen Visionen? 2018 möchte sie das zeichnerische Werk des Bildhauers Bruno Gironcoli in einer ersten Retrospektive ­zeigen und dem Doppelleben von Künstlern als Musiker von der Klassischen Moderne bis in die Gegenwart eine Bühne geben. „Und für 2019“, sagt Karola Kraus mit hörbarer Freude, „plane ich unter dem Titel ,Vertigo‘ eine Schau zur Op-Art und zur ­kinetischen Kunst, die anschließend ins Kunstmuseum Stuttgart geht.“ Diese Kooperation darf man getrost als Ritterschlag für das Kunstmuseum Stuttgart bezeichnen.

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