Daniel Fetzer aus Gablenberg (rechts) mit zwei Mitstreitern auf dem Gipfel des Vulkans Chachani in den Anden Foto: Fetzer

Einen besonderen Tanz auf dem Vulkan hat Daniel Fetzer aus Gablenberg kürzlich hingelegt. Er ließ auf einem Anden-Gipfel mit dem Hula-Hoop-Reifen die Hüften kreisen. Dies war Teil einer Spendenaktion für ein Projekt für benachteiligte Menschen in Peru, wo der Stuttgarter derzeit ein Praxissemester absolviert.

Stuttgart - .
Herr Fetzer, wie ist die Luft in mehr als 6000 Meter Höhe?
Ziemlich dünn, absolut. Und es ist auch eiskalt. Ich hatte tatsächlich Angst, Frostbeulen an den Zehen zu bekommen. Aber Höhenluft habe ich schön öfter geschnuppert, ich bin begeisterter Bergsteiger. Am Ende ging denn auch alles gut, wir sind wohlbehalten zurückgekommen.
Was hat Sie überhaupt auf diesen Vulkan getrieben?
Da geht es um ein Projekt der Nichtregierungsorganisation (NGO) HOOP im Süden Perus. Das Kürzel steht für Helping Over­come Obstacles Peru. Die Organisation arbeitet in Arequipa im Süden Perus. Sie unterstützt Kinder und deren Angehörige in einer von Armut betroffenen Siedlung am staubigen Stadtrand der peruanischen Millionenstadt Arequipa. Durch besondere Aktionen wie jener auf dem Vulkan sollen Spendengelder eingesammelt werden.
Und deshalb mussten Sie mit dem Hula-Hoop-Reifen den Vulkan hochkraxeln?
So in etwa. Aber das erklärte Ziel war nicht allein das Erklimmen des Vulkans. Vielmehr wollten wir dort mindestens 15 Sekunden Hula-Hoop tanzen, um den bisherigen Weltrekord zu brechen, der auf dem Kilimandscharo in 5885 Meter Höhe aufgestellt ­worden war.
Wie gut können Sie denn Ihre Hüften kreisen lassen?
Mittlerweile ziemlich gut. Es war allerdings auch gewisses Training nötig. Eine Volontärin aus den USA begann Monate vor der Expedition, uns Teilnehmer im Hula-Hoop zu trainieren. Ich gebe zu, ich bin absoluter Laie und hatte das besonders nötig. Komplettiert wurde das Training durch Ausdauertraining und regelmäßige Ausflüge in die Andenhochebene im Hinterland Arequipas.
Und das hat gereicht?
Ich habe auch noch extra trainiert, so habe ich zwei Wochen davor schon mit Freunden den Zwillingsberg bestiegen, den El Misti auf 5825 Metern, ein wunderschöner Vulkan, das Wahrzeichen Arequipas. Das war ein optimales Training, weil es mir gezeigt hat, dass der Marsch zum Gipfel kein Selbstläufer wird, ich aber konditionell dazu in der Lage bin. Zudem habe ich von der Höhenkrankheit außer leichten Kopfschmerzen nichts bemerkt. Die fantastische Aussicht von dort, die Andennacht mit unzählig hell leuchtenden Sternen haben meine Vorfreude noch gesteigert.
Die Höhenkrankheit hat dann aber doch wohl einige erwischt.
Das stimmt. Wir waren 18 Teilnehmer und vier professionelle Guides. Am 6. Dezember erreichten wir nachmittags das Basislager auf 5000 Metern. Um 18 Uhr war Nachtruhe in den Dreierzelten. Kaum einer hat geschlafen, eine junge Österreicherin musste sich neunmal übergeben, ein 48-jähriger kanadischer Air-Force-Pilot aus meinem Zelt hatte schwere Atemprobleme und bekam Platzangst. So hatte ich keine Minute geschlafen, als der Guide um 1 Uhr in der Nacht rief: „Vamos!“, also: Auf geht’s! Auf dem Weg mussten zwei weitere umkehren, die verbliebenen 14 mussten ziemlich kämpfen, die ­Höhe und der Mangel an Sauerstoff haben nur kleine Schritte erlaubt, so dass wir sehr langsam vorankamen.
Trotzdem haben Sie durchgehalten?
Nach drei Stunden, in denen ich dachte, dass mir die Zehen abfrieren, brach langsam das Tageslicht durch. Wir hatten einen klaren Tag ohne Wolken erwischt, das gab der Motivation neuen Schub. Fünf Stunden nach dem Start waren wir um 6 Uhr am Gipfel. Die Aussicht, zusammen mit der Höhe, der dünnen Luft und der Höhe von 6057 Metern, das hat mir den Atem geraubt: Berggipfel, am Horizont zwei schneebedeckte, rauchende Vulkane, eine Salzwüste, unter uns die Stadt Arequipa: ein wahrgewordener Traum.
Aber der Aussicht wegen hatten Sie die Anstrengung ja wohl nicht unternommen?
Richtig, wir hatten ja was vor dort oben. Ganz simpel: Wir haben die Hula-Hoop-Reifen ausgepackt und den Rekord gebrochen. Das ging zügig und hat sich unwirklich angefühlt. Monatelang hatten wir von diesem Moment gesprochen und uns darauf vorbereitet, und jetzt gab es statt Feuerwerk und ausgiebigem Genuss dieses Anblicks nur einen Guide, der auch noch Druck gemacht hat: In fünf Minuten müssen wir absteigen, sonst wird die Sonne zu stark. Den Weg bergab haben wir denn auch statt in fünf Stunden wie hoch zum Gipfel in einer guten Stunde zurückgelegt, weil wir quer durch die Sandfelder rutschen konnten. Hätten wir einen Bob dabeigehabt, das wäre noch toller gewesen.
Hat sich die Anstrengung wenigstens gelohnt?
Absolut. Wir sind alle stolz, dass wir das anvisierte Spendenziel von 10 000 US-Dollar sogar übertroffen haben und 11 000 Dollar eingesammelt haben. Das Geld geht direkt in die Arbeit vor Ort: Unterrichtsmaterialien, Fortbildung der Freiwilligen, Stipendien für Begabte, die sonst nicht zur Uni könnten.
Warum sind Sie denn gerade in Peru?
Ich verbringe dort das Praxissemester meines Studiums. HOOP bietet dort ein kostenloses Nachmittagsprogramm für die Kinder in einer Siedlung am Stadtrand an, deren Bewohner allesamt unter der Armutsgrenze leben. Regelmäßig kommen 80 Kinder und nehmen an Sport-, Englisch- und Kunstkursen teil. Rund 20 Freiwillige aus aller Welt halten dieses Angebot am Laufen. Ich arbeite mit einer Sozialarbeiterin aus Italien eher mit den Familien im Stadtviertel, wo Alkoholismus und Perspektivlosigkeit große Probleme sind. Und was mich besonders erschreckt hat, ist die grassierende Gewalt gegen Frauen.
Woher kommt Ihr soziales Engagement?
Nach dem Abitur war ich für ein Soziales Jahr in der Schweiz. Neben vielen Wanderungen in den prächtigen Alpen des Berner Oberlands hatte ich viel Zeit, Fragen zu beantworten: Was will ich im Leben erreichen, wie möchte ich leben? Dabei geholfen hat mir eine Reise nach Rumänien mit den anderen Mitarbeitern. In einem kleinen Dorf, in dem die Milch noch mit Pferde- und Eselskutschen in die nächste Stadt transportiert wird, haben wir an einer Freizeit teilgenommen. Da kam ich zum ersten Mal in Berührung mit extremer Armut. Das hat mich bewegt und meinen Plan ins Wanken gebracht, Lehrer zu werden. Ende 2012 war ich zudem drei Monate in einem Kinderheim und einer Schule in Uganda. Mir fällt es nach wie vor schwer zu akzeptieren, dass es auf der einen Seite der Erde so viel Reichtum gibt und auf der anderen Seite Familien nicht wissen, wie sie ihren Kindern Kleidung kaufen können. Ich bin überzeugt davon, als Sozialarbeiter mein berufliches Leben am ehesten der ­Bekämpfung von Ungerechtigkeiten widmen zu können.
Was motiviert Sie zu dieser Haltung?
Mich motiviert mein christlicher Glaube, der sich weniger durch fromme Worte als durch tatkräftige Unterstützung meiner Mitmenschen ausdrücken soll. So möchte ich mich für das engagieren, woran ich glaube: Nächstenliebe, Offenherzigkeit und Großzügigkeit, auch wenn das altmodisch klingen mag. Das ist mir besonders wichtig, weil ich nicht möchte, dass im Namen der „christlichen Kultur“ Abgrenzung und Fremdenfeindlichkeit propagiert werden. Deshalb habe ich vor knapp zwei Jahren mit Freunden ein Projekt für jugendliche Flüchtlinge in Stuttgart gestartet, um diese beim Heimischwerden zu begleiten. Dieses Projekt – die Northteens – wurde Anfang des Monats mit dem ersten Platz des Jugenddiakoniepreises ausgezeichnet.
Wir erreichen Sie dank moderner Kommunikation ja in mehr als 10 000 Kilometer Entfernung. Jetzt kommt Weihnachten – fernab der Heimat. Kommt da Wehmut auf?
Ich freue mich auf Weihnachten, weil ich dann in Argentinien sein werde. Dort haben die Christusträger-Schwestern – bei der Partnerorganisation habe ich 2011/12 mein Freiwilliges Soziales Jahr gemacht – ein Heim für vernachlässigte Kinder. Hier werde ich den Heiligen Abend und die Feiertage verbringen. Ich bin gespannt, wie es in diesem Rahmen gefeiert wird. Da gehören aber sicherlich ein Gottesdienst und die Bescherung mit Geschenken dazu. 2012 habe ich in Uganda Weihnachten schon einmal in einem Kinderheim gefeiert, in tropischer Sonne und mit Lagerfeuer und Grillfest. Das bedeutet, die Vorfreude und Neugier überwiegen eventuelle Heimwehgefühle. Trotzdem, besonders an Heiligabend würde ich gern daheim beim traditionellen Toast-Hawaii-Essen meiner Familie in Aichwald sein.
 

Zur Person

Daniel Fetzer:

Am 29. April 1992 wird er in Esslingen geboren. Er wächst in Aichwald auf, macht 2011 sein Abitur am Theodor-Heuss-Gymnasium Esslingen.

Seit 2013 Studium Soziale Arbeit und Diakoniewissenschaften an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg.

Seit Oktober 2014 geringfügig beschäftigt in einer Außen-Wohngruppe der Diakonie Stetten in Weinstadt-Strümpfelbach.

Seit September 2015 und noch bis März 2016 Praxissemester in Peru.

Daniel Fetzer lebt in Stuttgart-Gablenberg.

Informationen gibt es auf seinem Blog: derplaza.wordpress.com (her)