Wie geht es weiter im Handel? Die Experten Christoph Achenbach, Sven Köhler, Sabine Hagmann und Mattias Mußler (von links) diskutieren mit Moderator Sven Hahn. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Der stationäre Handel ist unter Druck. Die Online-Konkurrenz pumpt viel Geld und technologisches Wissen in ihre Angebote. In Stuttgart vermisst so mancher einen Masterplan.

Stuttgart - Noch haben Online-Anbieter nur einen Anteil von zehn Prozent an den Handelsumsätzen. Doch das wird sich ändern. Und schon heute spüren die Geschäfte in der Stuttgarter Innenstadt, aber auch in den Außenbezirken die Konkurrenz durch Internet oder Einkaufszentren auf der grünen Wiese. Wie kann man dem begegnen? Und gibt es überhaupt noch Hoffnung? Darüber haben am Mittwochabend bei der Diskussionsrunde Mittendrin unserer Zeitung Experten mit rund 80 Besuchern im voll besetzten Saal des Hauses der Katholischen Kirche an der Königstraße gesprochen.

Glaubt man Sven Köhler, dann müssen sich die stationären Händler warm anziehen, wenn sie bestehen wollen. „Wir haben die Befürchtung, dass irgendwann viele Flächen in der Innenstadt nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben sein werden. Selbst große Ketten wie H&M haben schon Probleme“, sagt der Professor von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Er sieht eine enorme Wettbewerbsverzerrung, weil große Online-Anbieter sich nicht darum kümmern, ob sie Gewinne erwirtschaften: „Sie kaufen sich Marktanteile, um andere aus dem Wettbewerb zu drängen.“ Der Experte sieht ungleiche Kräfteverhältnisse: „Wir sind in einem Technologie- und Finanzwettbewerb angekommen. Die großen Konzerne arbeiten an neuen Technologien und stecken da Millionen rein.“ Der virtuelle Einkaufsberater, der online ins Wohnzimmer kommt? Für ihn keine Zukunftsmusik.

Stuttgart hat ein schwieriges Umfeld

In Stuttgart kommt für so manchen noch ein schwieriges Umfeld hinzu. In Zeiten von Feinstaubalarm, drohenden Fahrverboten und hoher Baustellendichte haben die Läden besonders zu kämpfen. „Der stationäre Handel hat eine Chance – wenn er erreichbar ist“, sagt Sabine Hagmann. Die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbandes Baden-Württemberg sieht in anderen Städten eine bessere Zusammenarbeit zwischen Händlern und der Verwaltung und fordert – wie so mancher andere im Raum – eine Imagekampagne für die Stadt. „Wir sind auch für gute Luft und Aufenthaltsqualität, aber wir prangern an, dass es keinen Masterplan gibt.“ Da pflichtet Mattias Mußler bei: „Man hat als Händler nicht das Gefühl, dass man bei der Politik die oberste Priorität hat. Als kleiner Händler kann man der nächsten Generation nur noch schwer empfehlen, den Laden weiterzubetreiben.“

Immer mehr Onlinehändler eröffnen Filialen

Doch es geht. Mußler selbst, der aus dem Stuttgarter Einzelhandel kommt und zugleich für den Online-Händler Notino stationäre Filialen aufbaut, kennt beide Seiten. Denn ein kleiner, aber spürbarer Trend ist, dass sich die Internet-Akteure mit eigenen Läden niederlassen. Als Werbung und zusätzliches Angebot für die Kunden. Das ist zumindest eine kleine Chance. Die Runde ist sich aber einig, dass sowohl die Stadt in puncto Verkehr und Aufenthaltsqualität als auch die Händler etwas tun müssen. „Wir müssen selbst unsere Hausaufgaben machen“, sagt Christoph Achenbach. Heißt: bessere Beratung, besserer Service, Kooperation unter Fachgeschäften, weil alleine vieles nicht zu stemmen ist. Und: Emotion statt Internet. Der Geschäftsführer von Lederwaren Acker im Königsbau erwidert auf die Frage von StN-Titelautor und Moderator Sven Hahn, ob er sich eine Innenstadt ohne Geschäfte vorstellen könne: „Das wären deprimierende Aussichten. Der Handel ist ein Bindeglied für die Menschen der Stadt. Ohne ihn hätten wir eine Wüste.“

Und falls doch immer mehr Geschäfte verschwinden? Köhler sieht Möglichkeiten, Lücken zu füllen. Durch Dienstleister oder gar Handwerksbetriebe. Sicher ist für ihn: „Es braucht einen Masterplan für Stuttgart. Und neue Wege der Händler. Das Schlimmste wäre, sich zurückzulehnen und abzuwarten.“ Das wollen zumindest einige Geschäfte nicht. Sabine Hagmann macht ihnen Mut: „Ich glaube an den stationären Handel.“

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