Am 17. September „Über Kunst“-Gast in der Staatsgalerie Stuttgart: Gerd Harry Lybke Foto: Enrico Meyer

Gerd Harry „Judy“ Lybke lernte Maschinenbauer, wollte Schauspieler werden und wurde Star-Galerist. Am 17. September ist Lybke Gast der StN-Gesprächsreihe „Über Kunst“ in der Staatsgalerie Stuttgart.

Stuttgart - Wirkliche Ruhe scheint Gerd Harry Lybke nicht zu kennen. Ständig sind seine Augen auf der Suche, immer beschleunigt der Mann, den alle als „Judy“ kennen, nach ­­kurzem Vorlauf das Sprechtempo. Fordernd, direkt. Gerade so, als schüttele er ständig ­alle Etikette ab. Und davon gibt es einige. Am häufigsten genannt: „Star-Galerist“ und „Phänomen“. Am Dienstag, 17. September (Beginn: 19.30 Uhr), ist Lybke Gast der „Stuttgarter Nachrichten“-Gesprächsreihe „Über Kunst“ in der Staatsgalerie Stuttgart. Der Eintritt ist frei. Der „Über Kunst“-Abend mit Gerd Harry Lybke stimmt bereits auf das Galerienwochenende „Art Alarm“ am 21. und 22. September in Stuttgart ein.

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1983 wird die Wohnung in Leipzig zur Galerie

1983 beginnt Lybkes Geschichte – die eigene Wohnung in Leipzig wird zur Galerie, der Name Eigen + Art ist schon eine Marke, als 1988 in Dresden mit der „X. Kunstausstellung der DDR“ die ostdeutsche Türe in die Kunst-Aktualität ein kleines Stück aufgeht. Und während andere die deutsch-deutsche Kunstfrage stellen, begeistert Lybke 1991 Jan Hoet, künstlerischer Leiter der Weltkunstausstellung Documenta IX, 1992 in Kassel, für das Schaffen von Carsten Nicolai.

1997 fünf Eigen+Art-Künstler auf der Documenta 10

1992 bleiben die Documenta-Weihen aus, doch fünf Jahre später prägen die Arbeiten von Carsten Nicolai und Olaf Nicolai sowie drei weiteren Eigen + Art-Künstlern die von Catherine David verantwortete Documenta X wesentlich mit.

Erfinder der „Neuen Leipziger Schule“

Verbunden aber wird der Name Gerd Harry Lybke bis heute vor allem mit einem von ihm selbst geprägten Begriff: „Neue Leipziger Schule“. Die anspielungsreichen Bildwelten von Neo Rauch werden Anfang der 2000er Jahre zum Inbegriff deutscher Gegenwartskunst – und doch wäre es verfehlt, das Eigen + Art -Programm auf Rauch oder den eine Generation jüngeren Leonberger Tim Eitel zu verkürzen. Wie schon Carsten Nicolai und Olaf Nicolai ist es vor allem die an der Stuttgarter Akademie lehrende Birgit Brenner, die für das multimediale und interdisziplinäre Kunstschaffen steht.

Seit 1992 auch in Berlin

Heute? Erinnert sich Lybke gerne an eine dreimonatige Eigen + Art-Zeit in Japan schon 1990, freut er sich noch immer über den Schritt 1992 von Leipzig nach Berlin-Mitte in die Auguststraße und ist „weiter gespannt“ was aus dem 2012 eröffneten, bewusst als Forum für künstlerische Experimente angelegte Eigen + Art Lab in Berlin wird.

Noch immer in der Offensive

Zwei Galeriestandorte (Leipzig und ­ Berlin), ein auch für nicht mit der Galerie verbundene künstlerische Positionen offenes Laboratorium und eine ständige Präsenz im globalen Kunstmesse- und Kunsthandelsmarkt – „Judy“ Lybke versprüht noch immer Entdecker- und Durchsetzungsfreude. Umso mehr stellen sich Fragen: Welche Rolle kann eine Privatgalerie im nationalen und internationalen Kunstmarkt heute noch spielen? Wie verändert die Globalisierung auch des Kunst­betriebs die Galeriearbeit? Und welche ­Bedeutung haben Begriffe wie Haltung und Identität?

„Über Kunst“-Abend stimmt auf Galerienwochenende „Art Alarm“ ein

Auf diese und andere Fragen wird Gerd Harry Lybke am Dienstag, 17. September, als Gast der Gesprächsreihe „Über Kunst“ unserer Zeitung in der Staatsgalerie Stuttgart antworten – und damit zugleich auf das Galerienwochenende Art Alarm in Stuttgart am 21. und 22. September einstimmen.

Erfinder, Vampir, Fährmann

Als „Erfinder“ (der Neuen Leipziger Schule) ist Lybke benannt, als „Vampir“, der sich immer wieder neu in die Kunst als „Brücke zu verschiedenen Zeiten und zu unterschiedlichen Wahrnehmungsweisen, ob weiblicher oder männlicher Art“ stürzt, hat sich Lybke einmal selbst skizziert. Und doch scheint ein anderes Bild treffender: „Ob als Schauspieler, Modell, oder Galerist tätig – ich bin immer der Fährmann, der Dinge von einem Ufer zum anderen befördert“, sagt er, bis heute gültig, 2005 dem Fachmagazin „Kunst­forum International“. Und er ergänzt seinerzeit: „Ich bin wie eine Schale für das, was ich auf die andere Seite trage. Die Rolle des Fährmanns ermöglicht es mir, alles auch mitzuerleben.“

Mit Kunst das Leben „mehr durchdringen“

Und wie ist dieses „alles“ zu stemmen? „Nur mit einem wunderbaren Team“, sagt Gerd Harry Lybke. Nur so sei seine eigene Entdeckungsreise zur Kunst überhaupt möglich. Eine Reise, die Lybke unbedingt fortsetzen will. Denn: „Für mich“, sagt er, „ist interessant, dass man in der begrenzten Lebenszeit die Möglichkeit ergreift, sich in die Ideen der Künstler hineinzuversetzen. Und zwar so, dass man das Leben mehr durchdringt“.

So können Sie dabei sein

Gerd Harry Lybke am 17. September bei „Über Kunst“. Der Eintritt ist frei. Ihre Anmeldung nehmen wir gerne entgegen – unter www.stn.de/ueberkunst. Informationen über unsere Datenschutzbestimmungen unter www.stn.de/datenschutz.

Galerie Eigen + Art – Geschichte und Künstler

1961 wird Gerd Harry Lybke in Leipzig geboren. Er absolviert eine Ausbildung zum Maschinenmonteur, will Schauspieler werden und wird Aktmodell an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

1983 beginnt Lybke in seiner Dachwohnung am Körnerplatz 8 in Leipzig die Kunst seiner Freunde auszustellen. Als erstes Eröffnungsdatum gilt der 10. April.

1985 zieht die Galerie Eigen + Art in die Fritz-Austel-Straße 31 (heute Bornaische Straße). Die Räume dienen als Wohnung, Werkstatt und Galerie.

1990 lebt und arbeitet Lybke mit Künstlern in einem besetzten Haus in der Zentralstraße in Leipzig. Temporäre internationale Präsenzen machen die Galerie bekannt. Die Stationen: Tokio (1990), Paris (1991), Berlin (1992), New York (1993) und London (1994). Parallel beginnt die internationale Messetätigkeit.

1992 eröffnet die Galerie Räume in der Auguststraße 26 in Berlin-Mitte.

2005 bezieht die Galerie in der Spinnereistraße in Leipzig auf dem ehemaligen Gelände der Baumwollspinnerei ihren jetzigen Standort.

2012 wird in Berlin der dritte Galerieraum eröffnet, das Eigen+Art Lab in der Ehemaligen Jüdischen Mädchenschule in der Auguststraße. Seit Januar 2015 befindet es sich in der Torstraße 220.

Bekanntester Künstler der Galerie ist der Maler Neo Rauch. Dessen Bilder – durch das Engagement des Sammlers Rudolf Scharpff im Kunstmuseum Stuttgart gezeigt und in der Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart präsent – werden weltweit Inbegriff her Gegenwartskunst. Weitere Eigen + Art-Spuren in die Metropolregion Stuttgart führen mit einer Schau des in Leonberg geborenen Malers Tim Eitel in der Kunsthalle Tübingen (2000) oder Carsten Nicolais Skulptur „Polylit“ (2006) für das Kunstmuseum Stuttgart. An der Kunstakademie Stuttgart lehrt die seit langem der Galerie verbundene Künstlerin Birgit Brenner.

Auch in Leipzig und Berlin beginnt die neue Kunstsaison

Zum Start in den Kunstherbst findet in Stuttgart am 21. und 22. September der Galerienrundgang „Art Alarm“ statt. Die Galerie Eigen+Art eröffnet die Herbstsaison in Leipzig mit einer Einzelausstellung der Objektkünstlerin Stella Hamberg. An diesem Samstag und Sonntag, 7. und 8. September, findet der Rundgang der Galerien auf dem Spinnerei-Areal in Leipzig statt. Am kommenden Dienstag, 10. September, wird im Eigen + Art Lab in Berlin die Schau „Cater to you“ eröffnet. Neues von Olaf Nicolai gibt es in Berlin in der Auguststraße – am Freitag, 13. September, beginnt die Einzelausstellung „How to fancy the light of a Candle after it is blown out“. Die Eröffnung findet zur Berlin Art Week statt. Zudem zeigt die Galerie auf der Messe art berlin im Flughafen Tempelhof Werke der Mediengruppe Bitnik, von Signe Pierce und Raul Walch.

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