Not-Hilfe an zentraler Stelle: eine vollautomatische WC-Säule an der Planie. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Findet man beim Bummeln durch die Innenstadt schnell genug eine öffentliche Toilette? Eine Stippvisite offenbart eine hohe Klo-Dichte und einen Sanierungsstau bei fest eingerichteten Toilettenanlagen.

Stuttgart - Wenn am Karlsplatz Touristenbusse ankommen, muss der Concierge im Markthallen-Klo auf Zack sein: Kassieren, Papier auffüllen, durchwischen. „Da können Sie die Leute aus dem Bus springen sehen“, sagt Hans Eisele, der Leiter der Märkte Stuttgart GmbH, „das ist ein wichtiger Standort.“ Und doch ist in die Ausstattung dürftig: Klo-Zellen aus gesprenkeltem Resopal, enge Kabinen, alte Kacheln, düstere Beleuchtung – für 50 Cent Gebühr eine dürftige Visitenkarte der Stadt.

„Die letzte Renovierung liegt bestimmt schon zehn Jahre zurück, und bis jetzt haben weder Politik noch der städtische Abfallwirtschaftsbetrieb AWS, der die Anlage für uns bewirtschaftet, den Wunsch nach einer Sanierung geäußert“, sagt Hans Eisele. Eine solche wäre wohl auch sehr schwierig, mutmaßt er: „Wegen des Denkmalschutzes dürfen wir ja an den Fliesen nichts verändern.“ Aber er verspricht: „Das mit dem Licht kann ich mir mal ansehen.“

Im August soll am Teehaus Klarheit herrschen

Die Sanierung vor sich hinzuschieben zahlt sich nicht aus, diese Erfahrung musste die Stadt jüngst bei den Toiletten am Teehaus im Weißenburgpark machen. Erst, als die Brühe über eine öffentliche Straße lief, wurde das Abwasser- und Leitungsproblem vom Gartenbauamt angepackt, das Gelände vermessen, Angebote zum Austausch der mehrfach gebrochenen Wasserleitungen eingeholt und geprüft. Nach Angaben des Stadtsprechers Sven Matis „soll es noch im August Klarheit über das passende Verfahren, die Kosten, die Dauer und den Baubeginn geben. Klar ist auch: Da ist mehr als einen Spülkasten auszuwechseln, und es soll so vonstatten gehen, dass es den Park so wenig wie möglich belastet.“

Voll funktionstüchtig und sauber hingegen ist die Toilettenanlage an der Stadtbahnhaltestelle Charlottenplatz. Der Weg in den Seitengang ist gut ausgeschildert, der Zutritt mit Einwurf von 30 Cent möglich – dann tut sich Tristesse auf: Das Licht gleicht dem einer Fixerszene aus dem Sonntags-Tatort. Rund um das Waschbecken stecken zig übrig gebliebene Dübel in Fliesen und in den schimmelig angegrauten Fugen; sie zeugen davon, dass es früher mal mehr Ausstattungsgegenstände gab, die wohl Dieben oder Randalierern zum Opfer fielen. Sind Modernisierungen vorgesehen? „Die Antwort lautet Nein“, teilt der Abfallwirtschaftsbetrieb AWS mit.

Leuchtendes Beispiel Schlossplatz

In der Haltestelle Schlossplatz bietet sich das gegenteilige Bild: Weiße Fliesen, blau abgesetzt, strahlend helles Licht, helle Kabinen und am Eingang der WC-Anlage ein gut gelaunter Mitarbeiter, der einem Touristenpaar in seiner italienischen Muttersprache weiterhilft: Wo kommt Ihr her? Wie lange seid Ihr hier? Der Faden nach Sardinien ist schnell geschlagen. Und bis die Dame wieder aus der Toilette kommt, sind die beiden Herren mitten drin in einer Diskussion um italienische Politik und zu dem Schluss gekommen: Nichts hilft, außer eine Revolution anzuzetteln. Das wünschen sich übrigens Kirchgänger auch: Sonntags ist das freundliche Klo nämlich nur bei Sonderveranstaltungen geöffnet.

So gesellig geht es rund um die Klo-Tonnen nicht zu. Offiziell heißen sie Säulen- oder Automatikanlagen und werden von der Firma JCDecaux betrieben. Weil der Betreiber im Plakatgeschäft tätig ist, können die Klo-Tonnen leicht mit Litfaßsäulen verwechselt werden. Man vergewissere sich also vorher, ob der Schriftzug „Toilette“ oben drüber steht, bevor man nach dem Münzschlitz und der Türöffnung fahndet. „Die Rotunden werden von älteren Leuten ungern angenommen“, sagt Renate Krausnick-Horst vom Stadtseniorenrat. Nach dem ersten Selbsttest weiß man auch, warum sich die Senioren „beengt fühlen und Angst haben, eingeschlossen zu werden“: Kaum setzt man den ersten Fuß in die Tonne, gleitet die Schiebetür auch schon unbarmherzig zu und klemmt die Handtasche ein.

Ähnlich wie in einer Zug- oder Flugzeugtoilette

Drinnen herrscht drangvolle Enge. Der Erfinder muss wohl an Schlangenmenschen geglaubt haben, als er den Haken für Tasche und Jacke an der Tür konzipiert hat, denn einem Mangel zu entschlüpfen ist kaum möglich. Nicht mehr, aber auch nicht weniger als in einer Zug- oder Flugzeugtoilette also: Alles aus einem Guss, raffinierte, vollautomatische Einrichtungen zum Waschen und Trocknen der Hände, und die Tür geht wider Erwarten nicht während, sondern nach dem Toilettengang auf sanften Druck hin auf. Apropos Druck: Der ist in einigen Kabinen wohl zu gering, als dass der Wasserstrahl die Hinterlassenschaften streifenfrei hinwegfegen würde.

Der Stadtseniorenrat moniert seit Jahren fehlende öffentliche Toiletten in den Außenbezirken. Mittlerweile hat sich die Zahl der gemeldeten Notstände auf 15 erhöht. Die Senioren schlagen nun allerdings vor, das aus anderen Städten bekannte System der „Netten Toiletten“ zu übernehmen. Dabei stellen Gewerbetreibende im Stadtteil ihre Klos der Öffentlichkeit zur Verfügung und erhalten dafür von der Stadt je nach Nutzungsfrequenz zwischen 35 und 60 Euro monatlich. Das Sozialreferat ist dafür, dieses Projekt zu unterstützen und dafür im Jahr 2018 rund 18 000 Euro, im Jahr 2019 rund 11 400 Euro einzuplanen. Damit könnten teuere Investitionen für neue Toilettenanlagen umgangen werden. Pro behindertengerechter Automatik-Säule rechnet der AWS mit Kosten in Höhe von 300 000 Euro, ein WC-Fertigbau kostet zwischen 200 000 und 300 000 Euro, die Unterhaltungskosten variieren zwischen 15 000 und 30 000 Euro jährlich. Der Gemeinderat entscheidet über den Vorschlag während der Haushaltsplanberatungen.

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