Sting kehrt auf Tournee mit feinstem Ergebnis zu seinen Wurzeln zurück. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Der Popmusiker Sting unternimmt in der Stuttgarter Porsche-Arena eine musikalische Reise durch die Jahrzehnte. Er und seine hervorragende Band setzen ausgezeichnetes Songmaterial gänzlich unaufgeregt in Szene.

Stuttgart - Auf der großen Bühne stehen einige Standscheinwerfer, zwei Gitarrenverstärker und drei paar Monitorlautsprecher, vier Mikrofonständer sowie auf einem flachen Podest das Schlagzeug. Es gibt keine Videowände und keine nennenswerte Lightshow. Sting verlässt im Gegensatz zu manch anderen Bandvorstehern das ganze Konzert über die Bühne gar nicht und lässt sich auch nicht zu jedem neuen Lied ein frisch gestimmtes Instrument reichen. Ganz im Gegenteil: Er spielt das ganze Konzert auf seinem alten abgewetzten Lieblingsbass durch.

Karg könnte man dies auf den ersten Blick angesichts eines Auftritts dieser Größenordnung – die Porsche-Arena ist am Mittwochabend mit 6500 Zuschauern ausverkauft – nennen. So wirkt es aber ganz und gar nicht. Schön intim und zweckdienlich reduziert: Das ist weit eher der Eindruck dieses fast schon an Proberaumatmosphäre erinnernden Settings, das einen wohltuenden Kontrapunkt zum Talmi des heutigen Popmusikunterhaltungsgeschäfts setzt. Der britische Musiker möchte auf seiner aktuellen Tournee offenkundig zu den Wurzeln zurückkehren, und das gelingt ihm außerordentlich stimmig.

Originelle Lesarten von Klassikern

Einen Schlagzeuger, einen Gitarristen sowie an der Leadgitarre seinen alten Wegbegleiter Dominic Miller hat Sting dabei, mehr nicht. Das ergibt die klassische Rockmusik-Viererbesetzung, und das, könnte man meinen, müsse zwangsläufig zulasten der durchaus vielschichtigen Arrangements seiner Songs gehen. Aber weit gefehlt. Branford Marsalis‘ Sopransaxofon zum Beispiel, das die Melodie von „Englishman In New York“ prägt, scheint im Grunde in diesem Song unersetzlich. Doch wie Sting und seine kleine Band dessen Abwesenheit kompensieren, ist beeindruckend. Aus dem vorangegangenen Song heraus groovt sich das Quartett in eine differenzierte und originelle Lesart des Lieds hinein, Dominic Miller führt erstmals virtuos vor, wie man mit Effektpedalen einen Ensembleklang steuern kann, die Liveinterpretation tritt so kein Stück hinter der Studiooriginaleinspielung zurück.

Das Lied davor ist der Police-Hit „Spirits In The Material World“, die Nummer davor heißt – ebenfalls wohlbekannt und ebenfalls von seiner Ex-Band – „Synchronicity II“. Mit ihr wird der Abend eröffnet, und mit diesem Dreiklang zum Auftakt gibt Sting sogleich die Richtung vor, in die er diesen Abend lenken wird. Die Tour trägt als Motto den Titel seines aktuellen Albums „57th & 9th“, das der derzeit in New York lebende Englishman nach jener Straßenecke in seiner Wahlheimat benannt hat, an der sich das Tonstudio befindet, in dem es aufgenommen wurde. Und natürlich kommt Sting auch der Pflicht nach, einige Stücke daraus vorzustellen. Wie selbstverständlich, als wären sie seit vielen Jahren Teil seines Repertoires, sind sie allerdings eingebettet in den Konzertverlauf, sie fallen als Novitäten in diesem wie aus einem Guss wirkenden Abend überhaupt nicht auf. Eingerahmt indes werden sie von einem Best-of-Programm aus dem Besten der beiden Sting-Welten.

Auch Donald Trump kommt vor

Serviert werden mehr oder weniger alle Police-Großhits, von „Message In A Bottle“ über „So Lonely“ bis hin zu „Roxanne“ zum Abschluss des regulären Konzertteils und „Every Breath You Ttake“ zum Finale der ersten Zugabe. Dazu erklingen einige der wirklich schönsten Nummern aus Stings Repertoire als Solokünstler. In diesen Stücken, insbesondere in „Fields Of Gold“, „Shape Of My Heart“ und „Desert Rose“, offenbaren sich die eigentlichen Stärken des Abends. Es ist ausgezeichnetes Songmaterial, das von hervorragenden Musikern gänzlich unaufgeregt und hervorragend in Szene gesetzt wird. Aus dem punktgenau agierenden Kollektiv mag man eigentlich niemanden hervorheben, dennoch ragt Dominic Miller heraus, den viele nicht grundlos für einen der weltbesten Rockgitarristen halten. Und der – nebenbei sei’s gerne erwähnt – mehr Eigenwerbung für sein am kommenden Freitag erscheinendes neues Soloalbum gar nicht hätte machen könnte.

Noch immer drahtig und juvenil

Mit auf der Bühne stehen bei diesem musikalisch außerordentlich überzeugenden Abend für einige Songs ein Akkordeonist sowie – recht ungewöhnlich – eine ausschließlich aus jungen Männern bestehende Backingvocal-Sektion. Einer von ihnen ist Dominic Millers Sohn, ein anderer der von Sting. Dieser Joe Sumner darf zwischendurch an der Gitarre auch eine Coverversion von David Bowies „Ashes To Ashes“ singen, eine Reminiszenz an den tragischerweise vor einem guten Jahr in New York verstorbenen Engländer. Ein dritter New Yorker, der dort sogar geboren wurde, bleibt schließlich auch nicht unerwähnt: Donald Trump, dem Sting „One Fine Day“ widmet, seinen liedgewordenen Kommentar zum Klimawandel. In fast schon lakonischer Beiläufigkeit spricht er auf der Bühne den kleinen Seitenhieb gegen den amerikanischen Präsidenten aus, ganz ohne den erhobenen Zeigefinger, mit dem Sting sich in der Vergangenheit auch schon mal überambitioniert als Weltenretter inszenierte.

Nach wie vor sehr drahtig und juvenil präsentiert sich der 65-Jährige auf der Bühne, vor allem aber wirkt er sehr mit sich im Reinen, als er zum runden Abschluss eines feinen, vom Publikum gefeierten Abends zur zweiten Zugabe das sanfte „Fragile“ anstimmt. Fast so, als sei eine Last von ihm abgefallen – jene Last, zwanghaft die Nähe zur vermeintlichen Hochkultur suchen zu müssen, die er in der jüngeren Vergangenheit in seiner Zusammenarbeit mit Sinfonieorchestern und seinen John-Dowland-Vertonungen ausgelebt hat – sicherlich nicht gerade den Glanzlichtern in der vier Jahrzehnte umspannenden Diskografie dieses Musikers, wie auch die dazugehörigen Tourneen nicht nach dem Geschmack aller seiner Verehrer gerieten. Nun ist er wieder dort angekommen, wo er hingehört: mit einem gelungenen und trotzdem erwachsenen Rockalbum sowie einer Bühnenperformance, die trotz kraftvoller Intensität auf jede verkünstelte Pose verzichten kann. Das steht ihm richtig gut.

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