Das Weihnachtsgeld ist ein willkommener Bonus für viele Angestellte in Stuttgart (Archivfoto). Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich

Viele Stuttgarter freuen sich im November über das Weihnachtsgeld – andere gehen leer aus. Ein Rundgang durch die Stadt zeigt, was der Extra-Groschen für die Menschen bedeutet.

Noch ist die große Tanne vor dem Schlossplatz ungeschmückt, die Holzbuden für den Weihnachtsmarkt werden erst in wenigen Tagen aufgebaut. Stuttgart steckt zwischen Herbstsonne und Adventsstimmung.

 

Und obwohl es bis Weihnachten noch etwas dauert, sorgt in diesen Tagen der Blick aufs Konto für festliche Vorfreude: das Weihnachtsgeld ist da. Doch längst nicht alle profitieren von der Sonderzahlung, wie ein Rundgang durch die Innenstadt zeigt.

Laut dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung bekommen 51 Prozent der Beschäftigten Weihnachtsgeld – meist im November. Wo Tarifverträge gelten, sind es 77 Prozent, ohne Tarifbindung dagegen nur 41 Prozent.

„Bei uns heißt das jährliche Sonderzahlung“

Es ist ein klarer Novembertag. Vor dem Königsbau steht eine Frau mit Sonnenbrille und einem schwarzen Dackel an der Leine. Sie arbeitet in der Pflege bei der Caritas und möchte ihren Namen nicht in der Zeitung lesen.

„Bei uns heißt das jährliche Sonderzahlung – das sind etwa 80 Prozent eines Monatsgehalts“, sagt die 57-Jährige. Geregelt werde das nach dem kirchlichen Tarif für Beschäftigte bei Einrichtungen wie Caritas oder Diakonie.

Der Extra-Groschen ist für sie „eine kleine Belohnung an mich selbst“. Sich mal etwas gönnen, einen Kurzurlaub, ein neues Outfit oder ein Restaurantbesuch. Die Frage, ob Pflegeberufe generell genug Wertschätzung erfahren, beantwortet sie vielsagend: „Das würde jetzt den Rahmen sprengen.“ Dann zieht sie mit dem Hund weiter.

Cornelius Neubert arbeitet bei Mahle und bekommt Weihnachtsgeld. Foto: StZN

Ein paar Meter weiter steht Cornelius Neubert, 31, Betriebsrat beim Autozulieferer Mahle und Mitglied der IG Metall. Er sagt: „Ich bekomme etwa 70 Prozent Weihnachtsgeld – das ist Standard in der Metall- und Elektroindustrie. Ich finde, das ist eine faire Anerkennung. Schade nur, dass nicht alle das bekommen.“ Sein Rat: „Geht in die Gewerkschaft, dann habt ihr’s auch.“

„Ich kenne es nicht anders – kein Weihnachtsgeld“

Freiberufler Kaspar Kaven, 43, Kameramann aus München, ist für einen Dreh in Stuttgart und schlendert gerade über die Königstraße. „Ich bekomme kein Weihnachtsgeld, aber das ist okay. Ich bin frei und kann mir meine Zeit einteilen“, sagt er. „Trotzdem – manchmal wünscht man sich so eine Sicherheit. Weihnachtsgeld ist ja auch ein Zeichen: Du hast das Jahr gut gearbeitet“, sagt er.

Kein Weihnachtsgeld: Freiberufler Kaspar Kaven geht leer aus. Foto: StZN

Auch Pflegekräfte und Erzieherinnen freuen sich über das Extra auf dem Konto. Eine 32-jährige Krankenpflegerin steht vor dem Café Mela in der Königstraße. Sie sagt: „Gerade um Weihnachten hilft das sehr. Ob für Urlaub, Geschenke, Familie oder einfach nur um Rechnungen zu bezahlen – man plant das Geld fest ein.“ Sie fügt hinzu: „Ich finde, jeder sollte Weihnachtsgeld bekommen.“ Bei der Krankenpflegerin ist die Sonderzahlung im Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst verankert.

Ihre Freundin, 29, Heilerziehungspflegerin, ergänzt: „Ich hab es erst, seit wir den Verdi-Tarif haben. Früher nicht. Jetzt freue ich mich jedes Jahr drauf. Das ist kein Luxus – das ist Entlastung.“ Eine 31-jährige Lidl-Angestellte will ein Teil des Weihnachtsgelds sparen. „Es ist beruhigend. Endlich hat man mal mehr Geld und kann etwas beiseite legen“, sagt die Einzelhandelskauffrau. „Aber auch eine größere Anschaffung ist drin.“

„Ich feiere kein Weihnachten – also brauch ich auch kein Geld dafür“

Ein älterer Mann am Schlossplatz winkt ab. „Weihnachtsgeld, was ist das? Ich bekomme nichts“, sagt der 58-Jährige. Er ergänzt: „Und das ist mir recht so. Weihnachten ist Kommerz. Wenn man genügsam lebt, braucht man das nicht.“

Vor dem Hauptbahnhof steht ein Taxiunternehmer, 46, Zigarette in der Hand. „Ich bin selbstständig. Wer soll mir Weihnachtsgeld zahlen?“, sagt er. Er meint: „ Klar wär’s schön, aber momentan haben wir andere Sorgen.“ Die Branche kämpfe ums Überleben wegen der Konkurrenz durch den Fahrdienstleister Uber.

Tarif macht den Unterschied

Was das Weihnachtsgeld angeht, zeigt das WSI deutliche Unterschiede: Männer (54 Prozent) bekommen etwas häufiger Weihnachtsgeld als Frauen (48 Prozent), Westdeutsche (53 Prozent) häufiger als Ostdeutsche (41 Prozent). Im öffentlichen Dienst liegt die Sonderzahlung je nach Entgeltgruppe zwischen 52 und 85 Prozent des Monatsgehalts, in der Chemie-, Energie- und Stahlindustrie oft sogar bei einem vollen Monatslohn oder mehr.

Zurück auf dem Schlossplatz schiebt der Schachspieler seine Figuren, Jugendliche laufen vorbei, und über der Stadt liegt Vorfreude. Für viele Stuttgarter ist das Weihnachtsgeld ein willkommener Bonus – für andere bleibt es Symbol einer Lücke. Oder, wie Betriebsrat Neubert sagt: „Weihnachtsgeld ist Wertschätzung. Und die sollte jeder bekommen.“