Hundert Jahre lang war hinter der alten Kinofassade ein zentraler Stuttgarter Kulturort, zuletzt das Metropol-Kino – damit soll es bald vorbei sein. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Stuttgarter Filmfestivalmacher sind entsetzt darüber, dass das Metropol-Kino einer Boulder-Halle weichen soll – für die es aber auch Zustimmung gibt.

Stuttgart - Aus dem Metropol, Stuttgarts wichtigstem Festivalkino, soll eine Boulderhalle werden. Diese Nachricht hat im Netz im Nu ein Echo hervorgerufen. Und natürlich gibt es Fassungslosigkeit: „Ich kann immer noch nicht glauben, dass das Metropol Geschichte ist, schlimmer noch, eine Schweißfabrik wird. Wieso?!“, postet eine Filmfreundin. Aber die Wehmütigen werden in der ersten Kommentarwelle klar übertönt von Begeisterten: „Ziemlich cool“, heißt es da, „das sind doch mal erfreuliche Nachrichten“, „absolut klasse Entscheidung“.

 

Hie und da scheint durch, dass Kino als passiver Konsum gewertet wird: „Es ist doch schön, einen Platz mehr zu bekommen, an dem der Körper beansprucht wird, und man nicht nur etwas anschaut, also aktiv wird“, schreibt ein User. Allerdings gibt es auch die Gruppe der pragmatischen Kinofreunde, die das Metropol wohl gern behalten hätten, aber ganz andere Nachnutzungen fürchteten: „Besser als der dritte Primark“, „wenigstens keine Shisha-Bar“, „noch einen Konsumtempel hätte keiner gebraucht“, heißt es da.

Pessimisten fürchten eine Entwöhnung des Publikums

Das Metropol war beim Stuttgarter Publikum beliebt. Sein Ende sollte andere Kultureinrichtungen hellhörig machen. Wäre die Umnutzung des Lichtspielhauses bei vollem Betrieb verkündet worden, hätte die Reaktion wohl anders ausgesehen. Nun deutet sich wohl an, was Pessimisten als Folge des Kulturlockdowns befürchten: eine Entwöhnung des Publikums von vertrauten Kulturstätten, eine innere Umwandlung der langen Abstinenz in grundsätzlichen Abschied – also das Gegenteil von jenem Ausgehungertsein nach den Kulturangeboten der Vor-Corona-Zeit, auf das Optimisten hoffen.

Die Publikumsreaktionen im Netz stehen in krassem Gegensatz zu dem, was das Metropol-Aus für die Film- und Medienszene bedeutet. Besonders betroffen sind die Festivalmacher. „Als gebürtige Stuttgarterin bin ich zutiefst entsetzt“, sagt Irene Klünder, die Leiterin des SWR-Doku-Festivals, das nun vorerst heimatlos geworden ist. Als sachkundige Bürgerin im Kulturausschuss habe sie sich dafür eingesetzt, das Metropol mithilfe der Stadt zu retten – vergeblich. „Es ist ein unermesslicher Verlust – wieder einmal in Stuttgart.“

Die Frage ist, warum das Baudenkmal privatisiert wurde

„Jedes Kino das stirbt, ist eines zu viel“, sagt Dieter Krauß, der kaufmännische Geschäftsführer der Film- und Medienfestival GmbH. Die veranstaltet unter anderem das Trickfilm-Festival und hat im Metropol Spiel- und Kinderfilme gezeigt. „Für die Festivals ist das eine Katastrophe, die Leinwände fehlen und die tolle Atmosphäre.“ Das sieht auch Oliver Mahn so, der als Vorsitzender des Filmbüros Baden-Württemberg das Indische Filmfestival leitet und die Filmschau des Landes. „Festivals brauchen Außenwirkung, Bilder, die man mitnehmen kann, einen roten Teppich. Das ist so nirgends sonst möglich in Stuttgart.“ Die historische Kulisse und das Foyer sollen laut der Boulder-Firma für Festivals nutzbar, das Schuhschachtelkino Metropol 3 erhalten bleiben. Mahn winkt ab: „Ohne die großen Kinosäle wäre das ein Witz.“

Er spricht von einem „Trauerspiel“, von einem „beispiellosen Versagen aller Beteiligten: Es war lange bekannt, dass das Metropol in Gefahr ist“. Sowohl Krauß als auch Mahn sehen die Verantwortung bei denjenigen im Rathaus, die 2009 zuließen, dass die EnBW das vormals in kommunalem Besitz befindliche Haus an einen Privatinvestor verkaufen durfte: „Das macht man nicht mit einem historischen Ort von solcher Bedeutung. Dass er nun verschwindet, ist eine Ohrfeige für alle, die sich für die Kinokultur einsetzen“, sagt Mahn. „Das ist die Geißel der Privatisierung“, ergänzt Krauß. „Wenn man als öffentliche Aufgabe sieht, was in einem Haus passiert, muss es in öffentlicher Eigentümerschaft sein.“