Gebüsch wuchert über alte Bahngleise bei Markgröningen. Foto: picture alliance/dpa/Marijan Murat

Das Land Baden-Württemberg prüft 41 stillgelegte Bahnstrecken: Ist eine Reaktivierung sinnvoll? Jetzt nennt das zuständige Verkehrsministerium erstmals zwei „aussichtsreiche“ Kandidaten.

Stuttgart - Die 8500-Einwohner-Stadt Meßkirch (Kreis Sigmaringen) hat fast alles: sämtliche Schularten, attraktiven Einzelhandel, ein Hallenbad und mit dem Campus Galli – dem Bau einer karolingischen Klosterstadt – eine touristische Attraktion. „Aber wir sind von den Verkehrsadern abgeschnitten, wir haben keine Zugverbindung und der Landkreis Sigmaringen hat nicht mal eine Autobahn“, sagt Meßkirchs Bürgermeister Arne Zwick (CDU).

Die Alblachtalbahn, die einst von Ulm und Mengen über Meßkirch zum Bodensee führte, ist 1960 für den Personenverkehr stillgelegt worden, nur noch gelegentlich fährt dort ein Güterzug. Die Wiederinbetriebnahme der Strecke ist ein Wunsch von Zwick, und mit Genugtuung hat der Bürgermeister deshalb auf die Zustimmung des Bundesrates zur Änderung des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes (GVFG) am Freitag reagiert: Sie bringt zusätzliche Milliarden des Bundes für die regionalen Zugstrecken und sieht die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken sowie die Elektrifizierung von Schienensträngen als eigenständiges Förderziel an. „Das ist ein gutes Zeichen“, sagt Arne Zwick.

Ergebnisse der Studie werden im Herbst 2020 erwartet

Länder, Städte und Gemeinden fühlten sich bisher alleingelassen mit der Reaktivierung stillgelegter Bahngleise, das soll nun vorbei sein. Die Alblachtalbahn führte von Radolfzell – bis Stockach ist sie 1996 über das „Seehäsle“ wieder reaktiviert worden – und über Meßkirch bis nach Mengen und weiter nach Ulm. Berufspendler könnten nach Ulm, Touristen vom Bodensee zum Campus Galli in Meßkirch bequem per Zug fahren, erwartet Bürgermeister Zwick. „Wir haben einen Zuzug junger Familien. Eine Bahn könnte unsere Region wirtschaftlich beflügeln.“

So blendend wie der Kreis Biberach stehe die nämlich nicht da. Zwick ist zuversichtlich, dass man „die magische Zahl von 1000 Fahrgästen am Tag“ durch die Einbindung des Schülerverkehrs erreichen werde. Zwick bemängelt jedoch, dass im sogenannten standardisierten Bewertungsverfahren für die Förderung von Verkehrswegen der volkswirtschaftliche Nutzen im Vordergrund stehe: da hätten Ballungsräume stets Vorteile gegenüber dem ländlichen Raum.

Das Land Baden-Württemberg prüft derzeit 41 von 75 stillgelegten Bahnstrecken, inwieweit eine Reaktivierung sinnvoll ist. Im Herbst 2020 soll die Studie vorliegen. Im Kern ist an 15 Bahnlinien gedacht, die wiederbelebt werden könnten. „Viele der zwischen 1960 und 1990 stillgelegten Bahnstrecken haben heute noch ein hohes Fahrgastpotenzial.

Das wollen wir wieder heben, wo eine Reaktivierung möglich ist“, sagte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Auf die Frage, welche Strecken chancenreich sind, erklärte sein Sprecher Edgar Neumann: „Wir möchten keine Strecken nennen, um der Potenzialuntersuchung nicht vorzugreifen. Experten sehen aber beispielsweise die Strecke Ludwigsburg-Markgröningen oder die Zabergäubahn von Lauffen nach Leonbronn als aussichtsreiche Kandidaten.“

Politiker sprechen von einer „Riesenchance“ für Baden-Württemberg

Der grüne Bundestagsabgeordnete und Verkehrsexperte Matthias Gastel (Filderstadt) sieht die Reform des GVFG als Riesenchance für Baden-Württemberg, die jetzt einen Schub bei der Elektrifizierung von Strecken aber auch der Reaktivierung stillgelegter Gleise bringen müsse: „Ich denke zuvorderst an die 1945 stillgelegte grenzüberschreitende Strecke zwischen Freiburg und Colmar.“ Infrage kämen auch die Ablachtalbahn und die Zabergäubahn bei Heilbronn. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen hat in einem Bericht auch dem Wiederbetrieb der Strecken Rudersberg– Oberndorf-Welzheim und Blaufelden – Langenburg erste Priorität eingeräumt.

Thomas Dörflinger, CDU-Verkehrsexperte und Landtagsabgeordneter, sieht ebenso Chancen für eine Wiederbelebung von Strecken: „In Baden-Württemberg gibt es zahlreiche Strecken, bei denen sich eine Reaktivierung lohnen würde, gleichzeitig fehlt auf wichtigen Strecken die Elektrifizierung.“ Früher sei die fehlende Finanzierung der Flaschenhals gewesen, dass sei nun besser. „Der Bund fördert mit bis zu 90 Prozent die Schienenstrecken, nur zehn Prozent der Kosten müssen von Land und Kommunen erbracht werden – bisher waren es 40 Prozent.“ Gleichzeitig werden die GVFG-Mittel bis 2026 versechsfacht, so Dörflinger. „Das ist eine beispiellose Investitionsoffensive des Bundes für die Schiene, die es zu nutzen gilt.“

Auf dem Land trägt man sein Scherflein schon bei. So hat der Landkreistag Sigmaringen kürzlich 50 000 Euro reserviert für den Zweck der Gründung einer Interessengemeinschaft für die Alblachtalbahn.

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