Ein Unternehmen spendet, ein Vogel kämpft ums Überleben: In Waiblingen zeigt sich, wie Naturschutz zwischen Engagement, Symbolik und strukturellem Wandel funktionieren kann.
Das Rebhuhn ist zurück – zumindest für einen Moment. Ein scheuer Vogel, der einst selbstverständlich über die Felder rund um Waiblingen lief, heute aber vielerorts verschwunden ist. Nun steht er wieder im Fokus: als „Vogel des Jahres“ und als Symbol für eine Landschaft, die aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Der Motorsägenhersteller Stihl spendet 10.000 Euro an den Nabu Waiblingen, wie das Unternehmen selbst mitteilt. Das Geld soll helfen, Lebensräume für das Rebhuhn und andere Arten im Rems-Murr-Kreis zu sichern.
Strukturverlust bedroht Rebhuhn-Population in Waiblingen
Was fehlt, ist Struktur. Hecken, Blühstreifen, Feldgehölze – all das, was früher Felder gliederte, ist vielerorts verschwunden. Übrig bleiben große, intensiv bewirtschaftete Flächen. Für Arten wie das Rebhuhn bedeutet das: weniger Nahrung, weniger Schutz, weniger Nachwuchs.
Der Nabu Waiblingen versucht gegenzusteuern. Ehrenamtliche legen Blühflächen an, pflanzen Hecken und säen heimisches Saatgut aus. Drei Flächen bei Hohenacker und Bittenfeld sind bereits Teil dieses Biotopverbunds. Der Aufwand ist hoch: Pflege, Kontrolle, Nachpflanzungen – gerade in den ersten Jahren entscheidet sich, ob aus einer Idee ein funktionierender Lebensraum wird.
Lerchenberg in Bittenfeld: Ein Paradies für Rebhühner und Zugvögel
Ein besonders sichtbares Beispiel ist der Lerchenberg in Bittenfeld. Zwei Hektar Fläche, Blühstreifen, sogenannte Lichtäcker. Im vergangenen Winter hätten dort sogar Zugvögel Nahrung gefunden, heißt es. Auch erste Rebhähne seien nachgewiesen worden. Feldhasen und Rehe nutzten das Gebiet inzwischen ebenfalls.
Solche Erfolge sind fragil. Sie hängen an Pflege, Finanzierung und langfristiger Flächensicherung. Genau hier setzt die Spende an. Der Nabu wolle damit weiteres Saatgut und Heckenpflanzen finanzieren, erklärt der Vorsitzende Bruno Lorinser. Es gehe darum, „dauerhaft Lebensräume“ zu schaffen.
Rebhuhn: Indikator einer kriselnden Landschaft
Das Rebhuhn gilt unter Naturschützern als Gradmesser für den Zustand der Agrarlandschaft. Sein Verschwinden ist kein Zufall, sondern Folge struktureller Veränderungen.
- Der „Vogel des Jahres“ wird in Deutschland seit 1971 gekürt, seit 2021 per öffentlicher Online-Abstimmung.
- Z iel der Aktion ist es, auf bedrohte Arten und ihre Lebensräume aufmerksam zu machen.
- D as Rebhuhn (Perdix perdix) ist ein Bodenbrüter und auf strukturreiche Feldlandschaften angewiesen.
- Seine Bestände sind in Deutschland seit den 1980er Jahren massiv eingebrochen – regional um mehr als 90 Prozent.
- Hauptursachen sind intensive Landwirtschaft, Pestizideinsatz und der Verlust von Hecken und Brachen.
- Küken sind in den ersten Lebenswochen auf eiweißreiche Insekten angewiesen – fehlen diese, sinkt die Überlebensrate drastisch.
- Schutzmaßnahmen wie Blühstreifen, Hecken und sogenannte Lichtäcker gelten als zentrale Bausteine für eine Erholung der Art.
Nabu plant 100 Meter lange Niederhecke für Brutplätze
Doch ein Projekt allein wird die strukturellen Probleme kaum lösen. Der Nabu ist deshalb im Gespräch mit Landwirten, die Flächen bereitstellen könnten. Geplant ist unter anderem eine weitere Niederhecke, etwa 100 Meter lang. Sie soll Brutplätze schaffen, nicht nur für Rebhühner, sondern auch für Grau- und Goldammern.
Der Ansatz folgt einem größeren Prinzip: dem Biotopverbund. Einzelne Flächen sollen vernetzt werden, damit Tiere wandern, sich ausbreiten und stabile Populationen bilden können. Ohne diese Verbindungen blieben viele Schutzmaßnahmen isoliert – ökologisch wie politisch.
„Vor der eigenen Haustür“: Stihl setzt auf regionale Verantwortung
Stihl betont seine Nähe zur Natur und verweist auf seine Unternehmensgeschichte. Man wolle „vor der eigenen Haustür“ Verantwortung übernehmen, wird das Vorstandsmitglied Michael Prochaska zitiert. Das klingt nach regionaler Verwurzelung – und nach einem Trend, der längst auch Teil unternehmerischer Kommunikation ist.
Für den Nabu zählt am Ende vor allem die praktische Wirkung. Mehr Hecken, mehr Blühflächen, mehr Leben in einer Landschaft, die vielerorts verarmt ist. Ob das reicht, wird sich zeigen. Das Rebhuhn jedenfalls bleibt ein Gradmesser: für den Zustand der Felder – und für die Ernsthaftigkeit solcher Initiativen.