Marouan Abarriche besucht das Friedrich-Eugens-Gymnasium im Westen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Marouan Abarriche macht gerade Abitur am Friedrich-Eugens-Gymnasium. Er ist nebenbei Schülermentor, Fußballtrainer und Schiedsrichter. Die Baden-Württemberg Stiftung und die Robert Bosch Stiftung haben den 16-Jährigen nun als Stipendiat in das Programm „Talent im Land“ aufgenommen.

Stuttgart - Gelegentlich wird er beschimpft, mehr von den Eltern als von den Spielern. Aber das beunruhigt ihn kaum. Marouan Abarriche zuckt nur mit den Achseln und sagt: „Ich spiele ja schon lange Fußball und kenne mich aus. Ich schaue da drüber weg.“ Marouan engagiert sich seit einem Jahr als Schiedsrichter in der Fußballjugend. Aber er hat auch schon eine Ausbildung als Schülermentor gemacht. Ein halber Jahr ging das. Ein bisschen diplomatisches Geschick in Konfliktsituationen hat er also durchaus ja gelernt. Er kümmert sich seitdem auch um die Schüler der Unterstufe am Friedrich-Eugens-Gymnasium im Stuttgarter Westen, hilft ihnen bei den Hausaufgaben und beaufsichtigt auch mal die Spiel- und Sportbetreuung.

Fußball spielt er selbst, seit er vier Jahre alt ist, beim ASV Botnang. Eigentlich kam er nur dazu, weil als Kind Asthma hatte und der Arzt viel Sport empfahl. Dreimal die Woche trainiert Marouan, spielt in der Leistungsstaffel Stuttgart mit seiner Mannschaft. Inzwischen ist er längst selbst Trainer für die Bambinis in seinem Verein.

Die Jury war beeindruckt von seiner Zielstrebigkeit und seinem Verantwortungsgefühl

Das vielseitige Engagement von Marouan, 16 Jahre alt, hat die Jury von „Talent im Land“ (TiL) beeindruckt. Das Stipendienprogramm unterstützt begabte Schülerinnen und Schüler aus Baden-Württemberg, die aufgrund ihrer sozialen oder wirtschaftlichen Herkunft „Hürden zu überwinden“ haben auf ihrem Weg zum Abitur oder zur Fachhochschulreife, sagt Andreas Germann vom TiL-Büro in Tübingen.

Gefördert wird das Programm von der Baden-Württemberg- und der Robert-Bosch- Stiftung. Zusammen mit weiteren 50 Schülerinnen und Schülern aus dem Land ist Marouan zum 1. September in das aufgenommen worden. Sein Schulleiter Stefan Wilking habe einige Schüler angesprochen, erzählt er. Nur deshalb habe er sich beworben. Tagesablauf beschreiben, eigenen Lebensweg skizzieren, Zeugnisse vorlegen und dann noch ein Vorstellungsgespräch in der Bosch Villa im Stuttgarter Osten – das gehörte alles zum Prozess. Kurz vor den Sommerferien habe er dann die E-Mail erhalten, dass er aufgenommen worden sei. „Meine Eltern haben sich sehr gefreut“, sagt er.

Die soziale und ökonomische Herkunft beeinflusst immens den Werdegang

Die Herkunft entscheidet in Deutschland häufig über den Bildungserfolg und damit über den späteren Lebensweg. Dabei geht es nicht nur um Finanzielles. Manche Stipendiaten hätten Schicksalsschläge in der Familie erlitten oder die Eltern seien erst spät nach Deutschland gekommen, sagt Germann und betont: „Die Stipendiaten wählen wir vor allem aus, weil sie was auf dem Kasten haben.“

Marouan ist in Deutschland geboren, seine Eltern stammen aus Marokko. Seiner Lehrerin ist er aufgefallen, weil er eben nicht nur ein sehr guter Schüler ist, sondern sich viel engagiert und außergewöhnlich zielstrebig ist. Er engagiere sich auch sehr in der Klasse, übernehme Verantwortung, heißt es in der Begründung der TiL-Jury.

Monatlich erhält Marouan nun eine Unterstützung von 150 Euro, für Ausflüge kann er einen Zuschuss beantragen. „Ich war jetzt drei Wochen beim Schüleraustausch in Indien“, erzählt er. Die Stipendiaten machen zusätzlich mehrmals im Jahr gemeinsam Seminare zu Themen wie Rhetorik, Zeitmanagement, Theater oder Studienorientierung. Das erste Wochenende mit den anderen Stipendiaten in der Akademie Bad Boll hat Marouan schon hinter sich. „Da haben wir uns gegenseitig interviewt“, erzählt er. Was sie für Stärken hätten und was sie besonders gut können.

Nach dem Abitur möchte er für ein soziales Jahr nach Afrika

Marouan hat schwarze Haare, trägt wie viele Jungs in seinem Alter Sneakers und Kapuzenjacke und wirkt auf den ersten Blick etwas schüchtern, lacht aber viel. Auf Fragen zu seinen Leistungen antwortet er gerne knapp „Joa, stimmt“ oder nur „ja“. Er macht eben gerne viel und Fußball ist halt auch irgendwie sein Leben. Das ist für ihn nicht so besonders. In seinem Verein ist sein Vater der Trainer, der kleine Bruder spielt dort und die Mutter sei immer bei den Spielen dabei, erzählt er. Nur seine Zwillingsschwester habe mit Fußball nichts zu tun.

Über seine Zukunft macht er sich dafür umso mehr Gedanken. Was er später einmal machen möchte? „Ich hatte da oft schon ein Sinneswandel“, gesteht er. Naturwissenschaften mag er gerne. Er schwanke aber nun zwischen Maschinenbau und Medizin. Sein Dilemma: „Ich bin noch auf der Suche nach einem Beruf, wo ich selbst etwas entwickeln kann, ein Produkt, vom Anfang bis zum Ende.“ Nach dem Abitur möchte er aber erst ein freiwilliges, soziales Jahr (FSJ) machen. Am liebsten in Afrika, dort kommt seine Familie her, dort hat er noch einige Verwandte. „Ich möchte medizinisch helfen in einem Krisengebiet“, so seine Pläne.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: