Kritisch wird es, wenn vor lauter Arbeit die Erholung zu kurz kommt Foto: Ute Grabowsky/photothek.net

Burn-out ist der Dauerbrenner. Veranstaltungen zu diesem Thema und zu Fragen der Work-Life-Balance werden besonders von Firmen nachgefragt, sagt Fred Christmann, Leiter der Stiftung Psyche, die Anfang des Jahres in der Johannesstraße eröffnet hat.

S-West - Burn-out ist der Dauerbrenner. Veranstaltungen zu diesem Thema und zu Fragen der Work-Life-Balance werden insbesondere von Firmen nachgefragt, sagt Fred Christmann, der Leiter der Stiftung Psyche. Die Einrichtung mit ihrer Dauerausstellung „Brechungen der Seele“ hat erst Anfang des Jahres an der Johannesstraße 75 eröffnet. Die wissenschaftliche Ausstellung befasst sich mit Themen wie Glück, Angst, Konformität, Autorität, Persönlichkeit, den Geschlechterrollen und der Work-Life-Balance.

„Unser Ziel ist es, dass die Menschen sich besser verstehen. Dann begreifen sie auch eher, wie wir besser leben und zu besseren Menschen werden können“, erklärt der Psychotherapeut Christmann. Das Haus bietet bei Beratung und Coaching die Möglichkeiten, einzelne Themen zu vertiefen. Offenbar trifft die Einrichtung den Nerv der Zeit, denn schon macht man sich dort Gedanken über eine mögliche Erweiterung der Ausstellung.

Oft sind es einfache Mechanismen, die es zu begreifen gilt, sagt Christmann. Burn-out etwa beschreibt er schlicht als „Missbalance von eigenen Kompetenzen und Anforderungen“. Auslöser sei nicht ein einzelnes Ereignis, sondern eine Anhäufung alltäglicher Überlastungen. „So lange es genug Ressourcen gibt, die Familie zum Beispiel, und so lange jemand genug Erholung genießt, kann man das auffangen.“ Problematisch werde es, wenn der Ausgleich fehle. Erholung bedeute, „einfach die Zeit verstreichen lassen“ – am besten im Grünen. Doch die Menschen setzten sich in ihrer Freizeit hohen Leistungsanforderungen aus. „Wir definieren uns heute sehr stark über unsere Aktivitäten“, sagt Christmann. Die Menschen strebten danach, in möglichst wenig Zeit möglichst viele Dinge zu verrichten.

Ganz falsch, urteilt Christmann. „Nehmen wir das Putzen, was ja auch zur Freizeit gehört, weil man seine Sachen in Ordnung halten möchte. Man sollte auch dabei ganz bei der Sache sein und nicht 100 andere Dinge im Kopf haben. Die Gedanken sollten weder in die Vergangenheit noch in die Zukunft wandern, sondern sich auf den Moment konzentrieren.“ Christmann beschreibt eine meditative Grundhaltung. Er selbst spricht von „Achtsamkeit“, und diese lasse sich in fast jeder Lebenslage anwenden – auch beim Putzen.

Das Thema Burn-Out begleitet den Psychotherapeuten schon seit mittlerweile drei Jahrzehnten. Es ist ein relativ junges Phänomen, das nach Auffassung von Christmann in engem Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen entsteht. Ein Burn-Out ist auch die Ursache dafür, dass es die Stiftung Psyche überhaupt gibt: In den 1980er Jahren tauchte der ausgebrannte Landwirt Gerhard Alber in Christmanns Praxis auf. Der Hofbesitzer aus Altdorf bei Böblingen hatte bereits mehrere körperliche Zusammenbrüche erlitten; die behandelnden Ärzte konnten ihm nicht mehr zu helfen. Anfangs hat sich der knurrige Bauer gegen den Seelenklempner gesträubt, doch im Lauf der Zeit kamen sich Alber und Christmann näher.

Befreit von seiner Scham, versagt zu haben

Albers Geschichte war diese: Im Zweiten Weltkrieg hatte er seine gesamte Familie verloren und stand nun als 16-Jähriger vor der Herkulesaufgabe, den seit Generationen vererbten Hof allein zu führen. Das schaffte er auch, so lange er jung und kräftig war. Nur fand er keine Zeit, eine Frau zu finden und eine Familie zu gründen. So blieb Gerhard Alber allein und kümmerte sich um die Felder und versorgte das Vieh, bis er Mitte fünfzig war und das erste mal umkippte. Im Krankenhaus päppelten sie ihn wieder auf, und er konnte weiterschuften – bis zum nächsten Zusammenbruch. Als er bei Christmann im Sessel saß, glaubte er noch immer, dass er irgendwann eine Frau finden und Nachfahren zeugen würde, die den Hof übernehmen würden.

Ihm diesen Zahn zu ziehen, hat Christmann viel Mühe gekostet. Irgendwann musste Alber einsehen, dass der Plan nicht mehr realisierbar war. „Sein Problem hatte darin bestanden, dass er glaubte, versagt zu haben, weil er niemandem die Landwirtschaft weitergeben konnte.“ Aber im Laufe der Sitzungen habe er „gemerkt, dass es hilft, seinen Lebensweg zu betrachten“. Christmann und Alber kamen überein, dass nach dem Tod des Landwirts der Hof verkauft wird und das Geld in eine Stiftung fließen soll, mit der Menschen geholfen wird. „Er war von da an befreit von seiner Scham, versagt zu haben. Und es hatte weiterhin einen Sinn für ihn, sparsam zu leben und das Sach’ zusammenzuhalten“, erzählt Christmann.

Schließlich wurde 1986 die Gerhard-Alber-Stiftung gegründet. Der Stifter legte in seinem Nachlass fest, dass sie sich der ganzheitlichen Behandlung von körperlichen und psychischen Erkrankungen widmet sowie der Förderung von Gesundheitsvorsorge und Rehabilitation. Die Stiftung Psyche an der Johannesstraße ist die gemeinsame Plattform der gemeinnützigen Einrichtungen Gerhard-Alber-Stiftung und Stiftung Psyche und Verhaltensmedizin. Ziel beider Einrichtungen ist es, einen Beitrag zur Steigerung des psychischen Wohlbefindens zu leisten und Wissen rund ums Thema Psychologie zu vermitteln.

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