Steven Spielberg macht schon länger Fernsehen als Kino – und könnte noch für Überraschungen gut sein. Foto: dpa

Apple will künftig eigene TV-Serien liefern. Für das Streaming-Angebot hat man sich gleich einen großen Namen gesichert: Steven Spielberg soll seine „Amazing Stories“ von 1985 neu auflegen. Ist das nun Nostalgie oder Zukunftsvision?

Stuttgart - Wie groß Apple denn ins Streaming-Geschäft einsteigen wolle? Eher kleiner, lässt dieser Neuling in der Welt der Serienproduktion bislang verlauten, man wolle keinesfalls mit dem Platzhirsch Netflix gleichziehen. Eine Milliarde Dollar werde man im ersten Jahr ins Programm stecken. Netflix gibt pro Jahr sechs Milliarden fürs Programm aus.

Allerdings sind die Manager bei Apple Meister der widersprüchlichen Signale. Anfang Oktober haben sie verkündet, eine ihrer ersten Verpflichtungen sei Steven Spielberg: Der werde als Produzent zusammen mit dem Autor Bryan Fuller („Star Trek: Discovery“) seine Achtziger-Jahre-TV-Serie „Amazing Stories“ für Apple neu aufleben lassen.

Zunächst scheint das eine fast rührend schlecht beratene Geste eines auf Imagezauber fixierten Konzerns zu sein, dessen Manager nicht merken, dass aus ihrem Anspruch auf Zukunftsvisionen bereits wieder Nostalgie geworden ist. Steven Spielberg ist zwar noch immer einer der größten Namen in der Kinowelt, aber die Zeiten, in denen seine neuen Werke Box-Office-Rekorde aufstellten, liegen lange zurück. Setzt man mit einem Kinogiganten der Achtziger auf das völlig falsche Pferd? Hätte Apple sich nicht junge, hungrige TV-Talente suchen sollen, die bereits mit dem neuen Serienwunder, mit „Mad Men“, „The Wire“ und „Breaking Bad“, groß geworden sind?

Das könnte durchaus sein. Aber vorschnell sollte man Steven Spielberg nicht abschreiben. Das Fernsehen ist ihm keineswegs fremd, es ist auch nicht so, dass er es in seiner Karriere immer nur nebenher, eher durch das Herleihen seines Namens als durch eigene kreative Involviertheit betrieben hat – obwohl es solche Phasen gegeben zu haben scheint.

Die große Chance des Praktikanten

Steven Spielberg hat beim Fernsehen begonnen und dort Freiheiten bekommen, die das Kino ihm nicht gewährt hätte. Spielberg hatte als junger Filmstudent – übrigens keiner, den seine Professoren besonders empfohlen hätten, und das, obwohl er nicht einmal an einer der Elite-Filmschulen des Landes gelandet war – ein Praktikum als Gehilfe in der Schnittabteilung des Studios Universal ergattert. Dort gab man ihm auch die Chance, einen eigenen Kurzfilm zu drehen, „Amblin’“ – heute heißt Spielbergs Produktionsfirma so.

Sidney Sheinberg, der Vizepräsident von Universal, mochte das Filmchen sehr. Er gab dem 21-Jährigen ohne Studienabschluss in einem Akt risikofreudiger Autokraten-Großzügigkeit einen Vertrag als Regisseur: Er solle doch in der Fernsehabteilung einmal zeigen, was er könne. Und so drehte Spielberg in einem Prozess von Lernen-durch-die-Praxis in den nächsten Jahren erst ein paar TV-Serienfolgen und dann einen Reißer, den man bis heute mit Vergnügen anschauen kann: „Duel – Das Duell“ (1971), die Geschichte vom dämonischen Tanklastwagen, der auf einem einsamen Highway Jagd auf einen Kleinwagen und dessen Fahrer macht.

Zwischen allen Stühlen

Dass sich in diesem auf Märchenmotive und Adrenalinschübe setzenden TV-Film eine Kinorevolution ankündigte, erkannte verständlicherweise noch nicht jeder. Der Jungregisseur saß ja eher zwischen allen Stühlen: Die alte Garde des formelhaft und behäbig gewordenen Hollywood-Kinos hätte alles viel gestelzter haben wollen. Das New Hollywood aber, wie die Revoluzzer genannt wurden, die gerade die aufregendsten amerikanischen Filme wie „Easy Rider“ drehten, hätte das politisch aufgezogen, mit Verweisen auf die Flower-Power-Bewegung hie und den Vietnamkrieg da.

Spielberg aber war überzeugt, dass die Zuschauer, gerade die jungen, im Kino anders angesprochen werden wollten. Er setzte bei Emotionen wie bei Action auf mehr Unmittelbarkeit. Er traute Mythen- und Märchenmotiven mehr Faszinationskraft zu als brisanten gesellschaftskritischen Motiven, und er glaubte an das Bedürfnis nach Staunendürfen, daran, dass die Leute im Kino immer einen Illusionsgrad des Unheimlichen, Fremden oder Überirdischen erleben wollten, der zuvor noch nicht erreicht worden war.

Verklemmte Helden in einem trägen Medium

Der 1946 in Cincinnati, Ohio geborene Spielberg hat sich nie als Teil des jeweils herrschenden Hollywood gesehen. Eher als dessen Widerpart, als einer, der sich gegen Strömungen stellte – was man leicht vergisst, wenn man an wegweisende Erfolge wie „Der Weiße Hai“, die „Indiana ­Jones“-Reihe, „E. T.“ oder „Jurassic Park“ denkt. Mit den „Amazing Stories“ wollte Spielberg seine Offensive hochvitalisierter Märchen ab 1985 auch ins Fernsehen bringen.

Der brave Spielberg – und der andere

Angesichts des gigantischen, trägen US-TV-Markts von damals ist ihm die Revolte nicht in gleichem Maße wie im Kino gelungen. Über die Jahre hin wirkten Spielbergs adrette TV-Produktionen wie „Sea Quest“ und „Terra Nova“mit ihrer sauberen Sprache und ihren netten Helden immer naiver, verklemmter und altbackener, je mehr sich die Kabelproduktionen von HBO und anderen TV-Renegaten von strikten Fesseln und Zensurauflagen befreiten und neue Maßstäbe für Sex, Gewalt, Sprache und Charakterambivalenz aufstellten.

Aber das ist eben nicht der ganze TV-Spielberg. Mit Tom Hanks hat er die Zweite-Weltkrieg-Serien „Band Of Brothers“ (2001) und „Pacific“ (2010) produziert, die nicht nur alles läppisch aussehen ließen, was das Fernsehen bis dahin zum Thema geboten hatte, sondern auch Kinofilmen durch clevere Ausnutzung der dramaturgischen Möglichkeiten der Miniserie voraus waren. Es gibt durchaus noch jenen Steven Spielberg, der Lust hat, die Regeln neu zu schreiben, der auch mal verstören und nicht nur gefallen will.

Interessant ist auch die Konstellation, dass der Streamingdienst Netflix einen seiner größten Erfolge mit der TV-Serie „Stranger Things“ feiert, die sich offen auf Spielbergs Mix aus Science-Fiction und US-Idyll in den Achtzigern bezieht. In gewisser Weise tritt Spielberg also gegen sich selbst an, gegen einen jüngeren Doppelgänger. Was immer ihm dazu einfallen mag – Apple hätte genügend Reserven, ihn das Projekt umsetzen zu lassen. Bei der Grenze von einer Milliarde Programmbudget muss es vermutlich nicht unbedingt bleiben.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: