Steuern Europas Brauer sind sauer

Von Detlef Fechtner, Brüssel 

  Foto: dpa
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Weil hochprozentiger Alkohol billiger ist als Bier, wechseln immer mehr zu Wodka.

Brüssel - Europas Bierbrauer schlagen Alarm. Stark verdünnt, also etwa als Bier, ist Alkohol teurer als in hochprozentigen Mischungen. Das führe dazu, dass immer mehr Konsumenten vom Bier zu Wodka, Scotch & Co. wechselten.

Nüchtern betrachtet ist es recht teuer, sich ausgerechnet mit Bier zu betrinken. Zumindest wenn man einer neuen Studie von Europas Brauern folgt. Um einen Liter puren Alkohol zu sich zu nehmen (was natürlich niemand wirklich ausprobieren sollte), müssten sich Schnapstrinker mit harten Sachen für 65 Euro im Supermarkt eindecken. Für Weinliebhaber wäre die gleiche Menge Alkohol bereits 77 Euro teuer. Und Bierfans müssten sogar 84 Euro investieren.Selbstverständlich haben die Bierlobbyisten einen Hintergedanken, wenn sie solche Zahlen zusammenstellen. Ihre Studie richtet sich an Europas Politiker und soll sie abhalten, die Steuern auf Bier anzuheben - und erst recht nicht an die heute schon höheren Sätze für Hochprozentiges anzupassen. Denn dann, so warnen die Brauer alarmiert, würden die Verbraucher vom heute ohnehin schon relativ teuren Bier endgültig auf Wodka oder Wein umsteigen - oder von der Theke auf den Getränkeladen. Der Staat verlöre Geld, viele Menschen ihre Arbeit - behaupten jedenfalls die Brauer.

Konkret geht die Untersuchung der Frage nach, was passieren würde, wenn die Biersteuern in Europa um 20 Prozent erhöht würden. In einigen Ländern Europas sind die Sätze in den vergangenen Jahren angehoben worden, in anderen wird ein Aufschlag immer wieder diskutiert - insbesondere in Zeiten knapper Kassen. Die nationalen Regierungen bestimmen die Sätze selbst, die EU setzt ihnen allerdings einen Mindestrahmen. Auch in Brüssel ist das Thema regelmäßig auf dem Tisch, weil eine Annäherung der europäischen Sätze angestrebt wird. Dabei ist bereits wiederholt der Vorschlag eines Einheits-Mindestsatzes für Bier und andere Alkoholika aufgetaucht, der die Brauer arg besorgt.

Kneipenbesucher reagieren sensibel

Denn die Kundschaft reagiere durchaus sensibel auf höhere Preise, berichtet die Studie. Das gelte vor allem für Kneipenbesucher. Da wiederum ausgerechnet dort Steuererhöhungen schneller und umfangreicher an die Biertrinker durchgereicht würden als im heiß umkämpften Einzelhandel, drohe bei stärkerer Steuerlast ein herber Nachfrageeinbruch - und ein noch heftigerer Rückgang der Gewinne in der Bierindustrie.

Denn die Bierindustrie ist ein Geschäft, das stärker als andere auf Masse angewiesen ist. Die Fixkosten sind für die Brauer recht stabil - ganz egal, ob sie hundert oder hunderttausend Hektoliter produzieren und unabhängig davon, ob sie tausend oder zehntausend Kästen und Fässer ausliefern müssen. Wenn deshalb die Nachfrage nachgibt, sinken die Kosten kaum - wohl aber der Profit entsprechend deutlich.

Die Studie des Branchenverbands kommt zum Ergebnis, dass drei Prozent weniger Absatz die Gewinne gleich um elf Prozent drücken. 70000 Arbeitsplätze seien ernsthaft bedroht, falls Europas Staaten die Biersteuern um ein Fünftel erhöhten, glauben die Brauer. Und die Finanzminister hätten noch nicht einmal Mehreinnahmen, weil den höheren direkten Einnahmen aus der Biersteuer geringere Erlöse in der Einkommen- und Körperschaftsteuer gegenzurechnen seien. Weil außerdem - wegen des von der Bierlobby prophezeiten Kneipensterbens im Falle höherer Steuern - mehr Gastwirte, Kellner und Zulieferer arbeitslos und auf staatliche Stütze angewiesen wären, kämen für Europas Regierungen unterm Strich weniger Euro in die Haushaltskassen. Die Rede ist von mehr als 100 Millionen Euro allein im ersten Jahr nach einer Biersteuererhöhung.

Briten wechseln schneller

Die Studie zeigt allerdings auch, dass die Auswirkungen in Großbritannien und vielen anderen EU-Staaten gravierender wären als in Deutschland. Denn hier ist die Elastizität der Biernachfrage wesentlich niedriger als in Tschechien und England oder gar Frankreich oder Polen. In anderen Worten: Selbst bei steigenden Preisen bleiben die Deutschen länger ihrem Weizen, Pils oder Export treu und wechseln nicht zu Rosé, Riesling oder gar Scotch.

 

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