Zwei kleine Füße, die nie gelaufen sind. Noel kam mit 2598 Gramm auf die Welt, Liam mit 1840 Gramm. Foto: Agnes Trescher

Katrin Lasinski verliert Liam und Noel, eineiige Zwillinge, kurz vor der Geburt. Inzwischen hat die Ingersheimerin zwei weitere Söhne und hilft Eltern von Sternenkindern mit ihrer Initiative Wolkenband.

Katrin Lasinski ist eine echte Jungsmama. Die 36-Jährige hat vier Söhne. Lachen, umarmen, spielen und diskutieren kann sie aber nur mit zwei von ihnen. Die anderen beiden, eineiige Zwillinge, sind Sternenkinder. Liam und Noel kamen am 10. Dezember 2017 auf die Welt. Ihre Herzen hatten jedoch schon im Mutterleib zu schlagen aufgehört.

 

Ein Schicksalsschlag, der die Ingersheimerin traf, aber nicht brach. Katrin Lasinski steckt trotz erlebter Verluste mit ihrem Optimismus und ihrer Lebensfreude an. Dabei hatte sie schon im Alter von 14 Jahren das erste Mal mit dem Tod eines geliebten Menschen umgehen müssen: Ihr 17-jähriger Bruder verunglückte als Beifahrer bei einem Unfall. 2020 starb ihre Mutter unerwartet und kurz vor ihrer Hochzeit. „Ich habe schon früh gemerkt, dass der Tod zum Leben gehört.“

Risikoschwangerschaft – aber dennoch lief alles gut

Drei Jahre davor erleben Katrin und Sven Lasinski, was niemand erleben sollte. Am Ende einer besonderen, aber an sich unkomplizierten Schwangerschaft bekommt die werdende Mutter in der Nacht auf den 8. Dezember – ein paar Wochen vor dem errechneten Geburtstermin – nachts plötzlich Schmerzen. Lasinski ist mit eineiigen Zwillingen schwanger. Sie haben zwar getrennte Fruchtblasen, teilen sich aber eine Plazenta. „Es durfte kein Blutaustausch stattfinden, aber die Versorgung der beiden war gut, es hat eigentlich immer alles gepasst“, erinnert sie sich.

Noch am 7. Dezember hatte der Frauenarzt das Paar mit der Botschaft entlassen: „Es ist alles in Ordnung.“ Am Tag darauf erfahren die beiden jedoch, dass nichts in Ordnung ist. „Ich konnte die Schmerzen, die in der Nacht kamen, nicht einordnen. Als ich morgens nicht mal mehr richtig laufen konnte, fuhren wir ins Krankenhaus.“

Eine Sternenkind-Fotografin schafft Erinnerungen, für die Katrin und Sven Lasinski dankbar sind. Sie zu zeigen – auch um Tabus zu brechen – ist der Sternenmama wichtig. Foto: Agnes Trescher

Hebammen und Ärzte finden keine Herztöne. „Irgendwann rief mein Mann in seiner Verzweiflung: Sagen sie doch, dass die Herzen stillstehen“, erinnert sich Katrin Lasinski an den Moment, an dem auch ihre Welt stillstand. „Wir standen unter Schock, haben viel geredet und viel geweint.“

Ursache für den Tod der Babys war das Fetofetale Transfusionssyndrom (FFTS) – ein Krankheitsbild der Plazenta, das bei Schwangerschaften mit eineiigen Zwillingen entstehen kann, wenn die Blutversorgung nicht ausgeglichen ist. Am Ende war Noel über- und Liam unterversorgt.

Die Geburt der Zwillinge wird eingeleitet, aber es dauert bis zum 10. Dezember, bis Katrin Lasinski sie auf die Welt bringt. Ihre Gefühle sind zwiegespalten. „Ich war erleichtert, dass der Schmerz endlich weg war, aber ich wollte die beiden anfangs nicht auf den Arm nehmen.“

Dankbar für Fotos mit den Zwillingen

Das machen Sven Lasinski und die Großeltern. Katrin Lasinski funktioniert derweil weiter – und organisiert eine Sternenkind-Fotografin. Diese bewegt sie dann auch mit sanftem Druck dazu, Liam und Noel auf den Arm zu nehmen. Rückblickend ist die 36-Jährige dankbar für die Erinnerungen, die im Haus in Ingersheim einen Platz gefunden haben.

Freunde und Familie schickten die Zwillinge mit auf die Reise. Foto: privat

Noch am selben Abend werden Liam und Noel von einem Seelsorger im Klinikum Winnenden gesegnet. Um ihren Kindern jederzeit nahe sein zu können, werden die Zwillinge im Klinikum Winnenden von der Leiterin des Kreißsaals mit Kühlakkus in einen Korb gebettet. „Sie kamen nicht in die Pathologie, wir konnten sie besuchen. Die Menschlichkeit, die wir dort erlebt haben, war enorm“, sagt Katrin Lasinski. Am Tag darauf fährt das Paar nach Hause – ohne die beiden Kinder. Der Trauerprozess ist ein Auf und Ab, geprägt von Wut, Hass und Schmerz.

Mit der Beerdigung lässt sich das Paar Zeit. Wiegt ein Baby mehr als 500 Gramm muss es beerdigt werden. Aber: In Deutschland darf ein Kind lediglich mit der Mutter zusammen beerdigt werden – nicht mit einem Geschwisterkind. „Wir mussten zig Anträge stellen, dass die beiden zusammen beerdigt werden konnten“, erzählt die vierfache Mutter.

Dritter Sohn kommt exakt ein Jahr später auf die Welt

Eigentlich wird den Müttern von Sternenkindern geraten, nicht gleich wieder schwanger zu werden, doch die Lasinskis vertrauen auf ihr Gefühl. Sohn Lino kommt exakt ein Jahr nach der Geburt seiner Brüder auf die Welt – am 10. Dezember 2018. Der Vierte im Bunde, Bruder Marlo, ist inzwischen drei Jahre alt.

Die Zwillinge spielen im Leben der Familie eine große Rolle. „Sie sind immer da. Sie sind im Himmel und passen auf uns auf“, sagt Katrin Lasinski und schickt ein Lächeln nach oben. Der Geburtstag von Lino ist immer mit einem Besuch auf dem Friedhof verbunden. „Ohne die beiden hätten wir Lino nicht.“

Katrin Lasinski näht Kissen für die Verstorbenen. Foto: Gottfried Stoppel

Das Erlebte war für Katrin Lasinski und ihren Mann schmerzhaft und lehrreich zugleich. „Man schätzt das Leben viel mehr, denn wir Menschen denken ja immer, wir hätten alles unter Kontrolle“, sagt sie. Ihre Erfahrungen teilt die Sternenmama mit Betroffenen – auch mit dem Ziel, Lücken zu schließen.

„Die Flyer für betroffene Sternenkinder-Eltern sind oft veraltet. Im Landkreis Ludwigsburg und im Rems-Murr-Kreis gab es damals keine Selbsthilfegruppen, in Stuttgart eine – in einer Hebammenpraxis“, erinnert sich die Ingersheimerin, die 2019 eine Gruppe in Waiblingen anbot.

Zwei Gesprächskreise – einer in Ingersheim, einer in Heilbronn

2020 zieht die Familie zurück in den Heimatort der 36-Jährigen. Die Gruppe in Waiblingen gibt sie ab und ruft in Ingersheim einen neuen Gesprächskreis ins Leben. Die offene Gruppe trifft sich einmal monatlich im Gemeindehaus in Großingersheim. Auch in Heilbronn leitet die Sternenmutter eine Gruppe.

Die Bezeichnung Wolkenband hat eine tiefere Bewandtnis. „Als Sterneneltern fühlt man sich zunächst allein. Aber es gibt ganz viele Eltern mit ähnlichen Schicksalen.“ Sie zu einem Wolkenband zu verbinden und mit einander ins Gespräch zu bringen, das sei das Ziel ihrer Initiative. Außerdem komme und gehe Trauer wie ein Wolkenband.

An der Hope’s Angel Akademie lässt sich die Ingersheimerin in einem Fernstudium ausbilden. Die von der Sterbe- und Trauerbegleiterin Birgit Rutz gegründete Organisation begleitet Familien sowie Fachkräfte bei frühem Kindstod vor, während oder nach der Geburt und nach schwerwiegenden pränatal-medizinischen Diagnosen.

Lasinskis Ziel: „Ich möchte im Landkreis Ludwigsburg der Notfallbutton sein. Die Klinik ruft mich an, und ich komme und unterstütze die Betroffenen, die kompetente Beratung, auch zu rechtlichen Dingen, oder einfach Tipps brauchen.“

Die Offenheit der Kliniken dafür sei unterschiedlich groß. Es gebe auch Kliniken, die das Thema Sternenkinder nicht ernst nehmen und keine Notwendigkeit für eine intensive Begleitung der Familien sehen. „Ich musste mir auch schon sagen lassen, dass man keine Zeit für tote Kinder habe.“

Aufgeben ist für Katrin Lasinski jedoch keine Option. „Ich hoffe auch, dass Krankenkassen irgendwann ein Budget dafür aufmachen, denn wenn Eltern von Anfang an gut begleitet werden, kann das auch Folgekosten für eine Reha sparen.“

Urkunde
In Deutschland führt die Statistik zwischen 3500 und 4000 Totgeburten. Seit 13. Mai 2013 dürfen Sternenkinder unabhängig von ihrem Gewicht beim Standesamt als Mensch erfasst werden und offiziell einen Vornamen tragen. Eltern können eine offizielle Geburtsurkunde ausstellen lassen.

Bestattung
Dadurch können alle Sternenkinder bestattet werden. In vielen Bundesländern war das bereits vor 2013 möglich. Eltern mussten dafür allerdings erhebliche bürokratische Hürden überwinden, wenn die Gewichtsgrenzen des Kindes unter 500 Gramm lag. Das war direkt nach dem traumatischen Ereignis eine enorme zusätzliche Belastung.“