Stern von Bethlehem: Wahrheit oder Legende? Jupiter und Saturn weisen den Weg

Von Hans-Ulrich Keller 

Der Schweifstern über der Krippe in Bethlehem: Fresko des italienischen  Malers Giotto  di Bondone in der Scrovegni-Kapelle in Padua. Foto: Wikipedia
Der Schweifstern über der Krippe in Bethlehem: Fresko des italienischen Malers Giotto di Bondone in der Scrovegni-Kapelle in Padua. Foto: Wikipedia

Der Evangelist Matthäus berichtet, dass Sternendeuter aus dem Morgenland dem Jesuskind in Bethlehem huldigten. Stimmt diese biblische Schilderung, oder handelt es sich um einen Mythos?

Stuttgart - Zeitalter der Raumfahrt ist man ­geneigt, die Geschichte des Sterns von Bethlehem, der den Heiligen Drei Königen aus dem Morgenland den Weg zur Krippe wies, als fromme Legende abzutun. Die Frage aber bleibt: Gab es zur Zeit von Christi Geburt ein astronomisches Ereignis, das als Stern von Bethlehem gedeutet werden kann?

Heute wissen wir, dass den Historikern bei der Bestimmung des Geburtsdatums einst ein Fehler unterlaufen war. Nicht im Jahre null erblickte Jesus das Licht der Welt, sondern sechs Jahre vorher. War ­damals ein besonderes Himmelsereignis beobachtet worden? Ein heller Komet, ein plötzlich auftauchender neuer Stern oder eine seltene Planetenkonstellation? Nach welchem Phänomen muss man suchen?

Babylon, die sterbende Stadt

Die Erzählung vom Weihnachtsstern, der den frommen Männern aus dem Morgenland den Weg wies, basiert auf den Schilderungen im Matthäusevangelium (Kapitel 2, Vers 1–10): „Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Bethlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem.“

In der biblischen Erzählung ist weder von Königen die Rede noch von der Zahl Drei, sondern nur von Sterndeutern, die „aus dem Osten kamen“. Von Palästina aus gesehen lag ­Babylon in östlicher Richtung. Die Sterndeuter oder Magier waren möglicherweise Tempelpriester der dortigen Stadtgottheit Marduk, hochgebildete Menschen, die ihre astronomischen Beobachtungen und Kenntnisse auf Tontäfelchen in Keilschrift notierten.

Babylon war damals schon eine sterbende Stadt. König Seleukos II. hatte in der Nähe Babylons eine neue Metropole gegründet, die er sich zu Ehren Seleukia nennen ließ. Soldaten, Kaufleute, Bauern und Handwerker folgten ihm. Zurück blieben in Babylon die Sterndeuter, die den Tempel Marduks bewachten. Da sie gelehrt waren, kannten sie die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit. Sie wussten, dass König Herodes im fernen Jerusalem alt und krank war – und dass die Juden die Geburt eines Retters herbeisehnten.

Stern von Bethlehem – eine planetarische Begegnung?

Die babylonische Stadtgottheit Marduk wurde durch den Planeten Jupiter repräsentiert. Saturn galt den Babyloniern als Gott der Juden mit Namen Kewan. Die Entzifferung von Keilschrifttexten, die einen tieferen Einblick in die spätbabylonische Astronomie ermöglichen, hat eine Hypothese bekräftigt, die schon der Astronom Johannes Kepler (1571–1630) vertrat: Der Stern von Bethlehem war eine Große Konjunktion, das heißt die Begegnung der Planeten Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische im Jahre sechs vor Christus.

Die babylonischen Astronomen waren Priester und Wissenschaftler in einer Person. Durch das Wissen von Generationen und ihre eigenen Beobachtungen konnten sie die Bahnen von Sonne, Mond und Planeten berechnen und ihre Positionen vorhersagen. In den Gestirnen sahen sie Götter und Dämonen, ihren Lauf deuteten sie als Willensäußerungen der Gottheiten. Der astronomische Tierkreis war nach Ländern aufgeteilt. Das Sternbild Fische symbolisierte Palästina. Und nun traf sich Jupiter in den Fischen dreimal mit Saturn. Dieses seltene Ereignis war für sie ein deutliches Zeichen, dass ein König in Jerusalem zur Welt ­kommen werde.

„Als König Herodes das hörte, ­erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem“

So machten sich die Sterndeuter auf die beschwerliche Reise ins ferne Palästina, um dem Neugeborenen zu huldigen. Die Bibel berichtet, das König Herodes nicht ­wenig überrascht über den Besuch war, denn weder er noch seine Berater wussten etwas von einem König oder einem hell leuchtenden Stern. „Als König Herodes das hörte, ­erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem“ (Kapitel 2, Vers 3).

In vielen künstlerischen Darstellungen sieht man den Weihnachtsstern als Kometen abgebildet. So hat beispielsweise der Florentiner Maler Giotto di Bondone (1267–1337) im 13. Jahrhundert auf einem Fresko in der Scrovegni-Kapelle in Padua den Stern von Bethlehem über der Krippe als Schweifstern gemalt. Das Fresko wurde 1304 vollendet. Giottos Vorbild für den Schweifstern war der Halleysche Komet, den er bei seiner Sonnenannäherung 1301 selbst beobachtet hatte.

Wie Berechnungen ergaben, befand sich der Halleysche Komet im Jahr elf vor Christus in der Nähe der Sonne. Er muss damals als imposanter Schweifstern am Firmament zu sehen gewesen sein. Entsprechende zeitgeschichtliche Dokumente bestätigen dies. Halley erschien also fünf Jahre vor Christi Geburt und scheidet daher als Weihnachtsstern aus. Um sechs vor Christus wird in den Quellen nichts von einem hellen Kometen berichtet.

Noch weitere Gründe sprechen gegen die Annahme, dass der Stern von Bethlehem ein Komet gewesen sein könnte. ­Kometen galten als Unglücksboten, in ­deren Gefolge Hungersnöte, Feuersbrünste, Seuchen und Kriege die Menschen heimsuchten. Sie wurden mit dem Tod eines Herrschers in Beziehung gebracht, nicht aber mit der Geburt eines Thron­folgers.

Komet oder Supernova?

Im Jahr 44 vor Christus erschien eine gewaltige Donnerkerze am Himmel. Der riesige Komet tauchte nur zwei Monate nach der Ermordung des römischen Imperators Julius Cäsar auf. Für die Römer waren Kometen die Seelen der Verstorbenen, die unter die Gestirne versetzt in die Schar der unsterblichen Götter aufgenommen wurden. Herodes, der von den Römern ­eingesetzte Statthalter in Palästina, hätte einen hellen Kometen als Todesbotschaft und nicht als Geburtsanzeige gedeutet.

Laut dem Matthäusevangelium hatte sich Herodes heimlich bei den Sterndeutern nach dem hell scheinenden Stern erkundigt. Ein Komet wäre aber allen, auch den Juden, aufgefallen. Das Gleiche gilt für eine Supernova. Dabei handelt es sich um das kurzzeitige, helle Aufleuchten eines Sterns am Ende seiner Lebenszeit durch eine Explosion, bei der der ursprüngliche Stern selbst vernichtet wird. Die Leuchtkraft dieses Sterns nimmt dabei millionenfach zu, so dass er so hell wird wie eine ­Galaxie.

„Mit der Geburt Jesu Christi war es so . . .“

In den historischen Quellen tauchen noch andere Erklärungsversuche auf. Doch angesichts der astronomischen und geschichtlichen Fakten scheint die Deutung Johannes Keplers die schlüssigste zu sein. In vielen Planetarien wird um die Weihnachtszeit der Sternenhimmel zum ­tatsächlichen Datum von Christi Geburt ­dargestellt: die dreifache Begegnung der Planeten Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische im Jahre sechs vor Christus.

Genau so, wie der deutsche Astronom sie rund 1600 Jahre nach dem Ereignis beschreibt, von dem der Evangelist Matthäus berichtet: „Mit der Geburt Jesu Christi war es so . . .“ (Kapitel 1, Vers 18ff.).

Lesen Sie jetzt