Wie der gefeierte Schriftsteller Sten Nadolny für einen kultigen Image-Film nach Böblingen kam, und wie man Fußgänger zurück auf den Boden kriegt – das zeigte ein Filmabend im Bären-Kino.
Sten Nadolny war der gefeiertste deutsche Schriftsteller Anfang der 80er Jahre. Sein Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ über den britischen Polarforscher John Franklin wurde 1,8 Millionen Mal verkauft und in über 20 Sprachen übersetzt. Eines seiner weniger beachteten Meisterwerke wurde am Montag im Böblingen Bärenkino gezeigt.
Es ist der Imagefilm über Böblingen mit dem inoffiziellen Namen „Such is Life in Double B“ – „So lebt es sich in Doppel B“ der mittlerweile eine Art Kultstatus genießt und bei dem Sten Nadolny die Aufnahmeleitung innehatte. Dazu schrieb uns der Autor am Dienstag: „Allerdings habe ich bei dem BB-Film nur eine untergeordnete Rolle gespielt, ich war ja Film-Anfänger und an der Gestaltung nicht beteiligt.“
Buch und Regie stammen von Eckehard Munck, dessen winzige Böblinger Filmfirma Leonaris sich auf Dokumentarfilme spezialisierte und die es im Jahr 1973 mit einem Film über Molekularbiologie zu einer Oscar-Nominierung gebracht hatte.
Dieser bedeutendste Beitrag Böblingens zum weltweiten Filmschaffen war aber nur ein Aspekt des Abends, bei dem der Kulturamtsleiter Sven Reisch das Thema Stadtplanung ins Zentrum rückte, und mit dem ehemaligen Bauamtsleiter Chasid Winograd und der gegenwärtigen Baubürgermeister Christine Kraayvanger diskutierte. Der Abend sollte zeigen, wie Stadtplanung zur Stadtgeschichte wird und war der dritte von sechs Teilen einer Filmreihe zum Klimawandel der Kreissparkasse Böblingen.
Die Stadt ohne Eigenschaften
Der Film voll übermütiger Szenen und Wortspiele, lässt jeden im Unklaren, ob er mit feiner Ironie arbeitet, oder tatsächlich das glaubt, was er erzählt. Die Brüche werden sichtbar, wenn er Böblingen als Stadt anpreist, von der man schnell wegfahren kann – und mit dem Auto Orte erreicht in Zeiten, von denen man heute nur träumen kann: Zehn Minuten zum Flughafen, 20 Minuten nach Stuttgart, zwei Stunden zum Bodensee.
Was ist Böblingen, fragt der Film, wo die Kaufhäuser aussehen wie Kaufhäuser eben aussehen und wo die Banken aussehen, wie Banken eben aussehen. Wo man fast den Eindruck bekommt, hier werde eine Stadt beschrieben ohne Eigenschaften: „Die sehenswerte Stadt ohne Sehenswürdigkeiten“, charakterisiert sie der Film und sucht darauf die Antworten: BB gleich Bauboom, BB gleich besonders beliebt, BB gleich bisschen bummeln, BB gleich Big Business, BB gleich Böblingen bringt’s oder BB gleich Bella Bionda, die schöne Blondine.
Der Film zeigt das Lebensgefühl im Künstlerviertel, Gastlichkeit, Lebensart, Segelsport auf den Böblinger Seen, sowie bedeutende Industrieprodukte, die in die ganze Welt verfrachtet werden. „Nichts, was es in Böblingen gibt, könnte man nicht auch anderswo finden,“ sagt der Film, aber das Nebeneinander, die Gleichzeitigkeit sei es, das die Einmaligkeit Böblingens ausmache.
„In diesem Böblingen wären wir alle arbeitslos gewesen“
Der Architekt Chasid Winograd war von 1980 an Bauamtsleiter in Böblingen. Mit trockenem Humor fasste er die Aussage des Film zusammen: „Wenn Böblingen so gewesen wäre, dann wären wir alle arbeitslos gewesen.“ Aber Böblingen war nicht so wie im Film, und Winograd sah es als seine Aufgabe an, das Leben in der Stadt zu verbessern.
In den 80er Jahren gab es klare Doktrinen der Stadtentwicklung, die vom Anfang des 20. Jahrhunderts stammten. Die Stadtquartiere mussten streng nach Wohn- und Industriegebieten getrennt sein, die Horizonte der Stadt waren in drei Ebenen zu gliedern: Unterführungen, Straßen Brücken.
Aber die Stadtplaner dachten weiter. „Unsere Aufgabe war es, die Fußgänger wieder auf den Boden zu bringen, nicht auf die Brücken oder in die Unterführung zu verbannen. Ein Boden, der damals noch allein den Autos gehört hat“, sagte Winograd. Dieses planerische Umdenken kulminierte in Böblingen in der Landesgartenschau, im Jahr 1996, die heute noch als die große planerische Zäsur in Böblingen empfunden wird und zu der ebenfalls ein Dokumentationsfilm gezeigt wurde.
„Hundert dicke Bretter waren es!“
„Was war das dickste Brett, das Sie bohren mussten?“, wollte der Kulturamtsleiter Sven Reisch wissen. „Eines?“, antwortete Winograd – „Hunderte waren es.“ Der Schlachthof musste abgerissen werden, den die Vereine auf einmal als Vereinshaus haben wollten; da war der Spielplatz, den der Künstler Florian Aigner zwei Monate lang zusammen mit Kindern gebaut hatte, und den der TÜV nicht abnehmen wollte; da war der Kindergarten, der aus einem Provisorium nicht in ein wunderschönes Backsteinhaus ziehen wollte.
„Wir mussten fast jeden Böblinger einzeln von unserem Konzept überzeugen“, sagte Winograd, und es spricht für ihn, dass er sein jahrelanges Ringen um die Gartenschau in einer einzigen Antithese zusammen fassen kann: „Alle wollen, dass es besser wird, aber keiner will, das sich etwas ändert.“
Die Entwicklung umdrehen
Der Kinosaal im Bären war an diesem Abend gut gefüllt: Älteres Publikum, das sich mit diesem Film in die Stadt seiner Jugend zurück versetzte und jetzt vor der melancholischen Frage stand: Was ist aus unserem Böblingen geworden? Das Künstlerviertel ist verwaist, viele Einkaufsläden zu, die klangvollen industriellen Namen verblasst.
Es war zu spüren, dass die Besucher ihr Böblingen, damals die am schnellsten wachsenden Stadt in Deutschland, jetzt auf einem absteigenden Ast erleben. Diese Entwicklung umzudrehen, wird die Aufgabe der Stadtplanung der Zukunft sein – und Christine Kraayvanger nannte schon Orte, wo sie ansetzen will: Am Schlossberg, am Marktplatz, am Baumoval, das damals als Teil der Gartenschau gepflanzt wurde, und das heute das Klima in der Stadt schützen soll.