Ulrich Göser vom Ferdinand-Porsche-Gymnasium (links) und Manfred Birk vom Dillmann-Gymnasium (rechts) messen Kompass 4 keine allzu große Bedeutung zu. Foto: privat/dpa/Murat/Lichtgut

Demnächst bekommen die Viertklässler ihre Grundschulempfehlungen. Laut Kompass 4 ist nur ein Drittel fürs Gymnasium geeignet. Angemeldet werden zumeist aber viel mehr.

Demnächst gibt es Halbjahreszeugnisse in Baden-Württemberg. Offiziell ist es für die unteren Klassen kein Zeugnis, sondern lediglich eine Halbjahresinformation. Für die Viertklässlerinnen und Viertklässler im Land stellen sie aber dennoch eine Weichenstellung dar, denn sie bekommen auch ihre Grundschulempfehlungen ausgehändigt. Seit der Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums zum Schuljahr 2025/2026 umfasst diese nicht mehr nur die pädagogische Gesamtwürdigung der Lehrkräfte auf Basis der Noten, sondern auch die Ergebnisse der Kompass-4-Tests.

 

Im November mussten alle Viertklässlerinnen und Viertklässler an den neuen Kompetenzmessungen in Mathe und Deutsch teilnehmen. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) ist mit den Ergebnissen zufrieden. Nachdem das Institut für Bildungsanalysen Baden-Württemberg (IBBW) den Kompass-4-Test noch einmal weiterentwickelt habe, erweise sich dieser „als geeignetes Instrument für eine unabhängige Rückmeldung zum jeweiligen Leistungsstand eines Kindes“. So steht es in einer Pressemitteilung des Kultusministeriums.

Die Kinder haben in Deutsch folgende Ergebnisse erzielt:

  • 31 Prozent erreichten das grundlegende Niveau
  • 41 Prozent das mittlere Niveau
  • 28 Prozent das erweiterte Niveau

In Mathe fiel Kompass 4 minimal schlechter aus:

  • 34 Prozent erreichten das grundlegende Niveau
  • 40 Prozent das mittlere Niveau
  • 26 Prozent das erweiterte Niveau

Damit sind die Kompass-4-Ergebnisse zwar um einiges besser als im vergangenen Jahr. Dennoch, würde es allein nach der Kompetenzmessung gehen, könnten deutlich weniger Kinder am Gymnasium angemeldet werden, als es zuletzt der Fall war. In Baden-Württemberg wechselten zum Schuljahr 2025/2026 und damit nach der Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung mehr als 40 Prozent der Viertklässlerinnen und Viertklässler auf ein Gymnasium. In Stuttgart waren es sogar 60,5 Prozent.

Gehen zu viele Kinder aufs Gymnasium?

Das könnte den Schluss nahelegen, dass viele Kinder auf das Gymnasium gehen, obwohl absehbar ist, dass sie den Anforderungen dort nicht gewachsen sind. Manfred Birk, der geschäftsführende Schulleiter der Stuttgarter Gymnasien, lehnt diese Zuspitzung ab. „Richtig ist, dass wir hohe Übertrittsquoten haben“, sagt er. Mit der Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung seien diese Zahlen etwas zurückgegangenen. Im aktuellen Schuljahr gebe es an den Stuttgarter Gymnasien fünf Klassen weniger.

Im Grunde sei Kompass 4 aber nicht mehr als eine Klassenarbeit. Und eine einzelne Prüfung an einem einzelnen Tag könne nicht den Leistungsstand eines Kindes wiedergeben. Nicht umsonst gebe es auch beim Abitur eine „breite Leistungsabsicherung“, in welche neben den Prüfungen die Noten von zwei Schuljahren eingehen. Und nicht umsonst spiele bei der neuen verbindlichen Grundschulempfehlung neben Kompass 4 die pädagogische Gesamtwürdigung der Klassenkonferenz eine entscheidende Rolle. Auch die Kultusministerin betont: Kompass 4 könne bei der Wahl der weiterführenden Schule zwar helfen, aber „die Rückmeldung der Lehrkräfte hat die stärkste Aussagekraft“.

Seit dem vergangenen Schuljahr ist die Grundschulempfehlung fürs Gymnasium wieder verbindlich. Foto: stock.adobe.com

Im Übrigen habe die Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung nicht dazu geführt, dass die aktuellen Fünftklässlerinnen und Fünftklässler klüger oder passgenauer fürs Gymnasium seien als die Kinder in den Jahrgängen davor, sagt Birk – zumindest nicht an seiner Schule, dem Dillmann-Gymansium in Stuttgart-West. Dort seien die Vergleichsarbeiten Lernstand 5 genauso ausgefallen wie in der Vergangenheit auch.

Bessere Lernstand-5-Ergebnisse, aber keine gute Entwicklung

Das war am Ferdinand-Porsche-Gymnasium in Zuffenhausen ganz anders. Dort waren die Anmeldezahlen für die fünfte Klasse im vergangenen Jahr deutlich niedriger als gewohnt. Die Ergebnisse von Lernstand 5 waren dann um einiges besser als in den Jahren zuvor. Glücklich ist der Rektor Ulrich Göser mit dieser Entwicklung aber nicht, ganz im Gegenteil: „Mit der neuen verbindlichen Grundschulempfehlung schließen wir Kinder mit Migrationshintergrund aus“, sagt er. Das merke er an seiner Schule, wo viele Kinder mit ausländischen Wurzeln seien. Wenn zu Hause nur wenig oder gar kein Deutsch gesprochen werde, sei deren Sprachentwicklung oft etwas verzögert. Dennoch seien manche von ihnen durchaus fürs Gymnasium geeignet, sie würden ihr Potenzial später entfalten.

Göser ist überzeugt: „Wir haben definitiv nicht zu viele Kinder an den Gymnasien. Wir haben höchstens nicht immer die richtigen Kinder.“ Im vergangenen Jahr habe ein Junge aus einer indischen Familie den Potenzialtest an seiner Schule geschrieben. Diesen kann absolvieren, wer weder über Kompass 4 noch über die pädagogische Gesamtwürdigung eine Empfehlung bekommt; es ist eine Art Aufnahmeprüfung. Doch der indische Junge schaffte den Potenzialtest nicht. „Dabei war er klug. In Mathe hätte er alles rechnen können. Aber er verstand die Aufgaben nicht“, sagt Göser. Wegen der verbindlichen Grundschulempfehlung seien ihm die Hände gebunden gewesen, er habe den Jungen nicht aufnehmen können.

Eine „abscheuliche Entwicklung“

Die gesunkenen Anmeldezahlen an seiner Schule hätten noch zu einer anderen „abscheulichen Geschichte“ geführt, sagt Göser. Am Porsche-Gymnasium und am Eschbach-Gymnasium in Freiberg habe es jeweils 95 Anmeldungen gegeben. Das wären vier fünfte Klassen mit jeweils 23 oder 24 Kindern für jede Schule gewesen. Doch die Aufsichtsbehörde habe sparen wollen. Kinder mussten so umgelenkt werden, dass das Porsche-Gymnasium letztlich mit drei und das Eschbach-Gymnasium mit vier vollen fünfte Klassen an den Start ging.

„Wir haben jetzt drei fünfte Klassen mit jeweils 31 Kindern“, sagt Göser. Darunter seien viele, die nicht aus dem klassischen Bildungsbürgertum kämen. „Diese brauchen etwas mehr Zeit und Unterstützung. Da frage ich mich schon, ob das Handeln angemessen war“, sagt der Rektor und fügt hinzu: „Gymnasium ist nicht gleich Gymnasium. Man kann den Stuttgarter Norden nicht mit der Innenstadt gleichsetzen.“