Es brennt im wahrsten Sinne des Wortes: der Bosch-Betriebsrat mit 30 Mitarbeitenden des Leonberger Standortes auf einer der brachliegenden Flächen. Foto:  

Mit einer Aktion in Leonberg protestieren der Bosch-Betriebsrat und einige Mitarbeiter vor der Betriebsversammlung am Donnerstag gegen den geplanten Stellenabbau.

Zwei Tage, nachdem die Bosch-Geschäftsführung angekündigt hatte, noch einmal mehrere Tausend Arbeitsplätze zu streichen – darunter viele in Baden-Württemberg – , treffen sich am Totensonntag um 18 Uhr der Betriebsrat und einige Beschäftigte des Bosch-Standorts in Leonberg zu einer Protestaktion auf der Fläche im Bereich Benz-, Post- und Reinhold-Vöster-Straße. Dort, wo vor einiger Zeit eine überdimensionale Baugrube ausgehoben wurde und ein großer Gebäudekomplex mit Konferenzräumen, Laboren und einer Kantine entstehen sollte. Den Beschäftigten bei Bosch wurde eine blühende Zukunft in Aussicht gestellt, quasi das „Silicon Valley der Fahrerassistenz“ versprochen. Die überdimensionale Baugrube ist längst wieder zugeschüttet, wilde Vegetation hat sich die Fläche zurückerobert. Das große Projekt: abgespeckt.

 

Acht Kreuze werden in den Boden geschlagen

Die etwa 30 Menschen, die sich am Totensonntag hier versammeln, schlagen acht Kreuze in den Boden und rollen ihre Protest-Banner aus. „R.I.P (rest in peace, übersetzt: Ruhe in Frieden, Anm. d. Red.) – hier ruht die Zukunft der Fahrerassistenz“ oder „Stoppt den weiteren Stellenabbau“ ist darauf zu lesen. Dazu brennen sie bengalische Feuer ab. „Wir wollen das Feuer in Leonberg entzünden und rechtzeitig vor unserer Betriebsversammlung am Donnerstag in der Leonberger Stadthalle die Aufmerksamkeit auf den geplanten dramatischen Stellenabbau lenken“, sagt Sören Hengst, Betriebsratsmitglied bei Bosch, der die Aktion vor Ort in Leonberg kurzfristig organisiert hat. „Man nimmt uns Stück für Stück unsere Arbeitsplätze und Zukunft weg. Statt in zukunftsfähige, innovative Entwicklungsstandorte zu investieren, begegnet das Management dem Wettbewerb mit Kostenreduzierung durch Personalabbau. Das ersetzt aber keine Strategie“, ergänzt Dirk Taffe, der Betriebsratsvorsitzende bei Bosch in Leonberg.

Vor noch nicht einmal drei Jahren wurde die Software-Sparte „Cross-Domain Computing Solutions“ erwartungsvoll gestartet. In dieser Einheit führt Bosch sowohl die Hard- als auch Softwareentwicklung für Fahrzeugcomputer, Sensoren und Steuergeräte für alle Fahrzeugbereiche zusammen. Im Fokus dieses Geschäftsbereichs war hier unter anderem Leonberg, wo rund um die Poststraße ein Vorzeigeprojekt – ein offenes Gebäudeensemble mit Gastronomie – entstehen sollte, das nicht nur die eigenen Bosch-Mitarbeiter anlocken sollte. Neubauten im dreistelligen Millionenbereich waren geplant, angrenzende Grundstücke wurden teuer aufgekauft. Mehr als 2000 neue Mitarbeiter sollten akquiriert werden. Dann kamen Corona und die kriselnde Wirtschaftslage.

Auch die Standorte Leonberg und Renningen vom Abbau betroffen

Nun hatte es bereits im Juli dieses Jahres eine Vereinbarung über den Abbau von 750 Stellen an den deutschen Standorten des Geschäftsbereichs „Cross-Domain Computing Solution“ gegeben. Und aktuell sind in dieser Sparte sogenannte Personalanpassungsmaßnahmen in Höhe von weiteren 3500 Stellen weltweit, davon etwa die Hälfte an den deutschen Standorten Abstatt, Hildesheim, Leonberg, Renningen und Schwieberdingen, geplant. Gerlingen sei nicht betroffen, sagt Holger Scharf von der Standortkommunikation in Leonberg. Der Geschäftsbereich „Cross-Domain Computing Solutions“ beschäftigt derzeit etwa 20 000 Mitarbeitende weltweit.

„Stoppt den weiteren Stellenabbau“, fordern die Mitarbeiter. Foto: Julian Rettig

„Ich bitte um Verständnis, dass konkrete Anpassungsbedarfe je Standort Bestandteil der Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern sind und wir uns daher zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu Zahlen oder Maßnahmen äußern können“, erklärt Holger Scharf.

Weniger Mitarbeiter bedeuten auch weniger Platzbedarf, daher soll auch die Anzahl der genutzten Gebäude in Zukunft reduziert werden. Im Rahmen des Standortkonzepts für den Großraum Stuttgart sei entschieden worden, aus den alten Bestandsgebäuden bis Ende 2025 auszuziehen. Die Nachnutzung der Flächen sei aktuell noch offen. „Das wird auch einige Gebäude in Leonberg betreffen“, weiß der Betriebsrat Sören Hengst.

Der Geschäftsbereich „Cross-Domain Computing Solutions“ wird im Großraum Stuttgart zukünftig an den Standorten Leonberg, Renningen, Schwieberdingen sowie Abstatt sitzen, sagt Holger Scharf. „Leonberg wird mit dem Neubau und dem Einzug des Bereichsvorstands sowie von knapp 2000 Mitarbeitenden zum Hauptsitz dieses Bereiches“, erklärt der Sprecher von Bosch. Das neue Gebäude werde aktuell schrittweise bezogen. Neben dem Bereichsvorstand würden Querschnittsabteilungen wie Vertrieb und Marketing und Entwicklungsabteilungen am Standort ansässig sein.