Zum dritten Mal in diesem Jahr ruft der Betriebsrat des Friedrichshafener Panzermotorenbauers Rolls-Royce Power Systems die Belegschaft zusammen. Die Ankündigung der englischen Konzernzentrale, weltweit bis zu 2500 Stellen abzubauen, sorgt für neue Unruhe.
Der Friedrichshafener Motorenhersteller Rolls-Royce Power Systems (RRPS) kommt nicht zur Ruhe. Zum dritten Mal in diesem Jahr ruft die Belegschaftsvertretung eine Betriebsversammlung am Stammsitz ein, sie beginnt an diesem Dienstag auf dem Messegelände am Bodensee. 5500 Beschäftigte sind eingeladen. Er wolle seine Kollegenschaft auf kommende „Gefahren“ aufmerksam machen und Fragen aufnehmen, sagt der Betriebsratsvorsitzende Thomas Bittelmeyer.
Großthema der Versammlung sind neue Befürchtungen, die englische Konzernmutter könnte das Werk am Bodensee personell zur Ader lassen und Investitionen kürzen. Konkret geht es um die fünf Wochen alte Ankündigung des Rolls-Royce-Vorstandsvorsitzenden Tufan Erginbilgic, 2500 Stellen weltweit abzubauen. Der Triebwerkhersteller steht nachhaltig unter Margendruck, liegt weiter hinter dem Hauptkonkurrenten General Electric zurück. Taggleich mit der Betriebsversammlung hält die Konzernmutter einen Capital Markets Day ab. Bei dieser Investorenkonferenz, erwartet Bittelmeyer, wird der Konzernchef erklären wollen, wie er Rolls-Royce rasch profitabler macht. Der Aktienkurs ist zwar seit Jahresbeginn deutlich gestiegen, auf Fünfjahressicht liegt er jedoch mit gut 14 Prozent im Minus.
Lob für Militärpläne der Regierung Scholz
Die deutsche Dieselmotorensparte, immer noch als MTU bekannt, ist die Cash Cow bei Rolls-Royce. Im vergangenen Jahr erzielte Rolls-Royce Power Systems (RRPS) einen Rekordgewinn. Mitursächlich dafür ist auch das sogenannte Behördengeschäft, das ist der Bau von Motorenreihen für Marineschiffe und Panzer, so zum Beispiel für Leopard, Puma oder Marder. Über den Umfang solcher Bestellungen schweigt das Unternehmen. Knut Müller, Vizepräsident des Bereichs „Global Governmental“, lässt jedoch durchblicken, dass Friedrichshafen von der gestarteten Aufrüstung der Bundeswehr profitiert. „Wir begrüßen, dass die deutsche Regierung in die Zukunft der Bundeswehr investiert, um der von Kanzler Scholz ausgerufenen sicherheitspolitischen Zeitenwende zu begegnen“, sagte er auf Anfrage.
In den Panzermotorenbau, der am Bodensee bis zum Ausbruch des Ukraine-Krieges gleichmäßig-mäßig und verschwiegen lief, ist nun offenbar rasch investiert worden. „Wir haben die Produktionskapazitäten inklusive der Mitarbeiter entsprechend ausgeweitet“, so Müller. Und noch eine Nachricht aus Friedrichshafen gibt es, die den Beschäftigten vordergründig zur Beruhigung dienen könnte. Zwischen Management und Betriebsrat ist ein „Zukunftspakt 2026“ geschlossen worden; er schreibt eine auslaufende Vereinbarung zur Beschäftigungssicherung fort. Betriebsbedingte Kündigungen sind demnach weitere drei Jahre lang ausgeschlossen. Zudem sollen laut Unternehmen „in den nächsten Jahren“ rund 120 Millionen Euro in RRPS investiert werden.
Fallen womöglich 600 deutsche Stellen weg?
Ob das bedeutet, dass nicht trotzdem Stellen abgebaut werden, zum Beispiel über Abfindungen oder natürliche Fluktuation, ist allerdings nicht sicher. Was der angekündigte Stellenabbau etwa für den Standort Friedrichshafen bedeute, „ist noch nicht bekannt und wird im Januar bekannt gegeben“, teilt das Unternehmen mit. Weitere Untergesellschaften wie in Augsburg oder Magdeburg eingerechnet, beschäftigt RRPS rund 9000 Menschen.
Betriebsratschef Bittelmeyer macht eine simple Rechnung auf. „Im Endeffekt sind wir ein Viertel des Konzerns – das wären dann 600 abzubauende Stellen.“ Auf das Werk Friedrichshafen würden, weiter gerechnet, rund 350 Stellen fallen, die bedroht seien. Dass Erginbilgic die Rendite in Deutschland erhöhen wolle, sei unzweifelhaft. „Wir fahren unser ganzes Geld nach England“, sagt der Betriebsratschef, der zugleich stellvertretender RRPS-Aufsichtsratsvorsitzender ist. Anstatt aber in das wirtschaftlich kerngesunde Werk groß zu investieren, in Maschinen, Forschung und Entwicklung, werde an vielen Stellen gekürzt. Bittelmeyer: „Das ist keine Wirtschaftslogik, das ist Börsenlogik.“
Abteilungen müssen schließen
Zeichen dessen, dass an der Sparschraube gedreht wird, ist aktuell die Schließung der Zylinderkopffertigung für schnelllaufende Schiffsdieselmotoren der sogenannten Baureihe 4000. Die Zylinderköpfe werden „künftig einbaufertig von Lieferanten“, bezogen, so das Unternehmen. Laut Bittelmeyer sind 60 Kollegen betroffen, die nun umgesetzt werden müssen. Bereits das Management vor dem RRPS-Vorstandsvorsitzenden Jörg Stratmann, der vor gut einem Jahr an die Spitze kam, habe sich Geld für moderne Fertigungsmaschinen in dem Bereich gespart, sagt Bittelmeyer. Das sei nun das Ergebnis.
Und noch ein Warnzeichen alarmiert den Betriebsrat: Der Bereich Brennstoffzelle in Friedrichshafen, der mit militärischer Anwendung nichts zu tun hat, steht wohl vor dem Aus. Das Unternehmen glaubt offenbar nicht mehr, schneller bei der Entwicklung alternativer großer Stromgeneratoren sein zu können als Konkurrenten. Medienberichten zufolge verhandelt RRPS mit einem Käufer. Das Unternehmen teilt dazu lediglich mit: „Über mögliche noch zu treffende Entscheidungen werden wir zum gegebenen Zeitpunkt informieren.“ Grundsätzlich würden Geschäftsprozesse und Produktionsabläufe fortlaufend überprüft.
Die nächste Versammlung soll aufrütteln
Bittelmeyer deutet die aktuelle Lage so: „Ohne Beschäftigungspakt würden wir hier längst über einen Sozialplan reden. Einige unserer Leute sehen aber nicht die Gefahr kommen.“ Das wolle er am Dienstag laut und klar ins Mikrofon sagen.
Starke Zahlen aus Deutschland
Rekordgewinn
RRPS hat das Jahr 2022 mit einem von Sondereffekten bereinigten Rekordumsatz von 3,9 Milliarden Euro abgeschlossen, ein Plus von 23 Prozent zum Vorjahr. Der bereinigte Gewinn betrug 330 Millionen Euro – ein Plus von 17 Prozent zum Vorjahr und ebenfalls Höchstwert.
Fortsetzung
Im ersten Halbjahr 2023 stieg der Umsatz weiter auf rund zwei Milliarden Euro. Der Halbjahresgewinn liegt bei 143 Millionen Euro, ein vorläufiges leichtes Minus zu 2021.