In der Metallindustrie werden Stellen abgebaut – doch das gestaltet sich angesichts der Wirtschaftslage als ungewöhnlich schwierig Foto: dpa/Bernd Wüstneck

Für viele Chefs in der Metallbranche bestand Personalpolitik bisher darin, neue Mitarbeiter einzustellen. Corona und der Klimaschutz führen nun zum Jobabbau. Das bedeutet für Firmen ganz neue Herausforderungen.

Stuttgart - „Hallo, Tom“, sagte der Abteilungsleiter zu seinem Mitarbeiter. „Vielen Dank für dein Kommen, setz dich doch bitte. Tom, wir haben dich zum Gespräch gebeten, um dich über die aktuelle Situation zu informieren. Du kennst die bestehenden Herausforderungen und die Zielvorgaben für unser Unternehmen. Auch in meinem Verantwortungsbereich werden wir die Strukturen verändern. Konkret bedeutet das für dich, dass deine Aufgabe entfällt. Aufgrund der aktuellen Unternehmenssituation können wir dir leider keine alternative Stelle anbieten. Da es für dich in der neuen Struktur keine Funktion mehr gibt, habe ich entschieden, mich von dir zu trennen. Wir möchten dazu eine einvernehmliche Lösung mit dir erreichen. Dazu bieten wir dir ein Trennungspaket/einen Aufhebungsvertrag/eine Vorruhestandslösung an.“

 

Schulung für die Chefs

Tom ist zwar nur ein fiktiver Mitarbeiter des Daimler-Konzerns, aber wenn es nach dem Willen des Vorstands geht, wird es in dem Stuttgarter Konzern bald sehr viele Toms geben, denen ihr Chef nach dieser internen Regieanweisung das Ausscheiden nahelegt. Denn ab Juni – so ist einem internen Papier zu entnehmen, das unserer Zeitung vorliegt – sollen die Vorgesetzten in die Trennungsgespräche einsteigen. Dadurch will Daimler einen Personalabbau in fünfstelliger Höhe erreichen.

Schon jetzt werden die Chefs online darin geschult, diese Gespräche zu führen. Es werden Gesprächseröffnungen und Formulierungen für die Trennungsbotschaft vorgeschlagen, die alle eines gemeinsam haben: Sie sind sehr kurz, und sie bieten keinerlei Ansatzpunkte für Verhandlungen.

Subtile Drohungen

Zu den Schlüsselfaktoren für eine erfolgreiche Gesprächsführung zähle nicht nur ein klares und respektvolles Auftreten, sondern auch dies: „Sie haben sich Klarheit zu den möglichen Konsequenzen beim Verbleib der Mitarbeiter (Nicht-Unterschrift) verschafft und sind bereit, konsequent zu handeln.“ Wer nicht gehen will, dem soll die Botschaft mitgegeben werden, es sei möglich, dass sich „alles für dich verändert. Dann musst du in Zukunft sehen, wie du mit dieser Unsicherheit im beruflichen Umfeld umgehen kannst.“ Angedeutet werden auch „Auswirkungen“ auf Gespräche zur Leistungsbeurteilung.

Bei den Belegschaftsvertretern des Stuttgarter Konzerns lässt die Schulungsunterlage die Alarmglocken läuten. Das geschilderte Vorgehen stehe „im krassen Widerspruch zu den zwischen Betriebsrat und Unternehmensleitung abgeschlossenen Betriebsvereinbarungen und ist sofort zu unterlassen“, schreiben Carmen Klitzsch-Müller, Chefin des Betriebsrats Zentrale, und ihr Stellvertreter Bernd Öhrler an die Mitarbeiter. Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht und sein Stellvertreter Ergun Lümali sehen durch den Aufbau von Druck auf Mitarbeiter, die gehen sollen, gar eine „rote Linie überschritten".

Stellenabbau – eine neue Erfahrung

Nicht nur bei Daimler gibt es viele Manager, die nur Zeiten des Wachstums kennengelernt haben und völlig unerfahren im Abbau von Personal sind. Dabei ist die Streichung von Stellen heute viel schwieriger als in früheren Zeiten. Bisher konnten die Unternehmen die Bereitschaft von Mitarbeitern zur Unterschrift unter einen Aufhebungsvertrag relativ einfach durch den Geldbetrag steuern, den sie ihre Beschäftigten zusammen mit dem Papier auf den Tisch legten.

Besonders großzügig gibt sich Daimler. In einem Berechnungsbeispiel, das unserer Zeitung vorliegt, wird einem 47-jährigen Mitarbeiter, der brutto 9136 Euro im Monat verdient und spätestens sechs Monate nach dem Erstgespräch unterschreibt, eine Prämie inclusive Placement von 418 502,46 Euro in Aussicht gestellt.

Die große Hürde Arbeitsmarkt

Doch welcher Beschäftigte, der nicht ohnehin kurz vor der Rente steht, will schon einen festen Arbeitsplatz aufgeben, um in einer stillgelegten Wirtschaft auf Jobsuche zu gehen? Die IG Metall sieht auf viele Firmen ein Problem zukommen. „Die Neigung, in dieser schwierigen Lage den Arbeitsplatz aufzugeben, ist sicher geringer als in guten Zeiten“, sagt ihr Landeschef Roman Zitzelsberger. „Das erschwert den freiwilligen Stellenabbau gerade bei Unternehmen, die weiter eine Beschäftigungsperspektive bieten.“ Am ehesten bereit zum Ausscheiden seien noch Mitarbeiter von Unternehmen, bei denen die Pleite im Raum steht. Für sie könne der Weg, über eine Transfergesellschaft in einen neuen Job zu wechseln, interessanter sein. „Denn ansonsten blieben sie möglicherweise auf dem Pulverfass eines möglichen Insolvenzbetriebs sitzen.“

Technologiewandel gibt es auch noch

Die Corona-Krise überlagert die Krise, in welche die Branche bereits durch den Technologiewandel geraten war. Über lange Jahre setzte sie darauf, durch immer bessere Verbrennungsmotoren die Elektromobilität überflüssig zu machen. Doch nicht nur der Dieselskandal machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Auch die Politik Chinas, des wichtigsten Automarkts der Welt, E-Autos durch eine Quote zulasten der Verbrennungsautos zu bevorzugen. Und der US-Autohersteller Tesla führte den Deutschen vor, dass auch E-Autos Fahrspaß bieten können. Nun hat die EU den Autoherstellern strenge Vorgaben für den Klimaschutz ins Pflichtenheft geschrieben, die schon Ende dieses Jahres zu greifen beginnen und riesige Investitionen erfordern – aus Mitteln, die nun wegen des Stillstands nicht erwirtschaftet werden können.

Ein Zurück gibt es nicht

Schon fordert Südwestmetall-Chef Stefan Wolf die EU-Kommission auf, die Verschärfung der EU-Grenzwerte zu verschieben. Ansonsten werde die „ohnehin gebeutelte Branche nur noch weiter zurückgeworfen“. Die IG Metall sieht das ganz anders. Eine Verschiebung sei „genau der falsche Weg“, findet Zitzelsberger. „In diesem Fall könnten sich die Unternehmen, die den Wandel bisher im Schlafwagen angegangen haben, wieder hinlegen.“

Doch ist die Dreifachbelastung aus Technologiewandel, Exporthürden und Coronakrise überhaupt zu meistern? Zitzelsberger sieht dazu keine Alternative, will man nicht den Anschluss verlieren. Nur eines müsse die EU vermeiden: eine nochmalige Verschärfung der Grenzwerte. Es dürfe „bei den Menschen nicht der Eindruck entstehen, dass ein Überbietungswettlauf bei denen Grenzwerten wichtiger ist als der Erhalt von Arbeitsplätzen“. Für den Technologiewandel selbst aber gelte die Devise: „Was vor Corona richtig war, kann danach nicht falsch sein.“