Wissenschaftler in Bozen untersuchen die Mumie aus dem Schnalstal. Foto: dpa/M.Samadelli

Vor 30 Jahren wurde die im Gletschereis mumifizierte Leiche des Steinzeitmenschen „Ötzi“ gefunden. Bis heute ist er so beliebt, dass das Museum in Bozen ständig überlaufen ist. Bekommt Ötzi nun eine neue letzte Heimstatt?

Bozen - Rund 270 000 Besucher pilgern pro Jahr an Ötzis Glassarg im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen vorbei. Werfen einen Blick auf die 5300 Jahre alte Feuchtmumie vom Tisenjoch im Schnalstal. Ihre Entdeckung im Jahr 1991 in 3200 Meter Höhe geriet zur Sensation. Auch 30 Jahre danach wird an der Mumie geforscht: Schritt für Schritt gibt der Mann aus dem Eis seine Geheimnisse preis.

 

Professor Oliver Peschel ist Rechtsmediziner der Ludwigs-Maximilians-Universität (LMU) München und sozusagen Ötzis Leibarzt. Mehr als 10 000 Menschen hat der derzeit verantwortliche Konservierungsbeauftragte in seiner Laufbahn bereits obduziert. Seit 2016 forscht Peschel an Ötzi. Eine seiner Hauptaufgaben: verhindern, dass die Mumie noch mehr austrocknet.

Soll „Ötzi“ endlich endgültig bestattet werden?

Zwei Tage im Monat ist Peschel in Bozen vor Ort, sein aktueller Forschungsschwerpunkt: Wie mit der Konservierung fortfahren? Die Mumie verliert pro Tag zwei Gramm Feuchtigkeit und damit an Gewicht. Peschel sagt: „Ötzi ist keine typische Gletscherleiche. Diese werden üblicherweise vom Eis wie ein Knäuel zusammengedrückt und wie in einer Kaffeemühle zermahlen“.

Auch mit Opferkult- oder Ritualmord-Theorien räumt der Mediziner auf. Ist der Mann erst nach dem Tode oben auf 3200 Metern abgelegt worden? „Das ist Unsinn. Er ist eindeutig dort oben gestorben.“ Peschel weiß ebenso, dass immer wieder Stimmen mahnen, den Toten endgültig zu bestatten – aus Pietätsgründen. Sein Standpunkt ist klar: „Darf man diese Mumie ausstellen, ethisch betrachtet? Man darf nicht nur, man muss!“ Die Menschen hätten ein Bedürfnis, mit dem Tod konfrontiert zu werden, sagt Peschel. „Das macht man nicht aus Voyeurismus oder aus schlechtem Charakter.“ Es sei heute üblich, Leichen sozusagen verschwinden zu lassen, man sehe sie nicht mehr. „Aber es geht um das Verabschieden, um die Konfrontation, um das Begreifen von Tod. Das ist nicht durch Lehrbücher zu vermitteln.“

Was macht man mit der Pfeilspitze im Fleisch?

Ein würdiger Rahmen sei dabei aber wichtig und auch, den Verstorbenen nicht zu verletzen. Der Professor befürchtet, dass das Entfernen der 2001 entdeckten Pfeilspitze Schaden bewirken könnte. Doch eine wesentliche Forschungsfrage ist nach wie vor: Von wem stammt diese Spitze aus Stein, die schuld am schnellen Tod des Jungsteinzeitmanns war?

Sein Kollege Albert Zink, Mumienforscher aus München, studierte Biologie sowie Anthropologie und untersuchte zuvor ägyptische Mumien. Zink leitet das Bozener Eurac-Research-Projekt zur Mumienforschung am „Eismann“. Er vermutet, dass der Pfeil eines Tages minimalinvasiv entfernt werden wird: „Anhand der Pfeilspitze kann man wohl Rückschlüsse auf den Täter ziehen. Denn am Teer, mit dem die Spitze eingesetzt wurde, könnte die DNA des Täters sein. Waren es die eigenen Leute oder eine fremde Gruppe?“ Diese Erkenntnis wäre eine neue Sensation.

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Der Krimi geht weiter. „Ein Ende der Forschung ist nicht absehbar, da sich durch neue Methodiken auch neue Möglichkeiten ergeben“, sagt Zink. Dann resümiert er mit Augenzwinkern: „Was wäre bloß ohne Ötzi aus mir geworden? Ich weiß es nicht.“

Auf „Ötzis“ Haut zählt man 61 Tätowierungen

Archäologe Andreas Putzer stammt aus Bozen und hat Ur- und Frühgeschichte studiert. Seit 2003 ist er freier Mitarbeiter des Südtiroler Archäologie-Museums. „Seit 23 Jahren liegt Ötzi nun hier. In dieser Zeit haben ihn rund 5,5 Millionen Besucher gesehen – schließlich ist er die besterhaltene Gletscherleiche der Welt. Es gibt keinen vergleichbaren Fall. Für damalige Verhältnisse war er mit rund 40 bis 50 Jahren ein Methusalem. Übrigens hat er 61 Tätowierungen, die ältesten der Welt.“

Putzer forscht noch immer entlang vorgeschichtlicher Routen Südtirols. Bei Grabungen im Finailtal, im Tisental und an der Penaud-Alm habe sich gezeigt, dass die Seitentäler des Schnalstals ebenso voller Funde seien wie das Tisenjoch mit der Ötzi-Fundstelle, die ältesten Objekte stammen sogar von 3900 vor Christus.

Der „Eismann“ könnte ein neues Museum bekommen

„Am Gurgler Eisjoch wurde ein gut erhaltener Schneeschuh entdeckt, der rund 6000 Jahre alt ist, also noch mal 700 Jahre älter als Ötzi.“ Auch jungsteinzeitliche Funde gibt es. Aktuell warte man auf die Erlaubnis, mit allen Ausstellungsstücken in ein größeres Haus zu ziehen, sagt Putzer.

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Für Ötzis neues Eigenheim sind aktuell diverse Standorte und Betreiber rund um Bozen im Gespräch. Zum Beispiel ein ganzes Museumsquartier samt Seilbahn auf einem Hügel über der Stadt, geplant von einem US-norwegischen Büro, im Auftrag des österreichischen Milliardärs René Benko. Die Entscheidung über Ötzis künftige Residenz wird in den kommenden Wochen erwartet.

Fakten über Ötzi

Beifunde
Am 19. September 1991 entdeckte das Nürnberger Ehepaar Simon am Südtiroler Tisenjoch eine Leiche im Eis, deren Alter heute auf 5300 Jahre datiert wird. Bei Grabungen stieß man auf rund 50 Beifunde. Kleidung und die Ausrüstung sind weltweit einzigartig, Felle und Leder stammen von rund fünf verschiedenen Tierarten. Der Mann war 1,60 Meter groß, hatte Blutgruppe 0 und vertrug keine Milch (laktoseintolerant).

Kühlzelle
Seit 1998 ruht Ötzi bei minus sechs Grad Celsius mit Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent in einer Kühlzelle. 2001 entdeckte der Radiologe Paul Gostner zufällig eine Pfeilspitze in der Schulter. Ötzis Todesumstände hat der Münchner Fallanalytiker Alexander Horn untersucht. Bis heute forschten über 870 Wissenschaftler aus der ganzen Welt an der Feuchtmumie.